Innovationsgeist

Henning Fehrmann über industrielle KI: „Jetzt kommt die Zeit der deutschen Unternehmen“

Henning Fehrmann führt ein traditionsreiches Hamburger Familienunternehmen in fünfter Generation – und denkt es zugleich radikal neu. Im Gespräch erklärt er, warum bei KI jetzt die Stunde heimischer Firmen schlägt und wie Mittelständler neue Geschäftsmodelle erschließen.

Eine Nahaufnahme eines Glasfaserkabels, dessen Kabel bunt erleuchtet sind, als Symbolbild für das Thema industrielle KI

18.06.2026

Henning Fehrmann leitet die Fehrmann Group in fünfter Generation. Die Gruppe vereint mehrere Geschäftsfelder. Fehrmann Materials entwickelt High-Performance-Aluminiumlegierungen. Mit der Windows-Sparte baut Fehrmann spezielle Schiffsfenster, ursprünglich für große Jachten, inzwischen auch für den Verteidigungssektor. Mit Apprisify entwickelt das Unternehmen das erste ultrabreitformatige dynamische Head-up-Display für den Einsatz auf Schiffen. Und das neueste Standbein ist eine KI-Plattform zur Materialentwicklung – nach eigener Aussage eine der besten ihrer Art weltweit.

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Viele blicken derzeit düster auf den Standort Deutschland. Sie nicht. Woher nehmen Sie den Optimismus?

Henning Fehrmann: Die Fakten sehe ich genauso wie alle anderen: Wir haben hohe Energie- und Bürokratiekosten, Fachkräftemangel und zu hohe Steuern. Aber bis auf die hohen Energiekosten können wir all diese Probleme mithilfe von Künstlicher Intelligenz lösen. Mit KI können wir Komplexität managen und so Bürokratie in den Griff bekommen. In puncto Fachkräftemangel erlaubt es KI, mit wenig Menschen viel zu bewirken. Und Gewinnsteuern zahle ich eigentlich ganz gern in Maßen, wenn ich denn Gewinn mache. Auch dabei kann KI helfen, indem sie uns produktiver macht. Insofern glaube ich, wir unterschätzen oft die Instrumente, die wir selbst in der Hand halten.

Zahlreiche Unternehmen scheinen sich noch schwerzutun mit dem gewinnbringenden Einsatz von KI. Woran liegt das?

Fehrmann: In vielen Unternehmen wurde zu wenig innoviert. Denn es lief ja gut. Man schaut zu lange auf den Status quo und übersieht, welche Kraft Technologien und Wettbewerber entwickeln, die einen dann plötzlich überholen. Der deutsche Mittelstand ist häufig nicht First Mover. Auch die Adaption von KI hat gedauert – im B2B-Bereich länger als bei B2C –, aber sie beginnt. Auf der Hannover Messe im April hat sich gezeigt: Deutsche Unternehmen sind führend im Einsatz und Testen von industrieller KI. Denn um mit KI in Industrieunternehmen die Produktivität zu steigern, reicht es nicht aus, ein Sprachmodell zu nutzen. Das ist viel komplexer. Die guten Unternehmen haben das verstanden. Sie haben eine KI-Strategie entwickelt und machen die Daten, die sie zu ihrem Produkt oder Prozess im Unternehmen gesammelt haben, jetzt mittels KI nutzbar, um noch besser zu werden.

Ihr Unternehmen, die Fehrmann Group, gilt als innovationsfreudig. Wie gelingt Ihnen das?

Fehrmann: Unsere DNA war immer, First Mover zu sein. Das hat uns manchmal zwar viel Geld gekostet, bringt uns aber auch enorme Vorteile. Wir entwickeln seit über 60 Jahren metallische Werkstoffe. Und hier gab es in der Vergangenheit wenig Innovation, weil es fünf Jahre Zeit und mindestens zwei Millionen Euro brauchte, um ein neues Material zu entwickeln. Wir wollten die Dauer auf fünf Tage verkürzen. Deshalb haben wir eine KI-Plattform geschaffen. Mit ihr konnten wir die Entwicklungszeit schon jetzt auf zwei bis vier Wochen verkürzen. Wir sind noch nicht ganz da, wo wir sein wollen, aber wir haben damit zugleich eine der besten industriellen KI-Plattformen der Welt gebaut. 2024 haben wir angefangen, die Software zu verkaufen, obwohl das ursprünglich gar nicht geplant war. Und inzwischen ist eine neue Umsatzsäule entstanden, die starkt wächst.

Wie gelingt es Ihnen, neben dem Kerngeschäft so ein neues Standbein zu schaffen?

Fehrmann: Ich war früher Angel Investor und habe mir immer die Frage gestellt, warum die Zusammenarbeit von Start-ups und Etablierten nur selten funktioniert. Dabei wäre das ideal. Start-ups sind agil und arbeiten an disruptiven Produkten mit Welteroberungscharakter. Die Etablierten haben gesicherte Prozesse, viel Marktkenntnis, Datenwissen, Reputation und Kapital. Aber ein Start-up in Corporate-Prozesse zu pressen funktioniert nie. Und die Start-up-Mentalität in ein Corporate zu bringen klappt auch nicht. Also haben wir neue KI- und Data-Ingenieure in ihrer ersten Woche bei uns in unsere Metallgießerei geschickt. So ist ein wechselseitiger Respekt entstanden. Denn jeder leistet seinen Beitrag, ob beim Coden oder am Hochofen. Darüber hinaus müssen wir mutig sein, Geld in die Hand nehmen und ein tiefes Marktverständnis entwickeln. Vor allen Dingen aber darf man sich nicht davon beeinflussen lassen, dass ständig jemand sagt, warum etwas nicht geht. Von meiner Frau habe ich eine Geburtstagskarte mit einer norddeutschen Weisheit bekommen: „Gegenwind formt den Charakter“. Dieses Sprichwort passt zu mir.

Sie bauen derzeit auch Geschäft in den USA auf. Was versprechen Sie sich davon?

Fehrmann: Ich lasse mich nicht blenden vom täglichen Soap-Opera-Spektakel. Die USA sind insbesondere für unsere industrielle Softwarelösung der attraktivste Markt. Wir planen dort eine kleine Firma, die wir wachsen lassen wollen. In den Vereinigten Staaten schätzen sie industrielle KI made in Germany. Denn die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv an indus­trieller Kraft verloren. US-Industrieprodukte sind nicht mehr State of the Art, das erkennt man zum Beispiel an den Autos. Deutschland hingegen ist immer noch ein Zentrum industrieller Produktion. Beim industriellen Know-how bewegen wir uns in einer ganz anderen Liga. Deshalb ist das Interesse an unserer industriellen Softwareplattform groß. Unter der Trump-Administration wurden zudem Programme aufgesetzt, um ausländische Technologie und Unternehmen ins Land zu holen, übrigens auch im Verteidigungssektor. Von diesem Pragmatismus und der Umsetzungskraft in den USA können wir uns eine Scheibe abschneiden – und die negativen Aspekte weglassen.

Porträt von Henning Fehrmann

Henning Fehrmann

leitet seit 2008 die Hamburger Fehrmann Group in fünfter Generation. Der Diplom-Ingenieur fördert junge Gründende und engagiert sich in zahlreichen Ehrenämtern für die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft