Kolumne

Technologie

Vertrauen in KI – Zweifel an uns selbst

Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, Unsicherheit wird zum Dauerzustand. In genau diesem Umfeld greifen viele Unternehmen verstärkt auf Künstliche Intelligenz zurück – in der Hoffnung auf Orientierung dort, wo klassische Erfahrungswerte an ihre Grenzen stoßen.

Eine menschliche und eine Roboterhand berühren sich am Zeigefinger, als Symbol für Vertrauen in KI

18.06.2026

Doch in einer aktuellen Studie von Sarah Baldeo im Journal der American Psychological Association fand ich ein überraschendes Paradox: Wer KI-Systemen stark vertraut, entwickelt häufiger Selbstzweifel. Die Untersuchung belegt, dass die Nutzung von KI-Entscheidungshilfen nicht nur Verhalten verändert, sondern auch die Selbstwahrnehmung. Versuchspersonen, die mit KI-Unterstützung arbeiteten, haben ihre eigene Leistung im Nachgang systematisch kritischer bewertet – selbst dann, wenn ihre Ergebnisse korrekt waren. Gleichzeitig stieg ihre Bereitschaft, sich bei zukünftigen Aufgaben stärker auf die KI zu verlassen.

Warum Selbstzweifel mit der Nutzung von KI wachsen können

Die Forschenden sprechen von einem psychologischen Verschiebungseffekt: Mit wachsender Abhängigkeit von algorithmischen Empfehlungen sinkt das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit. Bemerkenswert finde ich dabei, dass dieser Effekt unabhängig von der tatsächlichen Qualität der KI auftritt. Entscheidend ist also nicht, ob die KI „besser“ entscheidet, sondern wie stark wir sie als Referenz wahrnehmen. Genau hier liegt das Problem für Führung: Wenn KI nicht als Werkzeug, sondern als implizite Autorität genutzt wird, verändert sich die Logik von Entscheidungen. Aus Unterstützung wird ein Maßstab und aus unternehmerischem Urteil eine nachgelagerte Validierung.

Gerade in Zeiten von Unsicherheit halte ich das für riskant. Denn unternehmerischer Erfolg entsteht nicht durch die Delegation von Verantwortung, sondern durch die Fähigkeit, Ambiguität auszuhalten und dabei handlungsfähig zu bleiben. KI kann Muster sichtbar machen, Optionen erweitern und kognitive Verzerrungen reduzieren. Sie kann aber weder Kontext vollständig erfassen noch Verantwortung übernehmen – und sie kann kein Vertrauen in die eigene Urteilskraft ersetzen.

Gezeichnetes Porträt von Verena Fink von Woodpecker Finch, einer Kolumnistin des DUP UNTERNEHMER-Magazins
Verena Fink: Die Beraterin für kundenzentrierte Innovation und Künstliche Intelligenz von Woodpecker Finch ist Expertin des DUP UNTERNEHMER-Magazins für digitale Impulse aus aller Welt

Die besten Unternehmen nutzen KI als Sparringspartner

Wer KI nutzt, ohne die eigene Urteilskraft weiterzuentwickeln, riskiert schleichenden Orientierungsverlust. Unternehmen, die auch unter Druck wachsen, zeichnen sich daher nicht dadurch aus, dass sie KI schneller implementieren als andere. Sie schaffen gezielt Reflexionsschleifen, gerade dort, wo ­algorithmische Empfehlungen besonders plausibel erscheinen. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie Entscheidungsprozesse klar strukturieren, Verantwortlichkeiten ein-
deutig halten und KI als Sparringspartner nutzen – nicht als Ersatz fürs Denken.