Modern Work

Gründen statt grübeln: Warum Deutschland mehr Unternehmergeist braucht

Deutschland erlebt viele Gründungen, doch Bürokratie und Unsicherheit bremsen den Unternehmergeist. Start-ups und junge Unternehmen treiben Innovation und moderne Arbeitsformen voran. Gefragt sind bessere Rahmenbedingungen, damit aus Ideen mehr Unternehmen werden.

Frau sitzt grübelnd mit Laptop am Schreibtisch, wirre Linien über dem Kopf – Symbolbild für fehlenden Unternehmergeist

29.06.2026

110.000 Existenzgründungen in den Freien Berufen allein im Jahr 2025. Mehr als die Hälfte davon von Frauen. Das klingt nach Aufbruch. Und ist es auch, zumindest teilweise. Denn gleichzeitig bremsen Bürokratie, fehlende Planungssicherheit und ein gesellschaftliches Klima, das Scheitern noch immer zu oft als Makel begreift, viele potenzielle Gründerinnen und Gründer aus. Deutschland, so die nüchterne Diagnose, ist noch immer eher Angestellten- als Selbstständigenland.

„Mental und administrativ herrscht eher Flaute als Rückenwind", sagt Peter Klotzki, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Berufe (BFB). Umso mehr schätze er den Mut derjenigen, die sich gegen alle Widerstände auf den Weg in die Selbstständigkeit machten.

Innovation kommt aus jungen Unternehmen

Wer die Arbeitswelt von morgen verstehen will, kommt an einer Erkenntnis nicht vorbei: Vieles von dem, was heute unter dem Begriff „Modern Work" diskutiert wird, wurde zuerst in Start-ups und jungen Wachstumsunternehmen erprobt. Flexible Arbeitsmodelle, flache Hierarchien, ergebnisorientierte Führung – diese Konzepte entstanden nicht in den Vorstandsetagen der DAX-Konzerne, sondern in Garagen, Co-Working-Spaces und kleinen Büros.

Dabei geht es längst nicht nur um technologiegetriebene Start-ups. Auch in den freien Berufen, im Handwerk, im Dienstleistungssektor und in wissensintensiven Branchen entstehen neue Geschäftsmodelle. „Unternehmensgründungen sind ein zentraler Motor für die Arbeitswelt von morgen", betont Klotzki. „Sie schaffen neue Arbeitsplätze, treiben Innovationen voran und fördern die Entwicklung zukunftsorientierter Geschäftsmodelle."

Der Bürokratie-Dschungel als Bremse

Was hält Menschen davon ab, diesen Schritt zu wagen? Die Antworten sind ernüchternd vertraut. Langwierige Genehmigungsverfahren, komplexe regulatorische Vorgaben, fehlende Kinderbetreuung zu Randzeiten, mangelnder Mutterschutz für Selbstständige. „Gründungswillige Personen sehen sich mit einem Bürokratie-Dschungel und geringer Planungssicherheit konfrontiert", so Klotzki. Die Finanzierung sei in vielen Bereichen gesichert, etwa durch spezialisierte Institute wie die Deutsche Apotheker- und Ärztebank sowie Bürgschaftsbanken. Was abschrecke, sei der Verlust unternehmerischer Freiheit durch unnötige Bürokratie.

Besonders brisant ist die Situation für Frauen. Obwohl 54,3 Prozent der Gründungen in den Freien Berufen von Frauen getragen werden, droht laut BFB ausgerechnet der zugesagte Mutterschutz für Selbstständige unter dem Deckmantel des Sparens zu kippen. „Wir sollten den hohen Frauenanteil zum Anlass nehmen, auch zukünftig Frauen zum Gründen zu motivieren", fordert Klotzki. Doch dafür brauche es ein unterstützendes Umfeld, nicht weniger Förderung.

KI als Chance und Unsicherheitsfaktor

Ein weiteres Hemmnis kommt hinzu: die Unsicherheit rund um Künstliche Intelligenz. Viele potenzielle Gründerinnen und Gründer fragen sich, ob ihre Geschäftsidee in einer KI-geprägten Welt noch trägt. Klotzki sieht das differenziert: Verlässliche Regeln müssten Innovation ermöglichen, ohne Expertenwissen zu relativieren. Und Europa dürfe sich nicht in eine Abhängigkeit von ausländischen Plattformen und KI-Tools manövrieren. „Die KI muss uns gehören, genauso wie das Wissen und die Kompetenz unserer Expertinnen und Experten."

Den Freien Berufen fehlen in ihren Praxen, Kanzleien, Büros und Apotheken rund 211.000 Personen. Auch deshalb gilt: Wer Gründungen fördert, stärkt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Versorgung der Menschen in Deutschland.

Was jetzt gebraucht wird

Die Diagnose ist klar, die Rezeptur auch: weniger Bürokratie, schnellere Verwaltungsverfahren, familienfreundliche Rahmenbedingungen für Selbstständige und eine Gründungskultur, die Mut belohnt statt bestraft. „Wir fordern Reformpakete, die wirken", sagt Klotzki. „Sie müssen Bürokratie abbauen, Planungssicherheit gewährleisten, Vertrauen schaffen und letztlich die Versorgung der Menschen in Deutschland sichern."

Deutschland hat das Potenzial. Was fehlt, ist der politische Wille, die Rahmenbedingungen endlich so zu gestalten, dass Gründen attraktiver wird als Grübeln.