Familienplanung

Social Freezing in Unternehmen: Warum Fertility Benefits für Arbeitgeber relevanter werden

Karriere und Familienplanung lassen sich nicht immer gleichzeitig verwirklichen. Immer mehr Frauen nutzen deshalb Social Freezing, das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen. Doch das Thema wird zunehmend auch für Unternehmen relevant, als Teil neuer Angebote rund um reproduktive Gesundheit.

Detailaufnahme von entnommenen Eizellen, die eingefroren werden. Der Vorgang wird auch Social Freezing genannt

16.03.2026

Viele Frauen wünschen sich Kinder, finden aber nicht immer zum gewünschten Zeitpunkt den passenden Partner. Genau das ist einer der häufigsten Gründe für Social Freezing. Frauen Anfang oder Mitte 30 lassen ihre Eizellen einfrieren, um den Zeitdruck bei der Familienplanung zu reduzieren, erzählt Johanna Rief, Geschäftsführerin des Beratungsanbieters Fyrce Care. Das Start-upberät Frauen umfassend zu allen Themen rund um die Eizellgesundheit, Fruchtbarkeitsvorsorge und dem Prozess des Eizellen-Einfrierens.

Die Möglichkeit, Eizellen einzufrieren und später befruchten zu lassen wird deshalb zunehmend diskutiert. Nicht nur in der Medizin oder Gesellschaft, sondern auch in Unternehmen. Immer mehr Arbeitgeber beschäftigen sich mit sogenannten Fertility Benefits, also Angeboten rund um Kinderwunsch und reproduktive Gesundheit.

Social Freezing und Medical Freezing

In Deutschland wird zwischen Social Freezing und Medical Freezing unterschieden. Beim Social Freezing werden Eizellen ohne medizinische Indikation eingefroren, etwa aus persönlichen Gründen. Medical Freezing erfolgt aus medizinischen Gründen, etwa vor einer Chemotherapie, und wird in der Regel von den Krankenkassen übernommen, erklärt Rief.

In der Praxis sind die Grenzen jedoch fließender als die Begriffe vermuten lassen. Erkrankungen wie Endometriose oder das Polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) können die Fruchtbarkeit ebenfalls stark beeinträchtigen. Obwohl es sich um medizinische Diagnosen handelt, werden die Kosten für das Einfrieren von Eizellen in diesen Fällen häufig nicht übernommen.

Fruchtbarkeit wird zum Thema für Unternehmen

„Ein unerfüllter Kinderwunsch kann eine enorme emotionale Belastung sein, die sich auf die Lebensqualität und damit auch auf die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz auswirken kann“, sagt Rief.

Reproduktive Gesundheit war lange ein Thema, über das im Arbeitskontext kaum gesprochen wurde. Gleichzeitig betrifft es mehr Menschen, als viele Arbeitgeber vermuten. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist weltweit jede sechste Person im Laufe ihrer fruchtbaren Lebensjahre von Unfruchtbarkeit betroffen. Zudem liegt die Ursache in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Fruchtbarkeit ist also keineswegs nur ein Frauenthema.

Unternehmen beginnen deshalb, das Thema stärker in ihr Gesundheitsmanagement zu integrieren. Neben klassischen Angeboten wie Kinderbetreuung oder Elternzeitprogrammen, rücken zunehmend auch Fertility Benefits in den Fokus. Etwa Fruchtbarkeitstests, Beratung bei Kinderwunschbehandlungen oder Programme zur reproduktiven Gesundheitsvorsorge.

Wie Unternehmen das Thema sensibel unterstützen können

Für Arbeitgeber stellt sich dabei eine zentrale Frage: Wie können sie Unterstützung anbieten, ohne in die Privatsphäre ihrer Mitarbeitenden einzugreifen? „Der Schlüssel liegt in der Entkopplung“, sagt Rief. „Unternehmen ermöglichen den Zugang zu Angeboten, ohne Details über einzelne Mitarbeitende zu kennen.“

In der Praxis geschieht das häufig über externe Anbieter, die Beratung, Begleitung oder medizinische Leistungen koordinieren. Mitarbeitende können entsprechende Angebote nutzen, ohne dass Personalabteilungen Einblick in persönliche Entscheidungen erhalten.

Aufklärung spielt eine zentrale Rolle

Neben finanziellen Fragen geht es vor allem um Information und Begleitung. Viele Menschen wissen erstaunlich wenig über ihre eigene Fruchtbarkeit. Auch der Prozess des Eizellen Einfrierens ist vielen unbekannt: Vor der Entnahme, die selbst minimalinvasiv ist, erfolgt eine acht- bis zwölftägige Hormonstimulation, die Frauen selbst durchführen. Das kann körperlich und emotional herausfordernd sein. Ein Zyklus kostet laut Rief etwa 3.500 bis 4.000 Euro, hinzu kommen jährliche Lagerkosten. Häufig sind mehrere Zyklen notwendig.

Für Unternehmen kann Unterstützung deshalb unterschiedlich aussehen. Von Informationsveranstaltungen über Beratungsangebote bis hin zu organisatorischer Unterstützung während einer Behandlung. Entscheidend ist aus Sicht der Expertin, dass Social Freezing nicht als isolierter Einzelbenefit eingeführt wird. „Wenn Social Freezing das einzige familienbezogene Angebot ist, sendet das die falsche Botschaft“, sagt Rief.

Stattdessen sollte es Teil einer umfassenderen Strategie sein, die beispielsweise flexible Arbeitszeiten, Unterstützung während der Elternzeit oder Kinderbetreuung umfasst. Der entscheidende Punkt dabei ist die Kommunikation: Social Freezing sollte immer als eine Option unter mehreren dargestellt werden, nicht als Erwartung an Mitarbeiterinnen.

Erste Vorreiter – Deutschland steht noch am Anfang

International sind Fertility Benefits bereits in vielen Branchen verbreitet. In den USA führten große Tech-Unternehmen entsprechende Programme schon vor Jahren ein.

Auch in Deutschland gibt es erste Vorreiter. Unternehmen wie das Wissenschaftsunternehmen Merck oder die Strategieberatung Kearney bieten Programme an, die verschiedene Leistungen rund um reproduktive Gesundheit bündeln. Trotzdem stehen viele Unternehmen hierzulande noch am Anfang. Häufig fehlt es an Erfahrung im Umgang mit sensiblen Gesundheitsthemen oder an klaren Konzepten für die Umsetzung.

Wahlfreiheit statt Erwartungsdruck

Langfristig geht es Rief darum, Social Freezing als selbstverständlichen Teil der Gesundheitsvorsorge zu etablieren. „Meine Vision ist eine Arbeitswelt, in der Social Freezing eine selbstverständliche Option unter vielen ist, nicht als Erwartung, sondern als echte Wahlfreiheit.“

Johanna Rief

ist Mitgründerin und CEO von Fyrce Care, einem Fertility-Tech-Startup, das verändert, wie Frauen das Thema Fruchtbarkeit und Eizellen einfrieren erleben: informiert, begleitet und selbstbestimmt. Mit über 11 Jahren Erfahrung im Aufbau von Consumer Brands, unter anderem als Global Director PR & Partnerships bei der Lovehoney Group, bringt sie tiefgreifende Expertise in Brand Building, globaler Kommunikation und der Entwicklung von Innovationen in tabuisierten Bereichen mit. Ihre Mission: reproduktive Gesundheit offen, zugänglich und frei von Stigma gestalten.