Gastbeitrag

Fachkräftemangel in KMUs

Warum kleinere Betriebe ihre größten Stärken im Recruiting oft falsch ausspielen

Der Fachkräftemangel trifft viele Unternehmen – doch gerade für kleine und mittlere Betriebe ist er besonders spürbar. Jede unbesetzte Schlüsselposition kostet mittelständische Betriebe nicht nur Umsatz, sondern Innovationsgeschwindigkeit – und im schlimmsten Fall Marktanteile.

Ein Mann in einem Handwerksbetrieb als Symbolbild für das Thema Recruiting im Mittelstand

19.02.2026

Während Konzerne ihre offenen Stellen vergleichsweise schnell besetzen, bleiben Positionen in KMUs oft monatelang vakant. Studien zeigen: Gerade kleinere Betriebe sind überdurchschnittlich betroffen. Der naheliegende Reflex ist, sich im Wettbewerb an den Großen zu orientieren. Strategisch betrachtet ist das jedoch riskant: Wer die Spielregeln des Konzerns übernimmt, spielt ein Spiel, das er strukturell kaum gewinnen kann.

Wenn KMUs versuchen, Konzerne zu kopieren

Viele kleinere Unternehmen reagieren auf den Fachkräftemangel, indem sie versuchen, mit Konzern-Vorteilen mitzuhalten: lange Benefit-Listen, standardisierte Versprechen, Hochglanz-Stellenanzeigen. In der Praxis wirkt das jedoch oft austauschbar oder unglaubwürdig. Denn selbst wenn einzelne Benefits vorhanden sind, fehlen häufig die Strukturen, die diese Versprechen tragen. Das Problem liegt selten in fehlender Attraktivität, sondern in mangelnder Sichtbarkeit. KMUs investieren viel Energie in Produkt, Dienstleistung oder Kundengewinnung, während Employer Branding oft ein Nebenprojekt bleibt. Dabei entscheiden sich Bewerbende heute nicht nur für einen Job, sondern für ein Umfeld. Wer diese Arbeitsrealität nicht sichtbar macht, findet schlicht nicht statt.

Was der Bewerbermarkt sieht und warum KMUs oft „unsichtbar“ bleiben

Wer viel mit Recruiting-Daten arbeitet, sieht schnell: Die Aufmerksamkeit im Markt verteilt sich nicht fair, sondern nach Bekanntheit und Präsenz. Führende Plattformen wie Indeed machen diese Dynamik täglich sichtbar: Bewerbende vergleichen nicht nur Aufgabenprofile, sondern vor allem Arbeitgeberbilder. Wenn ein Konzern mit starker Marke und hoher Reichweite auf der einen Seite steht und ein KMU auf der anderen, dann ist die Entscheidung häufig schon gefallen, bevor Inhalte überhaupt geprüft wurden. Das ist die eigentliche Hürde: Nicht die Frage, ob KMUs attraktiv sind, sondern ob ihre Attraktivität in der Wahrnehmung überhaupt ankommt.

Employer Branding: Die große Leerstelle im Mittelstand

Eine der größten Herausforderungen für KMUs ist die fehlende Awareness. Bewerbende stehen vor der Wahl: ein bekannter Konzernname oder ein kleinerer Arbeitgeber, über den sie kaum etwas wissen. Selbst wenn die Rahmenbedingungen im KMU besser passen würden – Sichtbarkeit schlägt häufig Substanz. Hier braucht es Investitionen, nicht in Hochglanzkampagnen, sondern in Authentizität: ein einfaches Image- oder Recruiting-Video, Einblicke in den Arbeitsalltag, Stimmen aus dem Team. Wie arbeitet es sich hier wirklich? Wie sind die Kolleginnen und Kollegen? Wie fühlt sich Zusammenarbeit an? Solche Inhalte schaffen Nähe und Orientierung und geben KMUs die Chance, ihre Vorteile gegenüber Konzernen überhaupt erst ins Spiel zu bringen.

Die echten Vorteile kleiner Betriebe

Denn KMUs verfügen über Stärken, die Konzerne strukturell nicht bieten können: Entscheidungswege sind kurz, Prozesse schnell. Während in großen Organisationen selbst kleine Anliegen mehrere Hierarchieebenen und Abstimmungen durchlaufen, reicht im KMU oft ein direktes Gespräch. Vorschläge versanden nicht in ewig langen Ticketsystemen, sondern landen direkt bei den Entscheidern. Auch Flexibilität ist hier meist kein Buzzword wie in der Stellenanzeige des Konzerns, sondern ein gelebter Alltag: zum Beispiel nur ein halber Tag an Rosenmontag, kurzfristig früherer Feierabend, Überstundenabbau für ein langes Wochenende oder auch spontane Urlaubstage und gemeinsame Aktivitäten. Arbeitszeitmodelle lassen sich pragmatisch an Lebensrealitäten anpassen – ohne Aufsichtsrat, Tarifbindung oder globale Vorgaben. Diese unternehmerische Entscheidungsfreiheit ist kein Nebeneffekt, sondern ein strategischer Wettbewerbsvorteil.

Ein weiterer, oft unterschätzter Punkt: Verantwortung. In kleineren Betrieben ist niemand „ein Rädchen im Getriebe“. Mitarbeitende werden viel schneller zu tragenden Säulen, ihr Beitrag ist sichtbar und relevant. Gerade für ambitionierte Fachkräfte kann das attraktiver sein als ein großer Name auf der Visitenkarte.

Vorteile richtig übersetzen – statt aufzuzählen

Der entscheidende Schritt liegt darin, diese Vorteile nicht abstrakt zu benennen, sondern konkret zu übersetzen. „Kurze Entscheidungswege“ werden greifbar, wenn klar wird, wer worüber entscheidet. „Flexibilität“ überzeugt erst, wenn sie anhand realer Beispiele gezeigt wird. Und Entwicklungsmöglichkeiten entfalten Wirkung, wenn Bewerbende verstehen, welche Rolle sie im Unternehmen tatsächlich spielen können. Auch beim Thema Gehalt lohnt sich Differenzierung: Während Konzerne häufig an starre Tarifstrukturen gebunden sind, haben KMUs mehr Spielraum, individuelle Leistungen zu honorieren – gerade bei Schlüsselpositionen. 

Recruiting als Frage der Klarheit

Erfolgreiches Recruiting für KMUs ist weniger eine Frage des Budgets als der Haltung. Entscheidend ist die Konsequenz über den gesamten Prozess hinweg: von der Stellenanzeige über den Auftritt in sozialen Kanälen, die Kontaktaufnahme und das Bewerbungsgespräch bis hin zum Onboarding. Überall geht es darum, die eigenen Vorteile nicht nur zu behaupten, sondern erlebbar zu machen und gut zu verkaufen. Wenn kurze Entscheidungswege versprochen werden, müssen schnelle Rückmeldungen folgen. Wenn Flexibilität Teil der Kultur ist, muss sie im Gespräch konkret werden. Und wenn Verantwortung früh übertragen wird, sollte das Onboarding genau darauf ausgerichtet sein.

Gerade hier können sich KMUs vom Konzern absetzen: Während große Organisationen oft standardisierte, stark regulierte Prozesse haben, können kleinere Betriebe persönlicher, direkter und verbindlicher agieren. Im Wettbewerb um Fachkräfte gewinnen nicht die lautesten Arbeitgeber, sondern die, die ihre Stärken konsequent ausspielen. Für mittelständische Unternehmen ist das kein Marketingthema, sondern eine Führungsaufgabe mit direkter Auswirkung auf Wachstum und Zukunftsfähigkeit.

Sultan Waraich

ist Geschäftsführer bei Curato, einer Indeed-Agentur, die Unternehmen wie VW, RWE und Dallmayr dabei unterstützt, ihre Stellenanzeigen und Recruitingstrategien zu optimieren. Zuvor war er mehrere Jahre in verschiedenen Funktionen bei der Jobplattform Indeed tätig – unter anderem im strategischen Vertrieb und in der Beratung von HR-Abteilungen großer Unternehmen.