Untersuchungen der Stanford University zeigen, dass Künstliche Intelligenz im Jahr 2024 in KI-nahen Branchen zu einem Rückgang der Beschäftigung junger Fachkräfte im Alter von 22 bis 25 Jahren um rund 13 Prozent beigetragen hat. In Großbritannien ging die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegspositionen im Juni 2025 im Vergleich zum Vorjahr um etwa ein Drittel zurück. Diese Zahlen sind kein kurzfristiges Konjunkturphänomen, sondern verweisen auf eine strukturelle Verschiebung im Arbeitsmarkt: Standardisierte Wissensarbeit verliert an Wert – und damit jene Profile, die vor allem auf formale Kompetenz und reproduzierbares Denken setzen.
Das Kernproblem ist nicht Effizienz
Künstliche Intelligenz in der Hochschulbildung wird vor diesem Hintergrund häufig als Effizienzfrage diskutiert: schneller lernen, individueller fördern, bessere Prüfungen. Diese Perspektive greift zu kurz. KI verändert nicht nur Lernprozesse, sondern auch, wie Studierende denken, argumentieren und Entscheidungen treffen. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung für Hochschulen.
In meinen Gesprächen mit Recruiterinnen und Recruitern aus unterschiedlichen Branchen zeigt sich immer wieder dieselbe Frustration: Die Ergebnisse vieler junger Absolventinnen und Absolventen sind sprachlich sauber, strukturiert und nachvollziehbar. Was jedoch oft fehlt, ist die erkennbare Spur eines eigenen Denkprozesses. Es bleibt unklar, welche Annahmen getroffen wurden, welche Alternativen bewusst verworfen wurden und wo tatsächlich Position bezogen wird. Die Antworten sind plausibel – aber austauschbar. Was fehlt, ist Authentizität: die Fähigkeit, Realität eigenständig wahrzunehmen, zu einer eigenen Schlussfolgerung zu gelangen und für diese sichtbar einzustehen.
Normierung durch KI-Nutzung
Ein Grund dafür liegt in der Art, wie KI heute genutzt wird. Wenn Systeme wie ChatGPT, Gemini oder Claude zum selbstverständlichen Denkpartner werden, verschiebt sich der Maßstab. Die Vorschläge der Maschine sind flüssig formuliert, ausgewogen und überzeugend. Sie fühlen sich schnell wie die richtige Antwort an – nicht, weil sie es zwingend sind, sondern weil sie Sicherheit geben. Wer ihnen folgt, bewegt sich auf vertrautem Terrain.
Mit der Zeit wird dieser Ton zur Norm. So klingt Professionalität. So sieht ein „guter“ Text aus. Das Risiko, davon abzuweichen, erscheint unnötig. Warum sich abmühen, eine eigene Perspektive zu entwickeln, wenn die Maschine bereits alle vernünftigen Optionen aufgelistet hat? Das Ergebnis ist eine reale Gefahr: eine Generation, die beginnt, zum Echo ihrer Werkzeuge zu werden. Die Arbeit ist korrekt, aber redundant. Indem Menschen KI imitieren, machen sie sich selbst durch sie ersetzbar.
Gerade hier stößt KI jedoch an ihre Grenzen. Sie kann Informationen strukturieren, Texte formulieren und Optionen abwägen. Sie kann aber keine Stimmungen lesen. Sie erkennt keine unausgesprochenen Spannungen in einem Raum, keine politischen oder kulturellen Unterströmungen in Organisationen und keine feinen Kontexte, die darüber entscheiden, ob eine Idee trägt oder scheitert.
Verantwortung lässt sich nicht auslagern
Vor allem aber kann KI keine Verantwortung übernehmen. Sie trifft keine Entscheidungen unter Unsicherheit. Sie steht nicht für ihre Vorschläge ein. Genau diese Fähigkeiten aber werden im Arbeitsmarkt zunehmend entscheidend: Urteilsvermögen, Klarheit über die eigenen Annahmen und der Mut, eine eigene Position zu vertreten.
Viele Hochschulen reagieren auf diese Entwicklung mit Verboten oder immer strengeren Prüfungsregeln. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. KI wird ein selbstverständlicher Bestandteil des beruflichen Alltags bleiben. Entscheidend ist daher nicht, sie aus dem Studium fernzuhalten, sondern Studierende dazu zu befähigen, mit ihr zu arbeiten, ohne ihr Denken an sie auszulagern.
KI in der Hochschulbildung zwingt Universitäten damit zu einer grundlegenden Entscheidung. Wollen sie weiterhin vor allem Antworten vermitteln – oder die Fähigkeit entwickeln, gute Fragen zu stellen, Urteile zu fällen und Verantwortung zu übernehmen?
Antworten gibt es genug. Was knapper wird, ist Urteilskraft. Und genau sie sollte im Zentrum von Hochschulbildung stehen.

