KI wird zur Infrastruktur des Gesundheitswesens
Die Debatte über Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen verändert sich gerade grundlegend. Ging es bislang vor allem um einzelne Anwendungen wie Chatbots oder automatisierte Dokumentation, beschreibt der neue Trendreport Gesundheits-IT 2026 des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg) inzwischen eine deutlich größere Entwicklung: KI entwickelt sich zur Infrastrukturtechnologie.
„Am meisten hat uns überrascht, dass Künstliche Intelligenz nicht mehr als isolierte Innovation zu sehen ist, sondern sich zur grundlegenden Infrastruktur des Gesundheitssystems entwickelt“, sagt Sascha Raddatz, Hauptgeschäftsführer des bvitg.
Damit verschiebt sich auch die Rolle digitaler Systeme. KI soll künftig nicht mehr nur Aufgaben beschleunigen, sondern Prozesse, Kommunikation und Versorgung stärker miteinander verknüpfen.
Vom Buzzword zur Prozessmaschine
Der Begriff KI wird inzwischen für unterschiedlichste Technologien verwendet – von einfachen Automatisierungen bis hin zu lernenden Systemen. Genau darin liegt laut bvitg die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung.
„KI wird häufig als Sammelbegriff für sehr unterschiedliche digitale Entwicklungen verwendet“, erklärt Raddatz. Gleichzeitig werde die tatsächliche strukturelle Wirkung echter KI-Systeme oft unterschätzt.
Denn der größte Wandel findet bislang weniger bei spektakulären Diagnosesystemen statt, sondern im Hintergrund des Gesundheitswesens: bei Dokumentation, Terminsteuerung oder Patientenkommunikation. Besonders relevant wird dabei die nächste Entwicklungsstufe, sogenannte KI-Agenten. Anders als klassische Tools sollen sie Prozesse eigenständig koordinieren, Informationen zusammenführen und Abläufe zwischen Kliniken, Praxen und Laboren organisieren können.
Welche Bereiche derzeit als besonders relevant gelten, zeigt der Blick auf die wichtigsten Agentic-AI-Anwendungsfelder im Gesundheitswesen. Im Fokus stehen vor allem virtuelle Gesundheitsassistenten, KI-gestützte Dokumentation und Systeme zur klinischen Entscheidungsunterstützung.

Dass KI in der Medizin längst nicht mehr nur als Zukunftstechnologie wahrgenommen wird, zeigt auch die Einschätzung vieler Ärztinnen und Ärzte. Wie die folgende Grafik aus dem bvitg-Trendreport zeigt, sieht eine große Mehrheit KI inzwischen als Chance für die Medizin — insbesondere bei Unterstützungssystemen und administrativen Prozessen.

Die elektronische Patientenakte wird zum Datenknoten
Inzwischen entwickelt sich die elektronische Patientenakte (ePA) zunehmend vom digitalen Dokumentenspeicher zum möglichen Steuerungszentrum der Versorgung. Künftig könnten dort nicht nur Befunde abgelegt werden, sondern auch Versorgungspfade, Terminsteuerung oder Ersteinschätzungen zusammenlaufen. Doch erst strukturierte und interoperable Gesundheitsdaten machen viele KI-Anwendungen überhaupt erst praktikabel.
Wie stark sich die Digitalstrategie inzwischen auf Datenräume, elektronische Prozesse und KI-gestützte Anwendungen konzentriert, zeigen auch die zentralen Zielmarken der aktuellen Gesundheitsdigitalisierung.

Genau hier gibt es weiterhin große Defizite: Unterschiedliche Softwarelandschaften, fehlende Standards und mangelnde Interoperabilität bremsen die Digitalisierung seit Jahren aus.
Regulierung wird zum Flaschenhals
„Der nachhaltige Erfolg von KI hängt maßgeblich davon ab, wie gut technologische Möglichkeiten und regulatorische Vorgaben zusammengebracht werden“, betont Raddatz. Mit dem EU AI Act, dem European Health Data Space (EHDS) und nationalen Digitalgesetzen entstehen derzeit neue Rahmenbedingungen für den Umgang mit Gesundheitsdaten und KI-Anwendungen. Datenschutz und Transparenz werden damit zunehmend zu strategischen Wettbewerbsfaktoren.
Laut bvitg entfaltet KI inzwischen eine Eigendynamik, die nicht mehr vollständig von Regulierung gesteuert werden kann. Gleichzeitig entscheidet genau diese Regulierung darüber, wie schnell Innovationen überhaupt in der Versorgung ankommen.
Der Wettbewerb in der Gesundheits-IT verändert sich
„Der Erfolg digitaler Lösungen hängt zunehmend weniger von einzelnen Produkten ab, sondern von der Fähigkeit, KI in komplexe Versorgungs- und Prozessstrukturen zu integrieren“, sagt Raddatz.
Damit entwickelt sich Gesundheits-IT zunehmend zur Infrastrukturfrage. Gewinner dürften künftig jene Unternehmen sein, die Datenräume, Prozesse und Interoperabilität zusammenführen können.

