Der Optimismus der Unternehmen bezüglich der Industrieproduktion schwächelt. Investitionen wandern ab. Energiekosten bleiben hoch. Genehmigungen dauern oft Jahre. Der deutsche Mittelstand klagt über Fachkräftemangel, Bürokratie und regulatorische Unsicherheit. Die Stimmung in weiten Teilen der Wirtschaft ist deshalb längst höchst angespannt. Und dennoch senden einzelne Konzerne inzwischen wieder vorsichtig optimistischere Signale.
Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström verweist auf einen deutlich steigenden Auftragseingang und eine spürbare Erholung wichtiger Märkte. „Wir sind gut aufgestellt, um im weiteren Jahresverlauf trotz eines herausfordernden ersten Quartals weitere Verbesserungen zu erzielen“, sagt sie. Der globale Auftragseingang sei im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig arbeite der Konzern daran, seine Kostenbasis zu stärken und widerstandsfähiger zu werden.
Deutschland verfügt über enorme Innovationskraft, starke Industrie- und Technologiestandorte sowie Unternehmen, die gezielt investieren und Transformation vorantreiben.
Bastian Nominacher, Co-CEO Celonis
Siemens-Chef Roland Busch warnt jedoch ungewöhnlich offen: „Europa fällt im globalen Wettbewerb zurück.“ Ähnlich argumentiert auch Bosch. Der Technologiekonzern mahnt, Europa und damit Deutschland könnten im Wettbewerb mit den USA und China noch weiter zurückfallen, wenn Regulierung Innovation ausbremst und Investitionen erschwert. „Für ein innovations- und investitionsfreundliches Klima brauchen wir vor allem eine moderne und verlässliche Infrastruktur, eine verkraftbare Belastung der Wirtschaft mit Abgaben, Steuern und Bürokratie sowie ein leistungsfähiges Bildungssystem“, heißt es aus dem Unternehmen.
Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, spricht von einem Kontinent, der „unter seinen Möglichkeiten“ spiele. Wachstum müsse endlich wieder „oberste Priorität“ haben. Und selbst auf der Hannover Messe, traditionell Schaufenster deutscher Ingenieurskunst, ist zwischen den Zeilen immer wieder ein Satz zu hören: Die Zeit läuft gegen Europa.

Genau in diesem Spannungsfeld aus Sorge und Kampfgeist ist die Initiative „Made for Germany“ entstanden. Hinter ihr stehen inzwischen 134 Unternehmen und Investoren – von Siemens, SAP und Deutscher Telekom über Volkswagen, BMW, Bosch, Festo und Deutsche Bank bis hin zu den deutschen Dependancen von Amazon und Nvidia (Stand Mitte Juni). Gemeinsam kündigen sie Investitionen von mehr als 800 Milliarden Euro bis 2028 an. Die Botschaft der Initiative ist ebenso simpel wie provokant: Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Und damit setzt sie die Bundespolitik massiv unter Druck.
Der Kanzler will liefern – die Wirtschaft ist skeptisch
„Das zentrale Wort meines Arbeitens und meines Tuns ist: Execution“, sagte Merz auf der Hauptbühne der Hannover Messe Ende April. Das nahmen ihm nicht alle anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Industrievertreter ab. Der Begriff „Execution“ fällt während des Kanzlerbesuchs an diesem Tag auffallend oft. Er will damit unterstreichen, dass er auf Umsetzung setzt statt auf Ankündigungen, auf Geschwindigkeit statt Verwaltungsroutine. Doch spürbare Ergebnisse lassen immer noch auf sich warten. Viele Manager sprechen offen darüber, dass Deutschland weniger an fehlender Innovationskraft leide als an seiner politischen und regulatorischen Langsamkeit.
Es fehlt weniger an Strategien als an Geschwindigkeit in der Umsetzung. Bürokratie, komplexe Prozesse und fehlende Skalierung bremsen Innovationen zu häufig aus.
Oliver Steil, CEO TeamViewer
Besonders deutlich wird das beim Thema Künstliche Intelligenz (KI). Während amerikanische Konzerne die großen Sprachmodelle dominieren und China seine Plattformökonomie mit staatlicher Wucht ausbaut, suchen Deutschland und Europa nach ihren Rollen im KI-Zeitalter. Die Antwort der deutschen Konzerne: Die goldene Zukunft liegt in industrieller KI. Also jener Form Künstlicher Intelligenz, die direkt in Fabriken, Lieferketten, Maschinenparks und Produktionsprozessen eingesetzt wird. Dort, wo Deutschland traditionell stark ist. Also in der Verbindung aus Ingenieurskunst, industriellen Daten und Automatisierung.
„Der Mittelstand und die deutsche Industrie haben einen unheimlichen Schatz an Geschäftsdaten“, sagte SAP-Chef Christian Klein in einem Panel auf der Messe. Deutschlands Fabriken erzeugten schließlich seit Jahrzehnten riesige Mengen wertvoller Prozessdaten. Wer diese intelligent nutze, könne Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit massiv steigern, so Klein. „Viele KI-Projekte liefern derzeit noch nicht den gewünschten ‚Return on AI‘“, hält allerdings Celonis-Mitgründer Bastian Nominacher dagegen. Häufig fehle es weniger an KI als an belastbaren Daten, Transparenz und dem nötigen Prozessverständnis in den Unternehmen.
KI scheitert in vielen Unternehmen oftmals an Legacy-IT, fehlenden Schnittstellen und fragmentierten Daten, die größere KI-Integrationen ausbremsen.
Malte Kosub, CEO Parloa
Genau darauf setzen Siemens, SAP und Deutsche Telekom jetzt. Auf der Hannover Messe verkündeten die drei Konzerne erstmals ein gemeinsames Signal zur Skalierung industrieller KI. Deutschland soll hier demnach nicht nur mithalten, sondern neue Standards setzen. Siemens investiert dafür allein 500 Millionen Euro in Fertigungssysteme auf KI-Basis. „Wir entwickeln das KI-basierte Betriebssystem von modernen Fabriken“, berichtet Busch. Die Deutsche Telekom baut parallel die notwendige Infrastruktur aus Rechenzentren, Glasfaser und Cloudsystemen auf. „Die digitale Infrastruktur ist die Grundlage dafür, dass überhaupt alles, was KI betrifft, erst möglich wird“, ergänzt Telekom-Chef Timotheus Höttges.

Doch nicht nur Datenleitungen werden zum Standortfaktor. Auch die Energieinfrastruktur entscheidet darüber, ob industrielle Transformation überhaupt skalieren kann. „Unternehmen sind bereit, weiterhin in großem Umfang zu investieren – trotz herausfordernder Rahmenbedingungen“, sagt Stefan Kapferer, CEO des Netzbetreibers 50Hertz. Der Ausbau der Stromnetze müsse deshalb vorangetrieben werden. Denn er sei Voraussetzung dafür, dass sich neue Industrie überhaupt ansiedeln könne.
Deutschland muss wieder lernen: vorangehen statt verwalten.
Tim Meyerjürgens, CEO TenneT Germany
Zugang zur gesamten KI-Wertschöpfungskette
Dass die Industrie plötzlich derart offensiv über Infrastruktur spricht, ist kein Zufall. Denn längst geht es nicht mehr nur um einzelne Technologien, sondern um geopolitische Souveränität. „Wir brauchen in Deutschland und in Europa einen souveränen Zugang zu allen Teilen der KI-Wertschöpfungskette, zu Hardware, Software, Chips, Cloudtechnologien, Modellen und Daten“, fordert Merz auf der Hannover Messe. Wer diese Infrastruktur kontrolliere, könne künftig auch industrielle Wertschöpfung kontrollieren, so der Kanzler. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn viele Unternehmen werden weiterhin von Politik und Bürokratie ausgebremst.
Wir können es. Wir wollen es. Und wir werden es auch hinbekommen.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Immer wieder geht es um dieselben Fragen: Warum dauert in Deutschland alles so lange? Warum entstehen neue Rechenzentren häufig schneller in Texas als in Deutschland und Europa? Warum investieren Technologieunternehmen Milliarden Dollar in den USA, aber kämpfen in Deutschland mit Planungsverfahren? Die Kritik der Wirtschaft an der Politik, an Kanzler Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, ist mittlerweile ungewöhnlich scharf geworden. Besonders deutlich wird der Frust bei Infrastrukturprojekten.
„Deutschland muss wieder lernen, voranzugehen, statt zu verwalten“, fordert zum Beispiel Tim Meyerjürgens, CEO beim Stromnetzbetreiber Tennet Germany. Investitionen in Digitalisierung und Transformation bräuchten endlich verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungen und Prioritäten, die über Legislaturperioden hinaus Bestand haben, so Meyerjürgens.
Die Initiative „Made for Germany“ fordert deshalb offen weniger Regulierung, schnellere Genehmigungen und einen faktischen Regulierungsstopp auf europäischer Ebene. Dafür wolle sich Kanzler Merz unbedingt einsetzen und verspricht: „Ich gehe für Sie, ich gehe für uns auch in den europäischen Clinch.“ Dieser Ankündigung müssen nun Taten folgen. Denn auch Teamviewer-Chef Oliver Steil kritisiert gegenüber DUP UNTERNEHMER, dass „Bürokratie, komplexe Prozesse und fehlende Skalierung“ die Innovationen ausbremsten. Parloa-Gründer Malte Kosub sagt: „Deutschland hat kein Kompetenzproblem.“ Was fehle, seien Tempo, Kapital und Umsetzungswille.
Unternehmen sind bereit, weiterhin in großem Umfang zu investieren – trotz herausfordernder Rahmenbedingungen.
Stefan Kapferer, CEO 50Hertz
Auch Teamviewer und Parloa beteiligen sich an der Initiative „Made for Germany“. Sie zeigt, dass viele Unternehmen den Standort Deutschland trotz aller Probleme noch nicht aufgegeben haben. Die Liste der angekündigten Projekte wirkt wie ein industriepolitischer Kraftakt und versprüht Zuversicht: neue Halbleiterwerke in Dresden, KI-Clouds für die europäische Industrie, Wasserstoffinfrastruktur, Offshore-Windparks, Batteriefabriken, Glasfasernetze, Rechenzentren sowie Milliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung. Die Liste ist beeindruckend.
Deutschland steht für Innovationskraft, Ingenieurskunst und Spitzenqualität. Gleichzeitig braucht es mehr Tempo bei Strukturreformen und eine andere Haltung gegenüber den notwendigen Veränderungen.
Andreas Voll, CEO Leica Camera
Vertrauen in den Standort zurückholen
„Made for Germany“ ist also vermutlich der letzte Weckruf für die deutsche Wirtschaft und ein Versuch, das verloren gegangene Vertrauen in den Standort zurückzugewinnen. Merz ist sich sicher: „Deutschland kann wirklich auf Weltniveau mitspielen.“ Aber die größte Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, lautet: Kann das Land schnell genug handeln? Leica-CEO Andreas Voll ist überzeugt: „Deutschland steht für Innovationskraft, Ingenieurskunst und Spitzenqualität.“ Noch seien die Voraussetzungen vorhanden, damit das Land ein starker Industrie- und Technologiestandort bleibe. Aber dafür brauche es endlich „mehr Tempo bei Strukturreformen“ – und vor allem wieder Optimismus. „Made for Germany“ ist das richtige Signal, jetzt muss die Politik liefern.
