Weiterbildung

KI-Wissensmanagement: Wie Wissen zum Geschäftsmodell wird

Wissen galt lange als etwas, das Unternehmen in Akten, Köpfen, Archiven und vielleicht schon in Datenbanken verwalten. Künstliche Intelligenz verändert seinen Wert. Das W.A.F. Institut aus Tutzing zeigt, wie aus jahrzehntelang gesammeltem Spezialwissen plötzlich ein digitales Geschäftsmodell wird.

Illustration eines Roboters, der vor einem Laptop sitzt und in einen Chat schreibt als Symbolbild für KI-Wissensmanagement

22.10.2026

Das W.A.F. Institut bildet Betriebsräte in Deutschland aus. Irgendwann stellte das Unternehmen fest, dass seine Kunden längst ChatGPT und andere allgemeine KI-Systeme nutzten, um arbeitsrechtliche Fragen zu beantworten. Das Problem: Die Antworten klangen überzeugend, waren es aber nicht immer. „Es wurden sogar Paragrafen erfunden“, sagt Philipp Seeser, seit diesem Jahr Chief Technology Officer (CTO) des W.A.F. Instituts. Bei speziellen Fragen zum Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht fehlten den Modellen mitunter aktuelle oder überhaupt digital verfügbare Informationen. Das Unternehmen entschied sich deshalb dafür, selbst eine KI-Anwendung für Betriebsräte zu entwickeln. Die entscheidende Erkenntnis dabei: Nicht das Sprachmodell ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil, sondern das Wissen dahinter. Oder wie Seeser es formuliert: „Wir bauen nicht die Druckerpresse, wir besitzen die Bibliothek.“

Über Jahrzehnte sei diese Bibliothek enorm gewachsen, weil das Institut Gerichtsurteile, Fachliteratur, Seminarunterlagen und weitere Inhalte gesammelt hat. Allein rund 250.000 Textabschnitte aus Gerichtsurteilen seien mittlerweile digital erfasst worden, berichtet Seeser. Aus einem Archiv wurde damit etwas, das im KI-Zeitalter erheblich wertvoller sein kann: strukturiertes Wissen.

Mögliche Kannibalisierung ist kalkuliert

Die großen Sprachmodelle betrachtet Seeser dagegen als austauschbare Infrastruktur: „Sie sind eigentlich nur Mietware.“ Ein eigenes Basismodell zu entwickeln, hält er für unnötig. Entscheidend sei, die eigene Wissensbasis zu besitzen und zu pflegen. Denn auch das beste Sprachmodell produziert keine verlässlichen Antworten, wenn es mit veraltetem oder widersprüchlichem Material arbeitet. Für W.A.F. war deshalb nicht die Technologie die größte Herausforderung, sondern die Bereinigung und Aktualisierung des eigenen Wissens. Noch interessanter ist die unternehmerische Konsequenz. W.A.F. stellt seine KI sogar kostenlos zur Verfügung – und bietet damit ein Werkzeug an, das Teile des eigenen Geschäfts überflüssig machen könnte. Schließlich kann eine KI einen Paragrafen innerhalb von Sekunden erklären.

Seeser nimmt diese Kannibalisierung bewusst in Kauf. Denn Wissen allein ersetze weder Erfahrung noch Austausch oder die Sicherheit, das Gelernte im Unternehmen anzuwenden, sagt er. Die KI soll vielmehr die Lücke zwischen den Seminaren schließen. Gleichzeitig wird sie zum Vertriebsinstrument. „Damit bauen wir Reichweite, Vertrauen und am Ende auch Feedback auf“, ist Seeser überzeugt. Wer wochenlang verlässliche Antworten erhalte, dem müsse das W.A.F. Institut seine Kompetenz nicht mehr erklären. Darin steckt eine bemerkenswert disruptive Logik: Das Unternehmen verschenkt einen Teil seines Wissens, um die Bindung an seine Kunden zu vertiefen. Und es lernt gleichzeitig von deren Fragen. In ­anonymisierter Form erkennen die Tutzinger, welche Themen Betriebsräte beschäftigen – und können ihr Angebot daran ausrichten.

Portraitfoto von Philipp Seeser

Philipp Seeser

ist Chief Technology Officer für Betriebsräte-Fortbildung des W.A.F. Instituts für Betriebsräte-Fortbildung in Tutzing. Dort verantwortet er die technologische Weiterentwicklung des Unternehmens und treibt den KI-Einsatz voran.