127 Jahre Unternehmensgeschichte: Bürde oder Vorteil? Für Miele ist die lange Historie vor allem eines: ein Erfahrungsarchiv für Zeiten permanenter Veränderung. Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz seien deshalb kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern deren konsequente Fortsetzung, sagt Axel Kniehl, Executive Director bei Miele, im Podcast DUP Business Talk.
Innovation beginne bei Miele „nicht mit Technologie, sondern mit einer Haltung“. Wer über mehr als ein Jahrhundert hinweg erfolgreich sei, lerne vor allem eines: Wandel ist kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Aus politischen Umbrüchen, technologischen Revolutionen und Marktveränderungen sei im Unternehmen ein Erfahrungswissen entstanden, das sich nicht googeln lasse. „Wissen lässt sich heute recherchieren. Erfahrung nicht“, sagt Executive Director Axel Kniehl selbstbewusst.
Der entscheidende Maßstab für Innovation sei bei Miele nicht technische Machbarkeit, sondern konkreter Nutzen. Die erste Frage laute nie: Was ist technisch möglich? Sondern: Welches Problem wird damit gelöst? „Wir glauben nicht an digitale Spielereien, die beeindrucken, aber keinen echten Mehrwert liefern“, sagt Kniehl. Deshalb habe sich Miele früh mit Vernetzung beschäftigt – lange bevor Smart Home oder das Internet der Dinge zum Massenmarkt wurden. Bereits in den 1990er-Jahren sei absehbar gewesen, dass Geräte miteinander kommunizieren würden. Heute sind laut Kniehl viele Miele-Geräte vernetzbar, künftig werden es alle sein. Doch auch hier gelte: Vernetzung darf kein Selbstzweck sein.
Miele Innovation: Langlebige Produkte, lernende Software
Ein zentraler Innovationshebel liegt für Miele in der Verbindung von langlebiger Hardware und lernfähiger Software. Kniehl: „Menschen wollen ihre Hausgeräte nicht alle zwei oder drei Jahre austauschen. Ein Backofen, eine Kaffeemaschine oder Waschmaschine sollen möglichst lange Freude bereiten.“ Gleichzeitig ermögliche Software heute, Geräte über ihre gesamte Lebensdauer hinweg weiterzuentwickeln, etwa über neue Programme, optimierte Abläufe oder zusätzliche Funktionen per Update. Dafür brauche es eigene Kompetenz im Unternehmen. Software, Daten und Elektronik ließen sich nicht vollständig auslagern. Nur wenn Entwicklung, Hardware und digitale Nutzererfahrung zusammengedacht würden, könnten Produkte ganzheitlich entstehen.
Daten als Vertrauensfrage
Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie ist für den Executive Director deshalb der verantwortungsvolle Umgang mit Daten. Schließlich würden die Geräte wertvolle Informationen darüber liefern, wie sie genutzt würden, immer pseudonymisiert. Miele erfahre nicht, wer ein Gerät nutzt, wohl aber, welche Programme gewählt werden oder wo Prozesse verbessert werden könnten. „Diese Daten helfen uns, Funktionen weiterzuentwickeln, Unnötiges wegzulassen und das Erlebnis der Nutzenden gezielt zu verbessern“, so Kniehl.
Miele genießt seit vielen Jahrzehnten großes Vertrauen bei seinen Kundinnen und Kunden. Daher seien auch viele von ihnen dazu bereit, Miele ihre Nutzungsdaten zur Verfügung zu stellen, weil sie darauf vertrauen, dass diese ausschließlich zur Verbesserung von Produkten und Services eingesetzt würden. „Über 92 Prozent der Nutzer erlauben es uns, ihre Daten wie Bilder von Gerichten aus dem Backofen zu nutzen, das ist ein großer Vertrauensbeweis in die Marke“, so Kniehl. Und der Nutzen zeige sich also konkret im Alltag. Viele Servicefälle ließen sich deshalb heute remote lösen, ohne dass ein Techniker anreisen müsse. Das spare Zeit, Kosten und Aufwand – für die Kunden ebenso wie für das Unternehmen.
Langlebigkeit als wirksamster Beitrag zur Nachhaltigkeit
Besonders deutlich werde der Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit beim Thema Energieeffizienz. Diese entstehe nicht allein durch den Kauf eines sparsamen Geräts, sondern vor allem durch dessen Nutzung. Viele Menschen verwendeten Programme nicht immer optimal – oft aus Gewohnheit oder Unwissen. Über digitale Dashboards könne bei Miele-Geräten transparent gemacht werden, wie diese genutzt werden und wo Einsparpotenziale liegen. Schon kleine Veränderungen im Nutzungsverhalten hätten einen großen Effekt. Der größte Teil der CO₂-Emissionen eines Haushaltsgeräts entstehe schließlich während seiner Nutzungsdauer, nicht in der Produktion. Dennoch sei es aus ökologischer Perspektive sinnvoll, Haushaltsgeräte möglichst lange zu nutzen und nicht vorschnell gegen neue, sparsamere auszutauschen. Deshalb bleibe Langlebigkeit der wirksamste Beitrag zur Nachhaltigkeit. Miele testet Geräte auf eine Lebensdauer von bis zu 20 Jahren. Auch in der Küche zeige sich laut Kniehl, wie Digitalisierung funktionieren könne, wenn sie konsequent am Nutzen ausgerichtet werde.
Funktionen wie „Smart Food ID“ erkennen Gerichte im Backofen und wählen automatisch passende Programme. Kameras, Bildverarbeitung und Künstliche Intelligenz sorgen dafür, dass Speisen punktgenau gegart werden. Der „Culinary Coach“ hilft, auch herausfordernde oder unbekannte Gerichte sicher selbst zuzubereiten. Technik soll dabei nicht die Freude und Kreativität beim Kochen ersetzen, sondern unterstützen. Ähnlich funktioniere die Koordination mehrerer Geräte: Wenn zum Beispiel Backofen und Dampfgarer miteinander kommunizieren, erfolgen Abläufe automatisiert im Hintergrund – Speisen werden gleichzeitig fertig, ohne dass Nutzer permanent eingreifen müssen.
Roboter im Haushalt sind kein Zukunftsszenario mehr
Innovation bedeutet bei Miele allerdings auch, den Mut zu haben, Projekte zu beenden, wenn sie nicht funktionierten. „Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern ob sie reale Probleme für unsere Kunden löst“, sagt Kniehl. Der Blick in die Zukunft sei geprägt von wachsender Komplexität im Alltag. Produkte müssten einfacher werden, Ergebnisse verlässlicher, Bedienung intuitiver.
Automatisierung, KI und perspektivisch auch Robotik würden dabei eine wichtige Rolle spielen. Roboter als Helfer im Haushalt seien „kein fernes Szenario mehr“, so Kniehl. Wie die Zukunft des Kochens aussehen könnte, zeige das Unternehmen durch Projekte wie „Living Tomorrow“ in Belgien. Im dort installierten „Food Lab“ unterstützen KI-basierte Assistenzsysteme und innovative Technologien beim Kochen, etwa bei der Erstellung von personalisierten Speiseplänen. Daraus entstünden neue Fragen: Wie interagieren Mensch, Produkt und Roboter künftig miteinander? Welche Anforderungen entstehen an Bedienbarkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit? Für Kniehl bleibt genau diese Herausforderung der eigentliche Antrieb. Veränderung sei anstrengend, manchmal überfordernd, „aber sie hält wach“.
Technologischer Wandel vergrößere aber nicht selten die Unterschiede zwischen technikaffinen Mitarbeitenden und jenen, die sich damit schwertun. Unternehmen müssten deshalb alle mitnehmen. Mit einer eigenen „Data & AI Academy“ schafft Miele genau das und macht seinen Beschäftigten zielgerichtete Weiterbildungsangebote. Bei Miele gilt: Lernen soll nach Möglichkeit dauerhaft Teil der Arbeit sein. Am Ende stehe deshalb weniger eine Technologiefrage als eine Haltung. Kniehl erklärt: „Innovation braucht Mut. Und Mut beginnt mit einer einfachen Frage: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass es gelingt?“ Da sind 127 Jahre Unternehmensgeschichte ein großer Vorteil, um mutig zu sein.
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Den Postcast DUP Businesstalk mit Axel Kniel hören Sie hier.

