Automobilindustrie

Chinesische Autohersteller: „In China musst du auf einem anderen Niveau liefern“

Klaus Zyciora, Vice President und Chefdesigner bei Changan, kennt beide Welten: Jahrzehnte bei Volkswagen tätig, steht er derzeit mit an der Spitze eines ambitionierten chinesischen Autokonzerns, der Europa im Visier hat. Ein Gespräch über Tempo, Digitalisierung und die Unterschiede hierzulande.

Chinesische Autohersteller: Foto von Klaus Zyciora, während er den neuen Deepal S05 PHEV in Barcelona präsentiert

18.08.2026

Das Autoland Deutschland ist für chinesische Hersteller kein einfaches Terrain. Klaus Zyciora, deutscher Automobildesigner und jetzt Vice President der Chongqing Changan Automobile Company, beschreibt den Markteintritt seines neuen Unternehmens deshalb bewusst vorsichtig: Erst müsse das System stehen – Service, Teileversorgung, Werkstätten, Partner, Ausbildung –, bevor man den Markt „ausrollt“. Anders als in China zähle in Deutschland nicht nur das Produkt, sondern vor allem die verlässliche Infrastruktur dahinter. Für ihn ist deshalb klar: Wer Kunden enttäuscht, verliert sie sofort wieder.

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Sie leiten das globale Design eines der größten chinesischen Autohersteller. Was unterscheidet das Arbeiten in China grundlegend von dem, wie Sie es aus Deutschland kennen?

Klaus Zyciora: Der Unterschied ist diametral – und das betrifft vor allem die Bedeutung, die dem Design beigemessen wird. In China ist Design auf Vorstandsebene angesiedelt. Das ist eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung. Und dann ist da natürlich die Geschwindigkeit. Die Entwicklungsdynamik in China ist mit westlichen Maßstäben kaum vergleichbar.

Konkret: Wie viel schneller läuft das ab?

Zyciora: In China geht man aus einem extrem breiten Spektrum von Entwürfen – von total provokativ bis zur Konvention – sehr schnell auf ein Zielfeld zu. Das Auto wird finalisiert und landet umgehend auf dem Markt. Das ist viel, viel schneller als in der westlichen Welt. Bei Volkswagen lief Kundenfeedback durch drei, vier Filterstufen – und dann herrschte auch mal zwei Jahre Stille bis zum nächsten Update. In China ist das anders: Tausende Kunden sind über Apps vernetzt, geben direktes Feedback, und dann wird das Produkt optimiert. Sofort.

Was erwarten chinesische Kunden von einem Auto, das sie in Deutschland gar nicht so selbstverständlich einfordern würden?

Zyciora: Das Niveau ist schlicht höher. Für chinesische Kunden ist das Auto ein Lebensraum. Komfort, Qualität, Sicherheit, Entertainment, digitale Features, autonomes Fahren – all das muss stimmen. Wenn die Sprachsteuerung nicht funktioniert, ist das ein Pro­blem. Wenn der Screen nicht begeistert, fliegt er raus. Wenn das Material nur durchschnittlich ist, fliegt es ebenfalls raus. Du musst alle Erwartungen übererfüllen. Wer das nicht versteht oder liefern kann, hat nicht den Hauch einer Chance.

Das klingt nach einem anderen Käufertypus.

Zyciora: Absolut. Der chinesische Autokäufer ist deutlich jünger – Mitte dreißig, Anfang vierzig –, und das gesamte Leben läuft digital ab. Die Smartphones werden ständig geladen, weil sie immerfort im Betrieb sind. Fahrzeugdaten werden zwischen Geräten ausgetauscht, das Auto wird per App vortemperiert. Und dann reden die Leute völlig selbstverständlich mit ihrem Auto.

Über-Nacht-Updates statt Modellzyklus – ist das auch ein Kulturunterschied zur deutschen Industrie?

Zyciora: Ja, und zwar ein massiver. In Deutschland ist das Produkt zum Zeitpunkt des Verkaufs fertig – und dann wartet man auf den nächsten Zyklus. In China ist das Fahrzeug eine Plattform, die kontinuierlich verbessert wird. Kunden erwarten das. Die Frage „Was habt ihr seit letztem Monat verbessert?“ ist dort völlig normal. Das schlägt sich auch in der Produktionsplanung nieder: Man baut schneller, wiederholt schneller, reagiert schneller. Ein Entwicklungszyklus, der im Westen fünf Jahre dauert, läuft in China in zwei bis drei Jahren ab.

Changan ist in China auf Platz fünf der Hersteller. Hierzulande kennt die Marke kaum jemand. Wie gehen Sie damit um?

Zyciora: Das ist eine der zentralen Herausforderungen. Ich sage meinen Vorstandskollegen immer wieder: Kalibriert Euch neu. In China kennt uns jeder, und alle kennen die Marke Deepal. Hier ist es anders. Wir müssen unsere Geschichte von Beginn an erzählen – und zwar klug. Das ist keine einfache Mission. Changan hat da auch noch viel zu lernen.

Warum glauben Sie trotzdem, dass es funktionieren kann?

Zyciora: Weil Changan vor 25 Jahren die weise Entscheidung getroffen hat, ein Designcenter in Europa aufzubauen und tief in die europäische Designpsychologie einzutauchen. Der Deepal S05 folgt europäischen Gestaltungsprinzipien: gut proportioniert, athletisch, ausgewogen, nicht überspitzt. Er ist ein Volumentreffer im heiß umkämpften SUV-Segment. Er sieht einfach gut aus und ist in China bereits ein Bestseller. Nicht nur wegen der Optik, sondern wegen der Produktsubstanz insgesamt. Genau das wollen wir auch nach Europa bringen.

Apropos, alle SUVs sehen irgendwie gleich aus: Ist das als Designer nicht ein bisschen frustrierend? Wie entkommen Sie dieser Gleichförmigkeit?

Zyciora: Das Gehirn funktioniert nach Mustern – es entscheidet in Millisekunden, ob etwas interessant ist oder nicht. Als Marke musst du genau dort ansetzen: prägende Elemente verankern, die die Menschen unbewusst wiedererkennen. Wirfst du sie über Bord, war die ganze Arbeit umsonst. Wer aber nur das Vertraute wiederholt, wird unsichtbar, langweilig. Denn Menschen lieben auch das Neue. Die wahre Aufgabe ist also dieses ständige Austarieren: nah genug an der Marken-DNA, um zu vertrauen – und weit genug davon entfernt, um zu überraschen. Ferrari hat das mit einem Modell mal falsch gemacht, zu viel gebrochen, zu wenig bewahrt – der Aufschrei war enorm. Das war eine gute Lektion für alle.

Wird Europa jemals so schnell sein können wie China?

Zyciora: (kurze Pause) Nein. Aber es wird sich annähern. Denn die Kunden werden das erzwingen.

Klaus Zyciora

war mehr als drei Jahrzehnte als Designer bei Volkswagen tätig, davon 13 Jahre als Chefdesigner der Marke VW. Danach leitete er von April 2020 bis Ende 2022 das Konzerndesign, bevor er als Vice President Design zu Changan Automobile wechselte. Er führt aktuell ein globales Designnetz mit mehr als 900 Designern aus über 30 Nationen