Gastbeitrag

KI-Standort Deutschland

KI-Strategie Deutschland: Warum Deutschland im KI-Wettbewerb aufholen kann

Deutschland hat den KI-Wettlauf verloren? Dieses Urteil hält einer genaueren Prüfung kaum stand, schreibt unsere Gastautorin Dorothee Bär (CSU), Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Sie verweist darauf, dass hinter der Dominanz US-amerikanischer Tech-Konzerne ein deutsches und europäisches KI-Ökosystem wachse, das international längst Maßstäbe setze. Und sie erklärt, warum aus ihrer Sicht jetzt die Chance besteht, daraus einen globalen Wettbewerbsvorteil zu machen.

Porträtfoto von Dorothee Bär, die einen Gastbeitrag über das KI-Strategie Deutschland geschrieben hat

10.08.2026

Künstliche Intelligenz ist längst in unserem Alltag angekommen. Häufig sind wir uns kaum noch bewusst, wo sie überall zum Einsatz kommt. Beispielsweise beim Entsperren des Smartphones mit unserem Gesicht, beim Scrollen durch die Empfehlungen von Streamingdiensten oder durch unser E-Mail-Postfach, aus dem dank KI viele Spam- und Phishing-Nachrichten bereits aussortiert wurden. Solche Anwendungen sind allerdings überwiegend mit den „Big Seven“ verbunden. Das sind Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta, Nvidia und Tesla. Da entsteht schnell der Eindruck, dass wir in Europa eines der großen technologischen Rennen unserer Zeit bereits verloren haben könnten.

Aber wussten Sie, dass in Deutschland mit „Stable Diffusion“ ein ganz eigenes KI-Modell für die Bildgenerierung entwickelt wurde? Dieses ist nicht nur ähnlich leistungsfähig wie die amerikanischen Alternativen, sondern zusätzlich besonders ressourceneffi­zient und transparent. Oder kennen Sie Celonis? Das Unternehmen unterstützt Firmen KI-basiert bei der Analyse und Optimierung ihrer Geschäftsprozesse. Es wurde als weltweit führende Process-Intelligence-Plattform ausgezeichnet und wird derzeit mit einem zweistelligen Milliardenbetrag bewertet. Und mit DeepL haben wir noch ein weiteres Unicorn. Es steht mit seinem Namen international für exzellente KI-Übersetzungen.

Das zeigt: Deutschland kann KI. In der Forschung zählen wir sogar zur Weltspitze. Das hat eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, 2024 eindrucksvoll bestätigt. Und das trifft weiterhin zu. Deutschland ist dabei in allen Teilbereichen der Künstlichen Intelligenz stark: von der Bild- und Sprachverarbeitung bis zur Robotik.

Zugleich setzen immer mehr Unternehmen KI ein. 2025 waren es bis zu 44 Prozent, Tendenz steigend. Sie versprechen sich davon zu Recht deut­liche Produktivitätsgewinne. Und auch im aktuellen KI-Ranking des Stanford Institute for Human-Centered AI spielt Deutschland vorn mit: Bei der Anzahl von Rechenzentren stehen wir an zweiter Stelle hinter den USA, bei häufig zitierten Fachpublikationen auf Rang sechs und bei KI-Patenten auf Platz sieben. Bei den privaten Investitionen in KI erreicht Deutschland den siebten Platz und bei der Anzahl neu gegründeter KI-Unternehmen Rang fünf.

Deutschland soll zentraler Player im globalen Wettbewerb werden

Ausgehend von dieser erfolgreichen Basis können wir selbstbewusst nach vorn schauen und zusehen, dass wir eigene Akzente in der weiteren Entwicklung setzen. Denn es geht nicht darum, aus den USA Bekanntes als europäische oder deutsche Version anzubieten. Es darf auch nicht unser alleiniges Ziel sein, im Wettrennen um neue große Sprachmodelle und deren Skalierung vorn dabei zu sein. Wenn ich gefragt werde, wie ich den deutschen Weg in das KI-Zeitalter sehe, dann antworte ich: Wir müssen auf vertrauenswürdige, effiziente und spezialisierte Modelle setzen, die einen echten Mehrwert schaffen, zum Beispiel indem sie die Produktivität steigern und mehr Wertschöpfung ermöglichen.

Unsere Chance liegt in einer KI, die klimafreundlich und nachhaltig ist, deren Ergebnisse und Entscheidungen nachvollziehbar sind, die auch kleine und mittlere Unternehmen bequem nutzen können, ohne ihre Daten und Geschäftsgeheimnisse aufgeben zu müssen. Mit unserer „Hightech Agenda Deutschland“ und den dazugehörigen Roadmaps schlagen wir einen eigenen Weg ein, der sich an europäischen Werten orientiert und unsere Stärken in Wert setzt, wie etwa die industrielle Anwendung von KI.

Das große Ziel ist, dass wir die Ergebnisse unserer exzellenten Forschung besser nutzen: für die Wirtschaft, für das Gesundheitswesen und für den Lebensalltag der Menschen. Wir verfolgen ein neues Ambitionsniveau in der Forschungs- und Technologiepolitik. Konkret heißt das: Wir wollen zehn Prozent unserer Wirtschaftsleistung bis 2030 KI-basiert erwirtschaften. Wir werden die Verfügbarkeit von KI-Kapazitäten messbar verbessern und Deutschland als zentralen Player für die nächste KI-Generation im globalen Wettbewerb etablieren.

Gemeinsamer europäischer Weg

Der AI Act der Europäischen Union bietet einen guten zusätzlichen Rahmen. Wenn wir ihn smart und innovationsfreundlich umsetzen, so wie die Bundesregierung es im Rahmen des KI-Omnibus vorgeschlagen hat, kann er zum Vorbild für andere Weltregionen werden. Zugleich arbeitet die EU-Kommission an weiteren Maßnahmen, um das europäische KI-Innovationsökosystem zu stärken. Insbesondere der Entwurf für den „Cloud and AI Development Act“ deckt sich vielfach mit den Zielen unserer „Hightech Agenda Deutschland“ für die weitere technologische Entwicklung rund um KI. Wir sind damit bereits bestens aufgestellt, um die Pläne der EU auf nationaler Ebene umzusetzen und zum Erfolg zu führen.

Vor allem tun wir gut daran, in Europa auch auf diesem Feld einen gemeinsamen Weg zu gehen. Es ist völlig offensichtlich, dass das deutsche KI-Ökosystem letztlich nur so stark ist wie das europäische Netz, in das es eingebettet ist. Daher bauen wir diese Vernetzung weiter aus. Deutsche KI-Institutionen sind heute schon gern gesehene Kooperationspartner. Das ist eine gute Ausgangsbasis, um gemeinsam mit wichtigen Kooperationspartnern wie Frankreich und Polen auf europäischer Ebene die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen.

Deutschland kann KI. Europa kann KI. Wir müssen nur häufiger die Brücke von einer guten Idee hin zu einer marktreifen Innovation schlagen. Wir haben das Potenzial dazu. Nutzen wir es. Machen wir „KI made in Germany“ und „KI made in Europe“ zu unserem neuen Markenzeichen.

Dorothee Bär (CSU)

ist Bundestagsabgeordnete und in der Regierung von Kanzler Friedrich Merz die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt