DUP UNTERNEHMER-Magazin: KI-Agenten gelten aktuell als der große Trend. Was kommt danach?
Philipp Klöckner: Die nächste Stufe für Büroarbeit sind nicht einzelne Agenten, sondern ganze „Orchester”: Agenten, die wiederum Agenten koordinieren und Aufgaben delegieren. Darüber hinaus verschiebt sich die Entwicklung in die physische Welt – etwa in Richtung humanoide Robotik. Viele technische Probleme dafür sind bereits gelöst, nur Feinmotorik und Trainingsdaten bleiben Herausforderungen. Ich gehe davon aus, dass wir hier in den nächsten ein bis zwei Jahren erhebliche Fortschritte sehen werden.
Agenten sind noch gar nicht breit etabliert. Zeigt die Frage nicht, dass die KI-Debatte überhitzt ist?
Klöckner: Ja und nein. Es gibt ganz klar einen Hype – gleichzeitig wird die Dynamik der Entwicklung aber oft immer noch unterschätzt. Vergleicht man den Stand von vor drei Jahren mit heute, ist der Fortschritt enorm. Viele Probleme mit KI sind klassische Kinderkrankheiten, die zunehmend gelöst werden. Die eigentliche Transformation steht vielerorts sogar erst am Anfang.
Papst Leo XIV. hat sich kürzlich in seiner ersten Enzyklika zu KI geäußert. Sind wir alle des Teufels?
Klöckner: Ich würde nicht sagen, KI sei Teufelswerk – aber sie entwickelt sich zur Konkurrenz für Gott, für Kirche und Glauben: Viele Menschen wenden sich an die KI, um Zwiegespräche zu führen, die man früher vielleicht im Beichtstuhl beim Pfarrer hatte, wenn man Rat, Einordnung, Trost suchte. Der Papst positioniert sich quasi in diesem neuen Wettbewerb. Seine Beschäftigung mit dem Thema ist allerdings völlig berechtigt. Denn KI ist ein Umbruch von der Größenordnung der industriellen Revolution. Es wird Umwälzungen für viele Individualschicksale geben, aber auch für Gesellschaften als Ganzes. Sich darauf geistig vorzubereiten ist kein Fehler, sondern geboten.
Führt KI dazu, dass Menschen geistig verarmen?
Klöckner: Das Risiko ist durchaus real. Wer das Denken vollständig outsourct und Ergebnisse unkritisch übernimmt, trainiert die eigenen Fähigkeiten eben weniger bis gar nicht. Das Gehirn verkümmert. Gleichzeitig gilt aber auch: Wer KI reflektiert nutzt, hat heute Zugang zu mehr Wissen und kann mehr lernen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Medienkompetenz, der mündige Umgang mit Ergebnissen der KI, macht den Unterschied aus.
Wo liegt die Grenze zwischen sinnvoller Nutzung und gefährlicher Abhängigkeit von KI?
Klöckner: Problematisch wird es dort, wo man deren Ergebnisse nicht mehr hinterfragt. KI ist ein Werkzeug, sie darf die eigene Urteilskraft auf keinen Fall ersetzen. Wer sie nutzt wie eine Quelle unter vielen, profitiert. Wer sie aber als alleinige Wahrheit akzeptiert, setzt seine eigene geistige Fitness aufs Spiel, riskiert Fehler – und darüber hinaus eine furchtbare Homogenisierung von Meinungen. Wenn wir alle einfach gläubig einer KI gehorchen, gerät die pluralistische Demokratie ernsthaft in Gefahr.
Wie nutzen Sie persönlich KI, ohne die eigene Denkfähigkeit einzubüßen?
Klöckner: Am Anfang hilft es mir, parallel zu arbeiten. Ich erledige meine Aufgaben wie gewohnt und lasse die KI zusätzlich Lösungen für die Problemstellung erzeugen. So erkenne ich meine eigenen blinden Flecken. Habe ich etwas vergessen? Andere Schwerpunkte gesetzt? Oder schlicht einen anderen Geschmack als die KI? Ein Abgleich der Ergebnisse führt mich direkt dahin zu sagen: Dieses ist genau mein Stil. In einem zweiten Schritt wird die KI dann zu meinem Sparringspartner, etwa um Thesen zu prüfen oder Argumente zu testen. Wichtig bleibt: Ich setze KI nur in solchen Bereichen ein, in denen ich genug eigene Expertise habe, um Fehler schnell zu erkennen. Wenn es etwa um den Medizinbereich ginge, würde ich das auf gar keinen Fall allein einer KI überlassen.
Was können Führungskräfte daraus lernen?
Klöckner: KI sollte das Denken nicht ersetzen, sondern spiegeln und erweitern. Wer sie gezielt einsetzt, gewinnt Geschwindigkeit und Perspektivenvielfalt. Wer sie unreflektiert nutzt, verliert beides.
Und was sollte Europa aus der rasanten Dynamik bei KI lernen?
Klöckner: Europa muss erkennen, dass es eine eigene, souveräne Strategie für Künstliche Intelligenzen braucht. Nur so können neue Abhängigkeiten vermieden werden. Dabei muss es nicht zwingend um ein eigenes europäisches KI-Modell gehen. Open-Source-Ansätze können schon ein wichtiger Baustein sein. Diese schaffen durchaus bis zu 95 Prozent der Leistung der besten US-Modelle. Damit reichen sie in der Regel für die meisten heutigen Zwecke aus. Was am Ende zählt, ist, dass Wertschöpfung, Einfluss und Besteuerung nicht vollständig an andere Regionen wie die USA oder China verloren gehen. Denn sonst fließen aus Europa auch noch die Steuern auf die mit KI erzielten Gewinne ab, wie es bei anderen Plattformökomien und bei Onlinewerbung bereits der Fall ist. Die Gefahr ist groß, dass dann die Spielräume für Investitionen in die Zukunft weiter eingeschränkt würden.
