Politik

Deutsche Industrie: Wachstumsdeal mit dem Bundeskanzler

Deutschlands Industrie steckt in der Krise. Astrid Hamker, Präsidentin des Wirtschaftsrats der CDU, fordert mehr Handlungsspielraum für die Industrie. Sie sagt aber auch, Unternehmen haben Fehler gemacht. Wie das Land zu alter Stärke zurückkehren kann.

Foto eines Industriegebiets am Hafen, als Symbolbild für das Thema deutsche Industrie

19.08.2026

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Wo liegen die größten Zukunftschancen für die deutsche Industrie?

Astrid Hamker: Vor allem dort, wo technologische Innovation auf industrielle Kompetenz trifft. Deutschland wird vermutlich nicht bei KI-Modellen führend sein. Unsere Stärke liegt darin, Künstliche Intelligenz mit industriellen Anwendungen zu verbinden – etwa in Produktionsprozessen, im Maschinenbau, im Gesundheitswesen oder im Handwerk. Auch in Bereichen wie Biotechnologie, Quantencomputing und Verteidigung sehe ich große Potenziale.

Wie gut steht die deutsche Industrie insgesamt da?

Hamker: Deutschlands Wirtschaft hat noch immer einen Industrieanteil von rund 20 Prozent. Allerdings ist er in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Viele Unternehmen haben zu wenig investiert, gleichzeitig haben sich strukturelle Standortnachteile verschärft. Dennoch verfügen wir mit unserem Mittelstand und mehr als 1.600 Hidden Champions über eine starke Substanz. Mit den rich­tigen Reformen können die Industrie und das Land wieder auf Wachstumskurs kommen.

Erwarten Sie mehr Wachstum durch die Reformpläne bei Bürokratieabbau und Steuern?

Hamker: Das Reformpaket enthält wichtige Signale für mehr Wachstum und Beschäftigung. Besonders positiv sind die Ausweitung der sachgrundlosen Befristung, das angekündigte Maßnahmenpaket zum Bürokratieabbau sowie die geplante Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Gerade die Genehmigungsfiktion nach vier Monaten wäre ein echter Paradigmenwechsel im Verwaltungsrecht und ein wichtiger Schritt hin zu mehr Planungssicherheit für Unternehmen. Die steuerlichen Entlastungen gehen in die richtige Richtung, hätten aber durchaus ambitionierter ausfallen können. Bedauerlich ist dagegen die geplante Anhebung der sogenannten Reichensteuer, die die Investitionsbedingungen insbesondere für viele als Personengesellschaften geführte Familienunternehmen verschlechtern würde.

Was können Unternehmen selbst beitragen?

Hamker: Ich habe Bundeskanzler Merz vor einigen Wochen einen Deal vorgeschlagen: Die Politik lässt den Unternehmen mehr Handlungsspielraum. Im Gegenzug versprechen diese, stärker am Standort Deutschland zu investieren und ihre Hausaufgaben zu machen. Viele Firmen waren lange sehr erfolgreich und haben notwendige Produktivitätsfortschritte deshalb nicht mit der erforderlichen Konsequenz vorangetrieben. In Teilen der Autoindustrie etwa wurde die Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte verschlafen. Der Wettbewerbsdruck hat zu einem Umdenken geführt. Unternehmen prüfen heute genauer, welche Märkte profitabel sind, diversifizieren stärker und ­lenken Investitionen gezielt in Wachstumsregionen. Diese größere Flexibilität hilft ihnen, Krisen besser zu bewältigen und neue Chancen zu nutzen. Gelingt der Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft, hat Deutschland gute Chancen, wieder nachhaltig zu wachsen und zu alter Stärke zurückzukehren.

Astrid Hamker

ist Präsidentin des Wirtschaftsrats der CDU. Die Betriebswirtin wirkt unter anderem im Aufsichtsrat der Drägerwerk AG sowie in weiteren Gremien etwa von Schmitz Cargobull und ihrem Familienunternehmen Piepenbrock