Energie

Industriestrompreis: Die Stromrechnung als Wettbewerbsfaktor

Der Industriestrompreis, eine befristete Strompreisentlastung der Bundesregierung, soll Deutschlands Wirtschaft entlasten. Doch nach einer Analyse des Unternehmens Ecoplanet profitieren davon nur rund 15 Prozent der Industriebetriebe. Gründer und Geschäftsführer Maximilian Dekorsy erklärt, warum der große Rest nicht auf weitere Hilfen hoffen sollte – und weshalb Energie für den Mittelstand zu einer strategischen Managementaufgabe wird.

Über einem Landschaftsbild mit Windrädern leuchten Datenpunkte und Diagramme, als Symbolbild für den Industriestrompreis

26.10.2026

Es klingt erst mal nach einer Entlastung für die deutsche Industrie. Tatsächlich aber beginnt das Problem des Industriestrompreises für Maximilian Dekorsy schon mit seiner Bezeichnung. Sie suggeriere, sagt der Gründer des Energiemanagement-Unternehmens Ecoplanet, eine Breitenwirkung, die das Instrument gar nicht habe. Rund 200.000 Industrieunternehmen gibt es in Deutschland – vom kleinen Betrieb bis zum Großkonzern. Nach einer Analyse seines Unternehmens seien davon lediglich rund 15 Prozent beziehungsweise 30.000 Betriebe grundsätzlich berechtigt, die Förderung zu beantragen. „Das Wort Industriestrompreis suggeriert, dass das die ganze Industrie betrifft, der ganzen Industrie hilft.“

Abwarten ist keine Lösung

Wer gefördert wird, hängt wesentlich von der Branchenzuordnung und den europäischen Beihilfevor­gaben ab. Und genau dort beginnen jene Abgrenzungen, die in den Werkhallen schwer vermittelbar sind. Dekorsy nennt die Metallindustrie: Bei der Metallerzeugung seien nach seiner Analyse 71 Prozent der Unternehmen abgedeckt, bei den Metallerzeugnissen dagegen nur 14 Prozent. „Da sagen die Unternehmer: Was machen wir hier gerade? Bin ich jetzt berechtigt oder nicht?“

Dekorsy hält es für nachvollziehbar, dass ein begrenzter Fördertopf nicht beliebig verteilt werden kann. Sein Vorwurf richtet sich deshalb weniger gegen die Auswahl als gegen die politische Erzählung dahinter. Es werde der Eindruck vermittelt, die Industrie werde bei ihren Energiekosten entlastet. Tatsächlich bleibe ein großer Teil des produzierenden Mittelstands jedoch außen vor. „Wir haben 85 Prozent der Unternehmen, die heute in diesem Energiekostenproblem sitzen, aber keinen Fördertopf haben“, sagt er. Darauf zu hoffen, irgendwann doch noch in den Kreis der Begünstigten aufgenommen zu werden, hält Dekorsy für wenig aussichtsreich. Und damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Was können Unternehmen selbst tun?

Vor fünf oder sechs Jahren, sagt Dekorsy, seien Energiekosten in vielen Betrieben vergleichsweise stabil und planbar gewesen. Heute schwanken die Preise erheblich, gleichzeitig wächst mit Photovoltaik, Batteriespeichern und neuen Beschaffungsmodellen die Zahl der Möglichkeiten. Aus einer Kostenposition wird eine Managementaufgabe. Gerade die Schwankungen am Strommarkt seien dabei nicht nur ein Risiko. In Phasen hoher erneuerbarer Erzeugung können die Börsenpreise stark sinken oder sogar negativ werden. Wer Verbrauch, Beschaffung und eigene Anlagen intelligent aufeinander abstimmt, kann solche Zeitfenster nutzen.

Energiemanagement als Umsatzhebel

Das verlangt allerdings eine andere Vorstellung von industrieller Flexibilität. Kein Unternehmer werde seine Produktion beliebig verschieben, nur weil Strom gerade billig sei. Liefertermine, Maschinenlaufzeiten und Kunden geben den Takt vor. „Ich muss mein Schichtmodell verändern, ich mache eine Maschine aus – das können und wollen sich viele Unternehmen nicht leisten“, sagt Dekorsy. Interessanter seien deshalb technische Lösungen. Ein Batteriespeicher etwa kann günstigen Strom aufnehmen und ihn später für die laufende Produktion bereitstellen. Die Fabrik produziert weiter, während sich der Zeitpunkt des Strombezugs teilweise vom Zeitpunkt des Verbrauchs entkoppelt. Damit lässt sich der durchschnittliche Beschaffungspreis senken.

Doch bevor Mittelständler über Speicher, Photovoltaik oder langfristige Stromlieferverträge nachdenken, müssten sie ein wesentlich profaneres Problem lösen: Viele wissen nicht präzise genug, wann und wo sie wie viel Energie verbrauchen. Ein einzelner Stromzähler produziert laut Dekorsy rund 35.000 Datenpunkte im Jahr. Bei 50 oder 100 Messstellen entstehen enorme Datenmengen. Trotzdem würden sie in manchen Unternehmen nur einmal pro Woche oder sogar einmal im Monat ausgewertet. Das sei zu wenig, sagt der Ecoplanet-Gründer. Die Folge: Während in der Produktion nahezu jede Maschine überwacht wird, bleibt Energie erstaunlich oft eine Blackbox.

„Ich kann nichts optimieren, was ich nicht sehe“, so Dekorsy. Sein Rat an Unternehmen, die keine Förderung erhalten, beginnt deshalb nicht mit einer Millioneninvestition: „Zuerst sollten die größten Verbraucher identifiziert und mit Messpunkten versehen werden. Danach müsste Technologie die Daten kontinuierlich analysieren und melden, wenn Verbrauch oder Kosten aus dem erwarteten Korridor laufen. Erst auf dieser Grundlage lässt sich sinnvoll entscheiden, ob Batterie, Photovoltaik oder ein anderes Beschaffungsmodell wirtschaftlich ist.“

Kostenhebel: Rohstoffe, Personal, Energie

Für jene Unternehmen, die vom Industriestrompreis profitieren, sieht Dekorsy noch einen zweiten Effekt. Mindestens die Hälfte der Förderung muss wieder in Dekarbonisierung investiert werden. Diese Verpflichtung hält er für richtig. Viele Betriebe hätten entsprechende Projekte längst identifiziert, scheuten aber die Investition. Wird sie durch die Förderung möglich, könne daraus ein dauerhafter Kostenvorteil entstehen. „Diese Investitionen können einen sehr starken positiven ökonomischen Effekt auf das Unternehmen haben.“ Damit berührt die Energiedebatte eine größere Frage der industriellen Wettbewerbsfähigkeit. Dekorsy sieht drei wesentliche Kostenhebel in der Produktion: Rohstoffe, Personal und Energie. Rohstoffpreise seien häufig kaum beeinflussbar. Gleichzeitig steige der Automatisierungsgrad – und damit tendenziell der Stromverbrauch. Umso wichtiger werde der dritte Hebel.

Wie groß dessen Wirkung sein kann, rechnet Dekorsy mit einem einfachen Beispiel vor. Spart ein Unternehmen mit einer Umsatzrendite von fünf Prozent 200.000 Euro Energiekosten, müsste es für denselben Ergebniseffekt vier Millionen Euro zusätzlichen Umsatz erwirtschaften. In einer schwachen Konjunktur ist das ein erheblicher Unterschied. Genau deshalb greift die Debatte über den Industriestrompreis für Dekorsy zu kurz. Förderung und Regulierung bestimmen, welchen Preis ein Teil der Industrie bezahlt. Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich aber auch daran, was Unternehmen aus dem Strom machen, den sie ohnehin benötigen. Die vielleicht wichtigste Energieinvestition steht deshalb nicht zwangsläufig auf dem Fabrikdach oder neben der Produktionshalle. Sie beginnt im Maschinenraum der eigenen Daten. Wer dort nicht weiß, was passiert, kann auf günstigere Strompreise hoffen. Wer es weiß, kann selbst etwas dafür tun.

Portraitfoto von Maximilian Dekorsy

Maximilian Dekorsy

ist Mitgründer und Geschäftsführer von Ecoplanet. Das Münchner Unternehmen unterstützt vor allem produzierende Mittelständler dabei, mithilfe von Daten und KI Energieverbrauch und Stromkosten zu optimieren