Wie KI Wirtschaftswachstum konkret antreibt
Das Wirtschaftswachstum in Deutschland scheint seit Jahren eingefroren. Mit ähnllichen Problemen ringt Finnland, als nordisches Land notorisch bekannt für sein kaltes Klima. Es scheint aber einen Plan zu haben, die Unternehmen wieder unter Dampf zu setzen. Nicht, weil in Finnland durchaus Business auch in der Sauna gemacht wird. Gegen die eher überschaubaren Wachstumsraten – vor allem im Vergleich mit seinen skandinavischen Nachbarn wie Schweden oder Dänemark – setzt das Land am Polarkreis auf Technologie und Innovation.
Mehr Wertschöpfung pro Kopf
Beides zeichnete Finnland einst aus mit dem Handyweltmarktführer Nokia. Mit dem Niedergang des
Vorzeigekonzerns und der Finanzkrise von 2008/09 setzte die Wachstumsschwäche der finnischen Wirtschaft ein, die bis heute andauert. Behindert wird die Erholung von hierzulande nicht unbekannten Problemen: eine alternde Bevölkerung, eine schwache Produktivitätsentwicklung und eine zu geringe Zuwanderung – die im Falle Finnlands verschärft wird durch die Eigenheiten der Landessprache.
Immerhin hat der Fachkräftemangel schon eine Reihe von Unternehmen dazu veranlasst, intern in Englisch zu kommunizieren. Das ist eine Antwort auf das anhaltend langsame Wachstum, von dem zum Beispiel der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industrieländerorganisation OECD sprechen. Ein weiterer finnischer Ansatz: Wenn die Zahl der Arbeitskräfte nicht mehr steigt, muss die Wertschöpfung pro Kopf zulegen. Hier setzt ein Ökosystem an, das Hochschulen und Forschungslabore systematisch mit Gründerinnen, Gründern und Wagniskapital zusammenbringen will. Letzteres soll dabei nicht in die nächste Lieferdienst-App fließen: Der Deep-Tech-Ansatz fokussiert auf Innovationen in Bereichen wie Halbleitern, Materialien, Industrieanwendungen und KI.
Produktivität, Innovation und Effizienz: Die Hebel der KI-Konjunktur
Und sei es auch nur indirekt, wie etwa bei Canatu. Entstanden als Start-up im Zuge der Ausgründung
eines Teams von Forschenden der damaligen Helsinki University of Technology, das sich mit Kohlenstoff-Nanomaterialien beschäftigt, entwickelt Canatu heute hauchdünne, besonders robuste Schichten aus Kohlenstoff-Nanoröhrchen. Mit dem bloßen Auge sind diese kaum wahrnehmbar, aber so stabil, dass sie Extrembedingungen widerstehen und Materialien zudem ganz besondere Eigenschaften verschaffen. Was nach Laborchemie klingt, findet Anwendung in Bereichen wie Halbleiterherstellung, Medizindiagnostik oder Automotive.
Ein Beispiel: Kameras für Systeme, die autonomes Fahren ermöglichen, müssen Licht im sichtbaren ebenso wie im infraroten Wellenlängenbereich erfassen können. Damit das bei jedem Wetter gelingt, müssen die Geräte beheizt betrieben werden. Um Sichtbeeinträchtigungen verhindern zu können, bietet Canatu eine Folie mit selbst entwickelten Nanoröhrchen an, die eine extrem feine Schutzschicht bilden. Dadurch wird optische Durchlässigkeit mit optimaler Heizleistung verbunden – die Kameras können so betrieben werden, dass sie die Objekte in ihrer Umgebung bei unterschiedlichsten Außenbedingungen stets präzise erfassen können. Auf diesem Weg gelangt universitäres Wissen in die industrielle Praxis.
Ökosystem gegen Wachstumsschwäche

Unternehmen wie Canatu sind nur ein Teilchen aus dem Puzzle, aus dem Finnland das Ökosystem zusammensetzt, das die Wachstumslücke schließen soll. Dass dahinter strategische Überlegungen stehen, war im Herbst 2025 beim AI Summit im südwestfinnischen Turku zu beobachten. Dort trafen sich Vertreterinnen und Vertreter von Spitzenforschung, Unternehmertum, Venturecapital und Politik, um über Künstliche Intelligenz und ihre Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu diskutieren.
Dabei wurde mit dem Ellis-Institut ein KI-Forschungszentrum offiziell an den Start gebracht, das Wissenschaft und Industrie noch enger verzahnen soll. Als wichtiger Motivator fällt dabei der umtriebige Peter Sarlin auf. Der Gründer von Silo AI hat seine KI-Schmiede 2024 an den US-Chipkonzern AMD verkauft – und damit einen der größten Deals dieses Bereichs in ganz Europa abgewickelt. Er netzwerkt in Sachen KI fleißig durch Finnland und wird mitunter willkommen geheißen wie ein Popstar. Ebenso prominent wie auch bezeichnend, dass die Regierung des Landes bei Events wie in Turku in Person von Ministerpräsident Petteri Orpo auftritt und sich klar hinter die Strategie stellt.
Labor Finnland?
Diese Klarheit ist in Deutschland nicht immer gegeben. Dabei könnte das Labor Finnland durchaus Blaupausen liefern gegen die auch hierzulande herrschende Wachstumsschwäche. Ein Rezept könnte lauten: weniger große nationale Champions, die alles richten sollen, sondern viele spezialisierte Deep-Tech-Player, eng eingebunden in ein Netzwerk aus Hochschulen, Kapitalgeberinnen und -gebern sowie Politik. Möglicherweise entpuppt sich ein so orchestriertes Innovationsökosystem als ein Weg, um mehr Feuer unter dem deutschen Konjunkturkessel zu entfachen.

