Während Unternehmen in Estland binnen Stunden entstehen können, dauert eine Gründung in Deutschland nicht selten sechs bis acht Wochen. Für Alexander Sporenberg, Gründer des Münchner LegalTech-Start-ups Beglaubigt.de, ein Unding – und der Beginn eines lukrativen Geschäftsmodells. Sporenberg versucht gemeinsam mit seinem etwa 20-köpfigen Team, den deutschen Gründungsprozess radikal zu verkürzen. „Viele wissen einfach noch nicht, dass Gründen einfacher gehen kann“, sagt er. Statt sechs bis acht Wochen brauche eine Kapitalgesellschaft über seine Plattform im Schnitt nur noch sieben Tage bis zum Handelsregistereintrag.
Die Idee dahinter ist mehr als eine digitale Formularstrecke. Sporenberg baut mit seinem Unternehmen an einer Infrastruktur, die Unternehmensgründungen ähnlich selbstverständlich machen soll wie digitales Banking oder Onlineshopping. Verträge werden automatisiert vorbereitet, Unternehmensnamen per Künstlicher Intelligenz auf Übereinstimmungen mit eingetragenen Firmenbezeichnungen abgeglichen, Daten über Schnittstellen direkt an Banken weitergegeben. Was früher zwischen Anwälten, Steuerberatern, Notaren und Behörden tage- und wochenlang pendelte, soll in einem einzigen digitalen Ablauf zusammenlaufen.
Die Politik diskutiert, das Start-up macht
Das Timing könnte passender kaum sein. Denn nur wenige wirtschaftspolitische Themen werden derzeit intensiver diskutiert als die Frage, wie Deutschland schneller, innovativer und unternehmerischer werden kann. Gerade junge Gründerinnen und Gründer erleben die deutsche Bürokratie oft als ersten Belastungstest – und verlieren den Rückenwind auf dem Weg zur eigenen Firma. Sporenberg kennt das Gefühl aus eigener Erfahrung: „Ich habe mich lange nicht getraut zu gründen, weil ich den Prozess gar nicht verstanden habe“, sagt er. Die Unsicherheit über Rechtsformen, Notarkosten und steuerliche Pflichten hatte für ihn eine abschreckende Wirkung. Damit war und ist er nicht allein.
Dabei verändert sich das Umfeld für neue Unternehmen gerade grundlegend. Künstliche Intelligenz senkt die Einstiegshürden vieler Geschäftsmodelle dramatisch. Kleine Teams können heute Produkte entwickeln, für die früher große Entwicklerabteilungen nötig gewesen wären. „Wir leben in einem goldenen Zeitalter“, sagt Sporenberg enthusiastisch. Gleichzeitig bleibe die Verwaltung oft im analogen Denken verhaftet. Das passe für ihn nicht zusammen.
Sein Unternehmen Beglaubigt.de setzt genau dort an. Die Plattform stellt nicht nur einen Vertragsgenerator für Gesellschaftsverträge bereit, sondern organisiert sowohl Gewerbeanmeldungen als auch Transparenzregistereintragungen und unterstützt die Gründer dabei, die steuerliche Ersterfassung beim Finanzamt vorzunehmen. „Mit der Gründung fängt der Schmerz erst an“, sagt Sporenberg. Entscheidend ist dabei für ihn weniger die einzelne Technologie als das Zusammenspiel der Prozesse. Über Schnittstellen werden Daten automatisiert zwischen Plattformen übertragen. Gründer müssen Informationen nicht mehrfach eingeben, Kontoeröffnungen laufen parallel zum Notartermin. Selbst der Abgleich auf Übereinstimmungen mit eingetragenen Firmenbezeichnungen wird inzwischen automatisiert. Dank KI gibt es heute Antworten schon binnen weniger Sekunden.
Mehr als ein Nischengeschäft
Das Unternehmen trifft damit offenbar einen Nerv. Nach eigenen Angaben begleitet Beglaubigt.de inzwischen knapp tausend Gründungen pro Monat – nach eigener Rechnung etwa fünf Prozent aller Kapitalgesellschaften in Deutschland. Investoren sehen darin längst mehr als ein Nischengeschäft. Die Muttergesellschaft Openlaw sammelte zuletzt mehrere Millionen Dollar frisches Kapital ein, unter anderem vom YouTube-Mitgründer Jawed Karim.
Doch je stärker Prozesse digitalisiert werden, desto wichtiger wird eine andere Währung: Vertrauen. Gerade bei Unternehmensgründungen geht es immer noch um weit mehr als nur Geschwindigkeit. „Das ist dein Baby, dein Unternehmen“, sagt Sporenberg. Deshalb setzt das Unternehmen trotz KI bewusst auf persönliche Ansprechpartner. Jeder Kunde erhält bei Beglaubigt.de eine feste Gründungsbegleiterin beziehungsweise einen festen Gründungsbegleiter.
Auch deshalb versteht sich Beglaubigt.de nicht als Angriff auf Notare oder Steuerberater. Sporenberg beschreibt das Unternehmen vielmehr als Verbindungselement. „Wir sind eher der Kleber zwischen den einzelnen Parteien“, sagt er. Die Plattform ersetze keine rechtlichen Institutionen, sondern organisiere Abläufe effizienter. Die größere Frage dahinter lautet allerdings: Warum braucht es solche privaten Lösungen überhaupt? Seit Jahren kündigt die Politik schnellere Verwaltungsprozesse und digitale Behörden an. Doch Realität ist: Viele Innovationen entstehen inzwischen außerhalb des Staates. Unternehmen bauen die Infrastruktur, die Verwaltungssysteme bislang nicht liefern.
Spätestens dort zeigt sich, worum es in der Debatte über Bürokratieabbau tatsächlich geht. Nicht um schnellere Formulare oder digitale Verwaltungsakte allein, sondern um die Frage, wie viel Energie angehende Unternehmerinnen und Unternehmer in ihre Ideen investieren können – und wie viel in Prozesse gesteckt werden muss. Wenn sich Unternehmensgründungen so einfach organisieren lassen wie ein Bankkonto oder ein Clouddienst, verändert das mehr als nur Verwaltungsschritte. Es senkt die Schwelle zum Unternehmertum selbst. Genau darin liegt das eigentliche Potenzial solcher Plattformen: Sie digitalisieren nicht nur Bürokratie. Sie könnten verändern, wie Deutschland künftig gründet.

