Politik

KI im Wahlkampf: Jeder bekommt seine eigene Wahrheit

Barack Obama wurde dank Social Media zum US-Präsidenten, Donald Trump machte Twitter zur politischen Bühne. Strategieberater Julius van de Laar erklärt, warum jetzt Künstliche Intelligenz den politischen Wettbewerb grundlegend verändert – und am Ende nicht der Algorithmus, sondern Vertrauen über Wahlsiege entscheidet.

Detailaufnahme einer Frau, die ein Smartphone in den Händen hält, als Symbol für das Thema KI im Wahlkampf

18.08.2026

Jeder Wahlkampf hat seine prägende Technologie. Julius van de Laar zählt sie fast beiläufig auf: Barack Obama setzte 2008 auf Social Media, vier Jahre später wurde Big Data zum entscheidenden Werkzeug. Donald Trump nutzte Twitter als Sprachrohr, Joe Biden profitierte vom virtuellen Wahlkampf auf Zoom während der Covid-19-Pandemie. Jetzt steht die nächste Zäsur bevor: 2028 wird die alles entscheidende Frage im US-Wahlkampf sein: Ist es eine KI-Wahl?

Für den ehemaligen Obama-Wahlkämpfer van de Laar beginnt die eigentliche Revolution allerdings nicht bei spektakulären Deepfakes oder täuschend echten Bildern. Vielmehr beginnt sie dort, wo politische Kommunikation erstmals vollständig personalisiert werden kann. Schon Cambridge Analytica versprach 2016, die Wählerinnen und Wähler individuell ansprechen zu können. Die Daten dafür waren vorhanden. Was damals an der schieren Menge benötigter Inhalte schei­terte, erledigt heute Künstliche Intelligenz auf Knopfdruck binnen Sekunden. Aus Zehntausenden Datenpunkten lassen sich also Botschaften erzeugen, die exakt auf eine einzelne Person zugeschnitten sind – in Sprache, Bild und Tonalität. „Theoretisch“, sagt van de Laar, „kann jeder Wähler künftig eine andere Version derselben politischen Botschaft erhalten.“

Der Mensch bleibt der Stratege

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Grenze zwischen Kommunikation und Manipula­tion. Diese Frage sei sehr alt, sagt van de Laar und ergänzt: „Wahlkampf hat schon immer das Ziel gehabt, Menschen zu überzeugen und knappe Ressourcen möglichst effizient einzusetzen.“ KI verändere deshalb weniger das Prinzip von Kommunikation und Manipulation als dessen Geschwindigkeit und Präzision. Gleichzeitig glaubt er, dass der Überraschungseffekt von KI-generierten Inhalten schnell verpufft. „Was heute noch verblüfft, ist morgen schon alltäglich“, so der Wahlkampfstratege.

Auch hinter den Kulissen verändert sich Politik rasant: Kampagnen werden kleiner, Prozesse schneller, viele Routinen übernimmt heute schon die Maschine. Doch menschliche Strategen verschwinden deshalb nicht. Ihre Aufgabe verschiebt sich: Botschaften entwickeln, Kandidaten führen, Stimmungen einordnen – all das bleibe Aufgabe des Menschen, so van de Laar. Nur der Weg dorthin werde deutlich effizienter. Mindestens ebenso bedeutsam findet er eine zweite Entwicklung: Immer mehr Menschen nutzen KI, um politische Themen einzuordnen. Damit werde die Frage entscheidend, welche Inhalte Sprachmodelle überhaupt sichtbar machen. Wer die Aufmerksamkeit der KI gewinnt, gewinnt womöglich auch die Aufmerksamkeit der Wählerinnen und Wähler.

Doch trotz aller Technologie ist van de Laar sicher: Künstliche Intelligenz entscheidet keine Wahlen. Sie verstärkt lediglich das, was gesellschaftlich bereits vorhanden ist. Auch im KI-Zeitalter gewinne seiner Meinung nach am Ende nicht die beste Software, sondern der Kandidat, der den Menschen eine überzeugende Vorstellung von der Zukunft vermittelt: „Und das Versprechen kann nicht nur sein: Ich versuche, die anderen zu verhindern.“

Julius van de Laar

ist Politik- und Kampagnenberater sowie Experte für US-Wahlkämpfe. Er war hauptamtlicher Wahlkämpfer im Team von Barack Obama