E-Health

Pflege: Mehr Zeit für Menschlichkeit dank KI

Technologie muss dem Menschen dienen. Nur so wird sie schnell akzeptiert und kann ihr volles Potenzial entfalten, ist Dieter Weißhaar überzeugt. Der CEO des Softwareanbieters myneva Group schildert seine Vision, wie Digitalisierung und KI den überlasteten Pflegesektor revolutionieren können.

Eine Krankenpflegerin im Gespräch mit einer älteren Patientin, als Symbolbild für KI in der Pflege

12.05.2026

Wieder einmal drängelt sich Altenpflegerin Agnieska P. mit anderen Kolleginnen und Kollegen vor dem Stations-PC. Alle wollen an diesem trüben Novembertag das eine: Daten ihrer Klientinnen und Klienten dokumentieren. Mangels digitaler Endgeräte geht das zurzeit nur auf diese Weise. Einige tippen die Werte von einem billigen Notizblock ab, andere vom eigenen Handrücken. Diese mühselige Prozedur sorgt regelmäßig für Rückstau am Rechner. Wieder einmal bedauert Agnieska P. die Situation zutiefst. Denn die Klientin, die sie gerade beschäftigt, musste sie deswegen trotz ihrer Klagen über Schmerzen auf später vertrösten – ebenso wie deren Tochter. Diese hatte sich zuvor zum x-ten Mal telefonisch nach dem Zustand der Mutter erkundigt.

52 Minuten Zeitersparnis

Jetzt schiebt Agnieska P. diese Klientin im Rollstuhl vorbei an den sprießenden Blüten im Garten des Seniorendomizils durch die warme Frühlingssonne. Sie plaudert mit der betagten Dame. Dafür hat sie nun Zeit, denn die Einführung digitaler Systeme durch ihren Arbeitgeber hat ihr allein in der laufenden Schicht 52 Minuten erspart, die sie ansonsten ausschließlich für Dokumentationen aufgewendet hätte. Gleich wird auch die Tochter zum angekündigten Besuch vorbeischauen und das Schieben übernehmen. Als sie im Garten zusammentreffen, dreht sich ihr Small-Talk ums Wetter – und nicht um die Vitaldaten der Klientin. Denn über diese können sich die Angehörigen dank Digitalisierung inzwischen fast schon in Echtzeit bequem von der Couch zu Hause aus informieren.

Was Agnieska P. an den Neuerungen besonders begeistert ist die Möglichkeit, dass sie Daten und Notizen jetzt direkt per Spracheingabe in ihr mobiles Endgerät eingeben kann. Denn hundertprozentig sicher ist die gebürtige Polin in der deutschen Sprache nicht. Was aber von ihr eingesprochen mit KI-Unterstützung im System landet, ist in den allermeisten Fällen einwandfrei. Der Rest ist leicht zu korrigieren. Das macht nicht nur Agnieska P. schneller bei der Arbeit. Es entlastet zugleich ihre Kolleginnen und Kollegen von den vielen klarstellenden Nachfragen, die auch ihnen Zeit rauben.

Pflege am Limit

Klar, bei Agnieska P. handelt es sich um ein fiktives Beispiel aus der Seniorenbetreuung. Doch sie steht pars pro toto für die aktuellen Zustände in der Pflege. Selbstverständlich könnte sie auch ein Mann sein. Oder afrikanische Wurzeln haben. Oder in der Jugendhilfe arbeiten. Denn insgesamt gilt: Der Pflegebereich in Deutschland ist am Limit. Nicht nur kostenseitig – weitere drängende Probleme sind neben dem Fachkräftemangel auch die hohe Fluktuation der Mitarbeitenden. Verschärft werden diese durch die immer noch schleppende digitale Durchdringung von Arbeits- und Dokumentationsprozessen. Denn wer Daten händisch in einen PC eintippen muss, dem fehlt die Zeit für das, was die Branche eigentlich ausmacht: die Arbeit mit und für Menschen. Und er oder sie erwägt deshalb vielleicht schon konkret, ob nicht ein Wechsel in eine andere Branche besser wäre. Genau das tut übrigens bereits jede zweite Fachkraft in dem Sektor, wie unsere Trendstudie „Pflege & Soziales 2025“ herausgefunden hat.

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Diese Entwicklung ist erschreckend – zumal sich der Fachkräftemangel auch ohne diese Wechselbereitschaft verschärfen wird. Bis 2030 droht eine Personallücke von bis zu vier Millionen Mitarbeitenden in Europa! Das liegt zum einen an der bevorstehenden Welle von Verrentungen. In Deutschland ist heute schon jede vierte Pflegekraft über 55 Jahre alt. Das sinkende Arbeitskräftepotenzial trifft dabei auf eine alternde Bevölkerung mit rasant wachsendem Pflegebedarf: EU-weit hat bereits mehr als jede und jeder Fünfte die Marke von 65 Jahren überschritten. Diese Zahlen verdeutlichen eindrucksvoll, wie drängend Lösungen nötig sind. Entlastung und Zeitersparnis durch Digitalisierung und KI, das ist meine feste Überzeugung, können dazu einen erheblichen Werteitrag leisten.

Zeit ist das höchste Gut

Dokumentation. Bürokratie. Das sind immer wieder Top-Themen, wenn ich mit Verantwortlichen aus dem Pflegewesen zusammenkomme und mit ihnen über die Faktoren diskutiere, die eine Besserung für die Branche hemmen. Diese Leute wissen genau, wovon sie sprechen. Selbstverständlich ist Dokumentation wichtig. Doch für die Sicherung der Pflegequalität, für die sie eigentlich gedacht ist, hat sie das nötige Maß längst überschritten. Und zwar deutlich. Für Betreibergesellschaften und die dort Verantwortlichen bedeutet Bürokratie nicht einfach nur Kosten. Sie bedeutet auch, die Mitarbeitenden zu demotivieren. Denn diese sind in ihrem Job, weil sie Menschen helfen wollen. Das hat unsere Umfrage im vergangenen Jahr klar gezeigt. Demotivation der Belegschaft ist das eine Problem. Zusätzlich werden neue Fachkräfte durch die überbordende Bürokratie abgeschreckt. Junge Talente zu finden, wird noch schwerer. Wer will schon Zettel oder Dateien befüllen, wenn der Anstoß für eine Berufswahl eigentlich der Wunsch ist, Menschen zu helfen?

Lösungen existieren. Und sie funktionieren. Digital. 52 Minuten sparen unsere digitalen Systeme zur Unterstützung der Pflegenden im Schnitt ein. Pro Mitarbeitenden, pro Schicht. Das hat 2024 eine Umfrage unter unseren Kunden ergeben, die unsere Software schon in der Praxis einsetzen. Eine beeindruckende Zahl, nicht nur aus Gründen der Wirtschaftlichkeit: In einer Branche, in der Personalmangel die Regel ist, wird Zeit zum höchsten Gut. Wir haben auf die Möglichkeiten bereits im vergangenen Jahr hingewiesen, im Rahmen unserer Initiative #52minutes. Zum Glück für viele Klientinnen und Klienten mit einigem Erfolg. Denn jede Minute, die bei Bürokratie eingespart werden kann, steht direkt für eine menschlichere Pflege, für mehr Zuhören und Zuwendung zur Verfügung. Das gelingt noch besser, wenn die Beschäftigten zwischendurch auch mal durchatmen können.

Einfach mal ein Lächeln schenken

Wie unterstützt unsere Software die Pflegenden konkret? Ein paar Beispiele sollen genügen. Durch die einheitliche Plattform ist die Bedienung rasch zu erlernen – der Aufwand für Schulungen bleibt gering. Angehörige werden durch unsere App direkter angebunden – dadurch entfallen die Nachfragen am Stationstelefon, was die Belegschaften entlastet. Intuitive Übersichten zu Vitaldaten und Medikationen erlauben rechtzeitiges Eingreifen und ersparen zeitraubendes Nachrecherchieren – den Pflegenden bleibt mehr Zeit, ihren Klientinnen und Klienten einfach mal ein Lächeln zu schenken.

Und was wird die Zukunft bringen? Direkte, KI-gestützte Spracheingabe – damit gelangen Daten strukturiert und sauber in die Dokumentation, unabhängig von perfekten Sprachkenntnissen in Deutsch. Engere Anbindung von Wearables und den von diesen digitalen Helferlein gesammelten Informationen – automatisiert die Dokumentation noch stärker und ermöglicht Hinweise auf mögliche Warnsignale. Flexible Routen- und Schichtplanung durch KI – so finden die Pflegenden klare Priorisierungen für ihre Arbeit vor und es ist immer ausreichend Personal vor Ort, damit Klienten und Klientinnen auch an Wochenenden und Feiertagen oder im Krankheitsfall von Mitarbeitenden stets gut versorgt bleiben.

Alle Stakeholder mitnehmen

Nicht weil die Gadgets so cool und KI gerade so „in“ sind ist der Einsatz von Technologie nötig. Dessen Ziel muss immer sein, die Menschen zu entlasten und ihre Lage zu verbessern. Dies in der Pflege umzusetzen ist unsere Vision bei myneva. An Lösungen dafür arbeiten wir jeden Tag sehr konzentriert und wir werden jeden Tag ein bisschen besser. Doch das reicht nicht aus. Damit unsere Vision von einfachen, digitalen und KI-gestützten Pflegeprozessen Wirklichkeit werden kann, bedarf es einer weiteren wichtigen Voraussetzung: Alle Stakeholder müssen mitgenommen werden – überzeugt werden sie meiner Erfahrung nach dann sehr schnell und ganz von selbst. Denn trotz der hier und da leider immer noch bestehenden Bedenken gegenüber der Digitalisierung, profitieren letztlich doch alle Beteiligten davon:

  • Das Management kann sich einfach von den betriebswirtschaftlichen Vorteilen der Digitalisierung und des KI-Einsatzes im Pflegebereich überzeugen. Verantwortliche sollten allerdings immer auch die „weicheren“ Aspekte des Themas mitbedenken: Der Wegfall lästiger Routineaufgaben sorgt für mehr Zufriedenheit in der Belegschaft. Ein verbessertes Klima unter den Mitarbeitenden wiederum reduziert die Fluktuation und kann überdies das Recruiting erleichtern.
  • In der Belegschaft bestehen möglicherweise Ängste vor der Einführung neuer Technologien wie KI, denen aktiv begegnet werden sollte. Dazu sind frühzeitige Informationen ebenso unerlässlich wie professionelle Schulungen. Diese zeigen meiner Erfahrung nach nicht nur in relativ kurzer Zeit, wie schnell die Umstellung von Prozessen und Arbeitsroutinen durch digitale Tools gelingt, sondern demonstrieren oft auch eindrucksvoll die Entlastungen im Alltag.
  • Auch bei manchen Klientinnen und Klienten mag es Vorbehalte geben gegenüber digitalen Neuerungen, denen die oftmals betagteren Betroffenen vielleicht noch nie in ihrem Leben begegnet sind. Die einfache Bedienbarkeit ermöglicht aber den meisten eine rasche Gewöhnung an neue Technologien. Und spätestens wenn sie spüren, dass diese den Pflegenden tatsächlich Zeit für mehr Zuwendung, für mehr Menschlichkeit im Umgang ermöglichen, ist das Eis in den allermeisten Fällen schnell gebrochen.
  • Noch besser überzeugen lassen sich meistens die Angehörigen, wenn sie durch digitale Tools dichter an die praktische Pflege angebunden werden. Denn so sinken Sorgen um den Zustand der Liebsten signifikant und oft auch dauerhaft, wenn etwa Vitalwerte quasi in Echtzeit von überall aus abgerufen werden können. Damit sinkt einerseits die psychische Belastung der Angehörigen. Dies wiederum wirkt sich andererseits positiv auf das Verhältnis mit den vor Ort Pflegenden aus. Das sollte nicht nur zu verbesserten zwischenmenschlichen Beziehungen führen, sondern dürfte durch den besseren Informationsfluss auch Nachfragen zum aktuellen Gesundheitszustand spürbar verringern.

Sind die Systeme erst eingeführt, zeigt sich in der Praxis ihre Nützlichkeit in jeglicher Hinsicht sehr schnell. Denn nicht nur Führungskräfte erkennen rasch, wie sehr die Digitalisierung den Pflegealltag grundlegend revolutioniert. Das zeigen die Rückmeldungen unserer myneva-Kunden: Innovation und Usability überzeugen!

Die Vision: Zeitstifter werden

Potenziale für die Finanzierung unserer Vision dürften durchaus vorhanden sein. So hat die Beratungsgesellschaft Deloitte im vergangenen Jahr für die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland errechnet, dass durch eine forcierte Digitalisierung bis zu vier Prozent der Kosten eingespart werden könnten – in nur vier Jahren. Überträgt man diese Werte nun auch nur ungefähr auf den Sektor der Pflegekasse, wird sehr deutlich, welche Spielräume sich hier im administrativen Bereich eröffnen könnten. Werden sie genutzt, kommt das allen Beteiligten zugute.

Die Chancen für die Umsetzung unserer Vision sind also nicht nur vorhanden, sondern gut. Damit sie sich erfüllt, arbeiten unsere Teams hart an einer immer tiefer greifenden Implementierung von KI in unsere Software. Ich bin fest überzeugt, dass wir durch den konsequenten Einsatz Künstlicher Intelligenz die eingesparte Zeit durch die Digitalisierung der Pflege noch einmal verdoppeln können. Schön wäre es, wir könnten 2027 eine Kampagne #104minutes starten. Denn dann sprechen wir über mehr als eineinhalb Stunden Zeitersparnis pro Schicht bei jedem Mitarbeitenden. Dies ist dann gesellschaftlich relevant. Und myneva? Ist künftig nicht mehr bekannt als Softwareanbieter, sondern als Zeitstifter!

Dieter Weißhaar, CEO Myneva Group

Dieter Weißhaar

ist CEO des Softwareherstellers Myneva Group. Das Unternehmen bietet Lösungen für alle Bereiche an – von der Kranken- und Senioren- bis hin zur Sozial- und Jugendpflege