DUP UNTERNEHMER-Magazin: Wie steht es in Deutschland um Frauen in Führungspositionen?
Yu Zhang: Deutschland liegt beim Frauenanteil in Führungspositionen unter dem EU-Durchschnitt, und gerade auf Vorstandsebene stagniert die Entwicklung. Trotzdem hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges bewegt. Gesetzliche Regelungen zu Führungspositionen, vor allem in Aufsichtsräten haben Veränderungen angestoßen. Auch in Familienunternehmen werden zunehmend weibliche Nachfolgerinnen an die Spitze gelassen. Die wichtigsten Fortschritte sehe ich allerdings im Mindset: Erstens wird heute selbstverständlicher über weibliche Führung gesprochen. Zweitens wächst eine neue Generation hochqualifizierter Frauen auf C-Level sowie in Wissenschaft, Technologie und Betrieben heran – auch in Familienunternehmen. Und drittens setzt sich die Erkenntnis durch, dass Vielfalt kein Frauenthema ist, sondern ein klarer Wettbewerbsfaktor. Es gibt also Fortschritte – aber wir haben noch einiges zu tun.
Frauen wird oft vorgehalten, sie müssten sich stärker selbst positionieren. Reicht das?
Zhang: Natürlich ist es wichtig, die eigene Stimme zu erheben, Kompetenz sichtbar zu machen und Ambitionen nicht zu verstecken. Aber es greift zu kurz, daraus ein reines Individualproblem zu machen. Sichtbarkeit hängt auch davon ab, wer gefördert wird, wer auf Bühnen steht, wer als „natürliche“ Führungskraft gilt und wessen Lebensrealität in Organisationen überhaupt mitgedacht wird. Deshalb liegt ein wesentlicher Teil der Verantwortung auch bei den Strukturen. Wenn wir es ernst meinen mit mehr Frauen in Führung, müssen sich Auswahlmechanismen, Beförderungskulturen, Vereinbarkeitsmodelle in Unternehmen und informelle Machtzirkel in der Gesellschaft verändern. Anders gesagt: Wir sollten aufhören zu glauben, ein systemisches Problem ließe sich allein durch mehr Selbstmarketing lösen. Es braucht beides – Selbstermächtigung und strukturelle Veränderung.
Was macht für Sie eine einflussreiche Frau aus?
Zhang: Wirklicher Einfluss beginnt für mich nicht mit einem Titel, sondern mit Wirkung. Eine einflussreiche Frau setzt etwas in Bewegung – in einem Unternehmen, in einer Branche und idealerweise auch im gesellschaftlichen Denken. Mich beeindruckt besonders, wenn Substanz und Haltung zusammenkommen: fachliche Exzellenz, gepaart mit Verantwortung, Integrität und der Fähigkeit, andere mitzunehmen. Ich achte dabei vor allem auf vier Eigenschaften: Mut, Wirksamkeit, Großzügigkeit und Zukunftssinn. Mut, weil echte Veränderung selten im Komfort entsteht. Wirksamkeit, weil gute Absichten allein nicht reichen. Großzügigkeit, weil starke Persönlichkeiten Türen für andere öffnen. Und Zukunftssinn, weil Einfluss immer auch Verantwortung für die nächste Generation bedeutet.
Sie haben den Female Impact Summit initiiert. Warum braucht es solche Netzwerke?
Zhang: Chancen entstehen nicht nur durch Leistung, sondern auch durch Zugang, Sichtbarkeit und Vertrauen. Je höher die Positionen, desto wichtiger ist belastbare Vernetzung. Beim Female Impact Summit geht es um Inhalt, Austausch über Disziplingrenzen hinweg und Networking auf Augenhöhe. Genau dort entstehen neue Perspektiven und Kooperationen. Solange Frauen strukturell unterrepräsentiert sind, brauchen wir Orte, an denen sie nicht zuerst ihre Legitimität erklären müssen, sondern direkt über Ideen und Verantwortung sprechen können.
Wenn Sie heute eine einzige strukturelle Veränderung in der deutschen Wirtschaft durchsetzen könnten, die Frauen in Führungspositionen nachhaltig stärkt – welche wäre das und warum gerade diese?
Zhang: Wenn ich nur eine strukturelle Veränderung durchsetzen könnte, würde ich viel früher ansetzen – in der Bildung. Ähnlich wie in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) schaue ich nicht nur auf Symptome, sondern auf die Ursache eines Problems.
Ich würde deshalb eine flächendeckende wirtschaftliche Grundbildung ab der Mittelstufe einführen, die jungen Menschen früh vermittelt, wie Verantwortung, Entscheidungen und Führung im Wirtschaftsleben funktionieren – mit besonderer Aufmerksamkeit für Schülerinnen. Viele junge Frauen kommen mit diesen Themen schlicht zu spät in Berührung. Wenn wir wollen, dass mehr Frauen später Führungsverantwortung übernehmen, müssen wir Führung, Unternehmertum und wirtschaftliche Zusammenhänge schon dort sichtbar und attraktiv machen, wo Jugendliche beginnen, über ihre Zukunft nachzudenken.
Mein Ziel wäre, jungen Frauen früh ein wichtiges Werkzeug mitzugeben: Zukunftsfähigkeit – also das Selbstverständnis, dass sie gestalten, entscheiden und Verantwortung übernehmen können.
