9-9-6: Das Arbeitsmodell, das Europa herausfordert 

Das 9-9-6-Arbeitsmodell erlebt im globalen KI-Wettlauf ein Comeback – trotz Burnout-Risiken und Verboten in China. Auch in Europa wächst der Druck, mit längeren Arbeitszeiten konkurrenzfähig zu bleiben. Doch entscheidend ist nicht die Zahl der Stunden, sondern wie klug Innovation und KI eingesetzt werden.

Ein Mann und eine Frau arbeiten im 9-9-6-Arbeitsmodell bis spät in der Nacht.

26.02.2026

2 Stunden pro Woche. Von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche. Was klingt wie ein arbeitsrechtlicher Albtraum, ist längst die stillschweigende Messlatte in den KI-Laboren von San Francisco und Shenzhen. Und die Frage, die sich deutschen Führungskräften stellt, wird lauter: Was bedeutet das für uns? 

Das 9-9-6-Modell hat seine Wurzeln in der chinesischen Tech-Branche der 2010er-Jahre, wo Unternehmen wie Alibaba und ByteDance ihren rasanten Aufstieg mit einer Arbeitskultur der totalen Hingabe verknüpften.  

2021 erklärte Chinas Oberstes Gericht das Modell für illegal – zu viele Burn-outs, zu viele Todesfälle durch Überarbeitung, zu viel gesellschaftlicher Druck. Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet im Silicon Valley erlebt 9-9-6 jetzt seine Renaissance. 

Laut einem Wired-Bericht arbeitet nahezu die gesamte 80-köpfige Belegschaft des KI-Startups Rilla auf einem 9-9-6-Zeitplan. An der Spitze der KI-Forschung geht es noch weiter: Führende Forscher sollen 100-Stunden-Wochen absolvieren und scherzhaft über ein „0-0-2"-Modell sprechen – Mitternacht bis Mitternacht, mit zwei Stunden Pause am Wochenende. Und Google-Mitgründer Sergey Brin empfahl seinen Gemini-Teams offen, mindestens fünf Tage pro Woche im Büro zu sein, 60 Stunden seien der produktive „Sweet Spot". 

Was treibt diesen Trend? Zwischen 2022 und 2024 wurden mehr als eine halbe Million Tech-Beschäftigte entlassen. Wer seinen Job behalten hat, ist dankbar und Arbeitgeber haben die Machtverschiebung genutzt. Hinzu kommt der KI-Wettlauf, der eine neue Dringlichkeit erzeugt: Wer nicht liefert, verliert – nicht nur Marktanteile, sondern möglicherweise die Relevanz für ein ganzes Jahrzehnt. 

Der europäische Reflex und seine Grenzen 

Mehrere Venture-Capital-Investoren, darunter Harry Stebbings von 20VC und Index-Ventures-Partner Martin Mignot, propagieren seit Mitte 2025 offen längere Arbeitswochen für Gründer, um gegenüber den USA und China konkurrenzfähig zu bleiben. Die Debatte hat Europa erreicht und sie trifft auf eine gespaltene Reaktion. 

Einerseits sind die Argumente für mehr Einsatz nicht von der Hand zu weisen. Im IMD-Wettbewerbsranking ist Deutschland von Platz 6 im Jahr 2014 auf Platz 24 gefallen. Zwei Jahre Wirtschaftsschrumpfung, struktureller Fachkräftemangel, zögerliche Digitalisierung: Das Gefühl, den Anschluss zu verlieren, ist keine Hysterie, sondern eine belegbare Zustandsbeschreibung. 

Andererseits greift die einfache Gleichung „mehr Stunden = mehr Output" zu kurz. Kritiker weisen darauf hin, dass ein solches Modell nur für eine privilegierte Minderheit geeignet ist und kaum Raum für Menschen mit familiären Verpflichtungen lässt. Investor Deedy Das von Menlo Ventures bringt es auf den Punkt: Generationsunternehmen baut man nicht mit einer Sklaventreiber-Mentalität. Und Burnout zählt laut Balderton-Capital-Partnerin Ivee Miller zu den drei häufigsten Gründen, warum Frühphasen-Startups scheitern. 

Die eigentliche Frage 

Die entscheidende Stellschraube liegt nicht im Takt der Uhr, sondern im Takt der Innovation. Das ist kein Trostpflaster für eine bequeme Gesellschaft, es ist eine strategische Einsicht. Deutschland hat seinen wirtschaftlichen Erfolg nie durch Stundenvolumen allein aufgebaut, sondern durch Präzision, Ingenieurskultur und die Fähigkeit, komplexe Probleme strukturiert zu lösen. Diese Stärken lassen sich durch KI potenzieren, aber nicht durch schlichtes Verlängern des Arbeitstages. 

Was Führungskräfte heute wirklich fragen müssen: Nicht ob ihre Teams mehr Stunden arbeiten, sondern ob sie die richtigen Stunden an den richtigen Problemen verbringen. Ob KI bereits dort eingesetzt wird, wo sie Routinen übernehmen kann. Und ob die Unternehmenskultur Hochleistung ermöglicht – ohne dabei die Menschen zu verlieren, die diese Leistung erbringen sollen. 

9-9-6 ist kein Modell für Deutschland. Aber die Energie dahinter, die Dringlichkeit, der Leistungswille, die Bereitschaft, Geschichte zu schreiben – die sollten wir uns zumindest ein Stück weit zu eigen machen.