DUP UNTERNEHMER-Magazin: Viele nutzen im Arbeitsalltag heimlich digitale Helfer wie ChatGPT, um schneller voranzukommen , Fachleute nennen das „Schatten-KI". Warum ist eine persönliche KI, die direkt auf dem eigenen Rechner läuft, der sicherere Weg im Vergleich zu Datenwolken im Internet? Gerade auch im Hinblick auf den Health Sektor?
Bart de Witte: Schatten-KI ist kein rein technisches Problem, sondern ein regulatorisches und wirtschaftliches Risiko. Unter DSGVO und AI Act können die Strafen existenzbedrohend werden, besonders bei Gesundheitsdaten. Die Daten verlassen das Unternehmen, liegen auf fremden Servern, Ownership und Souveränität gehen verloren. Die Gegenmaßnahme: klar geregelte, kontrollierte KI-Nutzung, idealerweise lokal oder on-premise.
Eine persönliche KI, die direkt auf dem eigenen Gerät läuft, ändert das grundlegend: Die Daten bleiben lokal, das Modell gehört dir. Niemand kann es abschalten oder für Training missbrauchen. Anthropic musste im Juni 2026 seine stärksten Modelle, Fable 5 und Mythos 5, auf US-Regierungsanweisung global offline nehmen. Wer seine KI mietet, mietet auch die Abhängigkeit.
Im Gesundheitssektor und bei kritischer Infrastruktur ist das entscheidend. Das BSI fordert mit C3A und KRITIS echte Resilienz: Systeme müssen auch ohne Internet weiterlaufen. Cloud-KI fällt dann aus. On-Device-KI nicht. Ich habe das selbst erlebt: Während des großen Blackouts in Spanien im April 2025 funktionierte auf meinem Handy nur meine lokale Isaree-KI. Kein Netz, kein Telefon, aber ich konnte trotzdem nach dem nächsten Krankenhaus fragen.
Das ist Souveränität in Reinform: Die Intelligenz gehört dir und arbeitet weiter, egal ob Blackout, Export-Sperre oder ein US-Präsident die Modelle global offline nimmt. Diese Diskussion braucht drei Ebenen zugleich: Gesundheitssystem, Institution und Individuum. Souveränität entsteht erst, wenn alle drei Technologie nutzen, die sie stärkt statt enteignet. Das ist das Versprechen von Personal AI.
Mit Isaree wandert die künstliche Intelligenz direkt auf das eigene Smartphone oder den Computer. Warum ist diese Nutzung vor Ort gerade bei sensiblen Gesundheitsdaten so entscheidend?
De Witte: Weil bei sensiblen Gesundheitsdaten die Architektur entscheidet, nicht die Richtlinie. Sobald Patientendaten in die Cloud wandern, hat man die Kontrolle bereits abgegeben: an fremde Server, andere Rechtsräume und Anbieter, die Modelle still ändern oder auf Regierungsanweisung abschalten können.
Mit Isaree läuft die KI direkt auf dem Gerät des Klinikers. Die Daten verlassen es nie. Datenschutz wird architektonisch erzwungen. GDPR-Compliance wird zum Konstruktionsmerkmal, nicht zum Kostenpunkt. Die EU dreht sich um Rechenzentren und vergisst das persönliche Gerät, wo echte Souveränität entsteht.
Dazu kommt Eigentum: Cloud-KI-Nutzer verlieren bei jeder Transaktion Souveränität über Daten und Kosten. Bei Isaree gewinnen sie Souveränität, denn wir vermieten keine Intelligenz. Unsere Infrastruktur ermöglicht, KI zu besitzen und rechtssicher zu betreiben. Agenten, die mit Cloud-KI nicht rentabel sind, laufen hier ohne Grenzkosten.
Und Forschung zeigt: Wenn das Vertrauen fehlt, leidet die Datenqualität. Menschen halten Informationen bewusst zurück, wenn sie das Gefühl haben, ihre Gesundheitsdaten werden nicht verantwortungsvoll behandelt. Volle Ownership erzeugt das Gegenteil: ehrliches, hochwertiges Feedback.
Das Versprechen einer eigenen, maßgeschneiderten KI klingt verlockend. Wie viel Arbeit macht es in der Praxis wirklich, einen solchen digitalen Assistenten auf die eigenen Bedürfnisse einzustellen, was ist die Minimalanforderung und was schreckt viele Menschen noch ab?
De Witte: Die Realität ist heute deutlich einfacher als die meisten denken. Wir erleben denselben Sprung wie in den 80er-Jahren, von MS-DOS zu Windows: Früher brauchte man Kommandozeilen-Kenntnisse, heute beschreibt man einfach, was der Assistent tun soll, und bekommt ein funktionierendes Werkzeug. Was früher Monate erforderte, entsteht in Minuten.
Die Minimalanforderung ist nicht technisch. Sie ist Ihre eigene Fachkenntnis, die Fähigkeit, ein Problem klar zu beschreiben, und ein normales Smartphone oder ein Computer. Mehr nicht. Was viele abschreckt, ist die alte Vorstellung „Dafür brauche ich Programmierer" und die Angst vor Datenschutz und Compliance, genau die Hürden, die On-Device-Lösungen wie Isaree architektonisch aus dem Weg räumen.
Ein konkretes Beispiel: Ein Arzt brauchte für Qualitätsberichte 45 Minuten pro Fall, bei 1.200 Fällen im Jahr. Der KIS-Anbieter wurde um eine Schnittstelle gebeten, Warten auf Godot. Die IT-Abteilung hat beschränkte Ressourcen, das Problem landet unten auf der Prioritätsliste. Mit Isaree war der Agent in vier Stunden gebaut, so einfach wie das Herunterladen einer App. Den Prozess erledigt er jetzt in 10 Minuten.
Sobald Kliniker merken, dass sie die Kontrolle behalten und die KI zu ihrem Werkzeug wird, verschwindet die Hemmschwelle. Die Menschen, die die Probleme am besten kennen, können die Lösung jetzt selbst bauen.
Wer eine eigene KI nutzt, behält die Hoheit über die eigenen Daten. Wie viel Kontrolle und Macht gewinnen Unternehmen sowie Privatpersonen dadurch im Alltag tatsächlich zurück?
De Witte: Mehr, als die meisten denken. Die Frage ist, wem die KI gehört. Heute gehören die meisten KI-Systeme den Herstellern, nicht den Nutzern. Wer die Modelle kontrolliert, kontrolliert Daten, Preise und Verfügbarkeit. Jede Transaktion fließt in eine Richtung: vom Nutzer zum Anbieter. Daten, Kontrolle, Kosten, Macht, alles wandert ab. Das ist keine Verschwörungstheorie, es ist die Architektur.
Wer eine eigene KI nutzt, bekommt drei konkrete Dinge zurück:
1. Die Daten bleiben, wo sie hingehören. Keine stillen Uploads, kein Training durch Dritte, keine Subpoenas an fremde Server. Patientendaten und Geschäftsgeheimnisse verlassen das Gerät nicht. Das ist Physik, keine Versprechung.
2. Die Intelligenz gehört dir. Cloud-Modelle können abgeschaltet oder still verändert werden, 2026 haben wir es bei Anthropic gesehen. Bei lokaler KI gibt es keinen Kill-Switch von außen. Das validierte Modell bleibt das laufende Modell. Frozen. Deins.
3. Die Produktivität landet in deinen Büchern. Genau hier dürfen wir Mario Draghis Befund nicht wiederholen: Die USA haben Produktivitätsgewinne erzielt, Europa stagnierte. Ein Oberarzt, der früher fast eine Stunde für Entlassungsbriefe brauchte, erledigt das jetzt in unter 12 Minuten, mit einem Agenten, den er selbst gebaut hat.
Unternehmen gewinnen Unabhängigkeit. Kliniker gewinnen Handlungsspielraum. Die Asymmetrie kehrt sich um: Statt dass die Plattform dich besitzt, besitzt du die Intelligenz.
Aber Hand aufs Herz: Auch bei einer Personal KI stammt die grundlegende Software meist von großen Entwicklerteams. Wie sehr kann eine KI unter diesen Bedingungen wirklich „die eigene" sein?
De Witte: Hand aufs Herz: Die Software kommt von uns. Aber genau deshalb bauen wir keinen Wrapper um amerikanische Cloud-Modelle. Wir setzen auf europäische Souveränität, weil die nächsten Jahre gnadenlos zeigen werden, wer Kontrolle hat und wer nur mietet. Isaree ist keine App. Es ist eine Infrastruktur-Plattform und ein Betriebssystem für KI-Agenten. Europa hat die eigene Infrastruktur verschlafen. Das wird sich rächen.
Man muss zwei Dinge trennen: die Software und die Intelligenz. Die Plattform können wir liefern, wir werden sie später open sourcen. Aber die Intelligenz selbst darf niemals in fremder Hand liegen. Wer die Modelle kontrolliert, kontrolliert die Entscheidungen. Wer die Entscheidungen kontrolliert, kontrolliert die Macht.
Deshalb nutzen wir offene Basis-Modelle mit echten offenen Lizenzen. Modelle, die man nehmen, verändern und lokal betreiben kann, ohne Erlaubnis. Wir haben ein Tool, mit dem Ärzte Speech-Recognition-Modelle direkt auf dem MacBook trainieren. 15 Sekunden Stimme hochladen, Modell herunterladen, für immer besitzen.
Das ist der Unterschied: Die KI ist nicht „irgendwie personalisiert". Sie ist deine.
Zum Abschluss der klassische Blick in die Zukunft. Was ist Ihre Prognose? Erleben wir gerade das Ende riesiger, stromhungriger Rechenzentren und den Startschuss für kleine, schlaue KI-Helfer, die ganz privat auf unseren eigenen Geräten wohnen? Oder wird es ein Nebeneinander? Gar ein Ergänzen?
De Witte: Wir erleben keine Ablösung, sondern eine Transformation, so wie in den 80er-Jahren, als wir von Mainframe-Computern zu Personal Computern wechselten. Ich habe zehn Jahre bei IBM gearbeitet, und viele Großkunden laufen heute noch auf eigenen Mainframes. Aber die Wertschöpfung hat sich verschoben, an die Edge, zum Menschen. Mit KI passiert gerade dasselbe.
Apple könnte in zwei Jahren Chips bringen, die genug Speicher haben, um 80 Prozent des Tagesbedarfs lokal zu fahren. Die Hardware-Kurve ist steil. Ja, diese Geräte sind heute noch teuer. Aber wenn man dadurch Tokens spart und die Produktivitätsgewinne selbst in die eigenen Bücher schreibt, ist der ROI extrem schnell da.
Bei Isaree nennen wir das Proximity AI, Intelligenz, die so nah wie möglich am Menschen und an den Daten bleibt. Meine Überzeugung: Jeder wird 30 bis 50 Agenten lokal betreiben, die permanent für ihn arbeiten. Daraus entsteht das agentische Web, das Internet of Work. Die klassische Software-Architektur wird verschwinden.
Professor Neil Lawrence, DeepMind Professor of Machine Learning an der University of Cambridge, bringt es auf den Punkt: Der ganze Hype um Modelle und Rechenzentren ist Makro. Der echte Wert entsteht auf dem Boden, Workflow für Workflow, Sektor für Sektor, letztlich auf der Ebene des Einzelnen. Genau deshalb ist der beste Weg, so nah wie möglich an Zeit und Ort der Nachfrage zu bauen und zu besitzen.
Datenplattformen auf openEHR- oder FHIR-Standards werden agentische Betriebssysteme integrieren. Die Zukunft ist nicht ein riesiges Gehirn in der Cloud, sondern tausend unabhängige Bereitstellungen, jede auf eigener Hardware, jede verbunden durch offene Standards zu einem föderierten Netzwerk souveräner Intelligenz.
Die Hardware ist da. Die Modelle sind da. Die Standards sind da. Die einzige Frage ist, ob wir den Moment ergreifen, oder wie bei der Elektromobilität zehn Jahre lang alles in Frage stellen, anstatt eine führende Rolle einzunehmen.
