DUP UNTERNEHMER-Magazin: Ihre „Strategie 2030“ beginnt mit Kontinuität – wie sehr ist sie tatsächlich ein Bruch mit dem bisherigen Kurs?
Thomas Stoffmehl: Die „Strategie 2030“ ist keinesfalls ein Bruch, sondern vielmehr eine konsequente Fortschreibung des bereits eingeschlagenen und erfolgreichen Kurses. Sie wurde auf Grundlage der Erkenntnisse und Ergebnisse der „Strategie 2025“ entwickelt, greift die zentralen Erfolgsfaktoren auf, erweitert den bestehenden Rahmen um neue Wachstumshebel und setzt gezielt auf organisatorische Weiterentwicklung. Unsere „Strategie 2030“ stärkt das, was Vorwerk im Kern ausmacht: unternehmerisches Denken, die Stärke des Vorwerk-Direktvertriebsmodells und eine daraus resultierende konsequente Ausrichtung auf die Beraterinnen und Berater im Mittelpunkt des Handelns.
Sie nennen die „Community“ – also Beraterinnen und Berater, Kunden, Mitarbeitende – als Herzstück dieser Strategie. Wie definieren Sie diese Community konkret, und wie lässt sich ihre Mitwirkung steuern?
Stoffmehl: Unsere Community ist der Kern unseres Geschäftsmodells. Sie besteht aus unseren Beraterinnen und Beratern, unseren Kundinnen und Kunden sowie unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie alle vereint die Leidenschaft für unsere Produkte, mit der sie unsere Marken prägen.
Als Direktvertriebsunternehmen stehen wir jeden Tag im direkten Austausch mit unserer Community und das ist auch der größte Wettbewerbsvorteil, den wir gegenüber vielen anderen Unternehmen haben: Wir bekommen unmittelbar Feedback, spüren Trends frühzeitig und können daraus Innovationen ableiten, die exakt zu den Bedürfnissen unserer Zielgruppen passen.
Und nicht zuletzt ermöglichen unsere Beraterinnen und Berater, dass unsere Kundinnen und Kunden Thermomix und Kobold live erleben und ausprobieren können, bevor sie sich für einen Kauf entscheiden.
Bei direkten Netzwerken droht Abnutzung: Wie verhindern Sie, dass die Beraterbasis motiviert und die Fluktuationsrate niedrig bleibt?
Stoffmehl: Unsere Beraterinnen und Berater sind Markenbotschafter aus Überzeugung. Sie stehen mit voller Leidenschaft hinter unseren Produkten, weil sie selbst erleben, welchen Unterschied Thermomix und Kobold im Alltag machen. Diese Begeisterung ist der stärkste Motivator überhaupt – und sie überträgt sich unmittelbar auf unsere Kundinnen und Kunden.
Gleichzeitig wirken unsere Beraterinnen und Berater durch ihr tägliches Feedback auch an der Weiterentwicklung unserer Produkte und Prozesse mit. Diese Teilhabe bringt uns als Community noch enger zusammen.
Nicht zuletzt ist es Teil unserer Identität als Direktvertriebsunternehmen, herausragende Leistungen auch entsprechend wertzuschätzen. Gerade diese Momente, wenn wir mit unseren Beraterinnen und Beratern zusammenkommen, Erfolge anerkennen und die Begeisterung spürbar ist, sind jedes Mal etwas Besonderes – und motivieren, auch uns in der Unternehmensführung.
Sie peilen mit dem neuen Thermomix TM7 allein im Küchenbereich einen Umsatz über 2 Milliarden Euro an. Liegt hier für Vorwerk künftig ein „All-Eggs-in-One-Basket“-Risiko?
Stoffmehl: Nein, ganz im Gegenteil. Thermomix bleibt eine zentrale Säule unseres Geschäfts, aber unser Erfolg ruht auf mehreren starken Marken, wozu natürlich auch Kobold gehört – im Rahmen unserer Strategie 2030 mit neuem Fokus.
Unser Ansatz ist bewusst langfristig: Wir bauen Ökosysteme rund um unsere Hero-Produkte auf, die Hardware, Services und digitale Plattformen verbinden und Weiterentwicklungen ermöglichen. Damit schaffen wir nachhaltige Geschäftsmodelle, die nicht von einem Produkt allein abhängen. Zudem setzen wir auf geografische Expansion und New Business Investments.
Der Direktvertrieb ist der Kern Ihres Geschäftsmodells. Wie skalierbar ist dieses Modell in Märkten, die durch digitale Einkaufskulturen oder Großhandelsstrukturen stark geprägt wurden?
Stoffmehl: Direktvertrieb ist und bleibt hochrelevant, wird vielleicht noch relevanter, gerade in einer zunehmend anonymen, digitalen Welt. Menschen suchen echte Begegnungen und vertrauenswürdige Empfehlungen. Unser Modell ist skalierbar, nicht nur weil wir es mit digitalen Kanälen verbinden: Im „Direktvertrieb 360“ kombinieren wir persönliche Beratung mit Onlineservices, eigener App, Stores und Events. Kein Verkauf – egal über welchen Kanal – geht an unseren Beraterinnen und Beratern vorbei. Das ist unser Verständnis von modernem Direktvertrieb.
Internationalisierung ist eines der Schlüsselthemen Ihrer „Strategie 2030“. Wie gehen Sie dabei vor?
Stoffmehl: Wir setzen in vielen Märkten bewusst auf eigene Landesgesellschaften, um auf länderspezifische Besonderheiten einzugehen und die Nähe zu Kundinnen und Kunden und zu unserer Community vor Ort zu stärken. Das Prinzip gilt vor allem für unsere Kernmärkte in Europa, aber auch für neue Märkte wie Australien und Neuseeland, Malaysia und Singapur, in denen wir das Wachstumspotenzial unmittelbar nutzen wollen. Gleichzeitig arbeiten wir in vielen Ländern weiterhin erfolgreich mit Distributoren zusammen. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um das jeweils passende Modell. Unser Ziel ist, unsere Präsenz in über 60 Ländern weiter auszubauen – in den nächsten Jahren insbesondere in Asien, etwa mit Märkten wie Japan und Südkorea.
Nachhaltigkeit ist integraler Bestandteil Ihrer Strategie – aber wie mischen Sie diese Zielsetzungen mit hohem Wachstum? Können Sie ein Beispiel nennen, an dem Wachstum und Nachhaltigkeit direkt in Spannung geraten sind?
Stoffmehl: Das Spannungsfeld sehen wir bei uns so nicht. Wir suchen nach konkreten Feldern, wo Nachhaltigkeitsthemen unsere Wachstumsstrategie verstärkt.
Mit Nexaro bewegen Sie sich mit Reinigungsrobotik stärker ins B2B-Feld. Warum?
Stoffmehl: Es ist schon immer Teil unseres unternehmerischen Selbstverständnisses, Märkte, Marken und Investitionen mit Zukunftspotenzial zu entwickeln und unser Portfolio konsequent auszubauen und weiterzuentwickeln. Nexaro als ein eigenständiges Start-up innerhalb der Vorwerk-Gruppe ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir als Teil unserer Strategie neue Geschäftsfelder erschließen. Dabei steht Nexaro als New Business für die Erweiterung unseres Portfolios in einem völlig anderen Marktsegment. Während sich unsere Kernmarken Thermomix und Kobold weiterhin klar auf hochwertige Haushaltsgeräte im Direktvertrieb für den Endverbraucher fokussieren, adressiert Nexaro den professionellen Reinigungsmarkt.
Welche Wachstumsszenarien haben Sie durchgespielt, falls der Thermomix-Boom abebbt?
Stoffmehl: Warum sollte dieser Erfolg abebben? Wir haben gerade erst den Thermomix TM7 gelauncht und sehen keine Anzeichen für eine Abschwächung – im Gegenteil: Der Launch des TM7 war der erfolgreichste Produktübergang der Unternehmensgeschichte. Die Nachfrage bleibt hoch, die Community – unsere Beraterinnen und Berater, Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wächst. Und das Produkt trägt sich aus eigener Stärke, heute und auch in Zukunft. Gleichzeitig haben wir den Thermomix TM7 als Plattform entwickelt, die sich laufend weiterentwickeln lässt, insbesondere in Sachen Zubehör, aber genauso im Bereich Software. Das schafft Zukunftssicherheit und hält die Marke innovationsfähig. Unabhängig davon planen wir immer langfristig und breit aufgestellt. Unser Wachstum basiert nicht auf kurzfristigen Trends, sondern auf einem stabilen, diversifizierten Modell: einer starken Community, zwei etablierten Marken – Thermomix und Kobold – sowie neuen Geschäftsfeldern. Und nicht zuletzt ist auch die Akf Bank ein fester und wichtiger Bestandteil der Vorwerk-Gruppe und trägt maßgeblich zum Geschäftserfolg bei.
In vielen Technologieunternehmen ist das Tempo der Innovation entscheidend. Wie schnell kann Vorwerk neue Modelle bringen, ohne die Marke zu überdehnen?
Stoffmehl: Bei uns kommt ein neues Modell nicht nach Kalender, sondern wenn es einen echten Mehrwert bietet. Das ist Teil unseres Selbstverständnisses: Wir entwickeln unsere Produkte im engen Austausch mit unserer Community weiter und mit einem vorausschauenden Blick auf globale Entwicklungen, etwa im Bereich Technik. Dabei setzen wir uns nicht unter Druck. Wir entwickeln unsere Produkte ständig weiter und bringen Innovationen, wenn wir den Bedarf sehen und mit qualitativ hochwertigen Lösungen neue Maßstäbe für unsere Kundinnen und Kunden setzen können. Mit dem Thermomix TM7 und Cookidoo etwa haben wir eine Plattform geschaffen, die Hardware, Software und KI-Entwicklung integriert. So können wir über Updates neue Funktionen bereitstellen, ohne ständig neue Geräte auf den Markt zu bringen.
Wenn wir auf das Jahr 2030 blicken: Wie würden Sie Erfolg definieren?
Stoffmehl: Unser Ziel ist es, bis 2030 das attraktivste Direktvertriebsunternehmen der Welt zu sein. Dazu gehört, dass unser Beraterstamm und unsere Community wachsen und dass wir immer mehr Menschen in immer mehr Ländern für unsere Produkte und Marken begeistern. Als Direktvertriebsunternehmen sind wir nicht einfach nur ein Hersteller von hochwertigen Haushaltswaren. Unser Erfolg entsteht dort, wo zwei Dinge zusammenkommen: eine starke Community aus Beraterinnen und Beratern, Kundinnen und Kunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie einzigartige Produktinnovationen – unsere „Hero Product Ecosystems“ –, die echte Erlebnisse schaffen. Genau das ist unser „Sweet Spot“ – und wir sind überzeugt, dass diese Verbindung auch künftig unsere Differenzierung im Markt prägen wird.

