Vermögensverwaltung

Wer KI sein Vermögen steuern lässt, sollte fragen: Können die Maschinen auch „Krise“?

Superschnelle Entscheidungen, frei von Emotionen und belesener als jeder Fondsmanager: Künstliche Intelligenz bringt vieles mit, um auch die Geldanlage grundlegend zu verändern. Doch so einfach ist die Sache und scheinbare Überlegenheit bei näherer Betrachtung dann doch nicht. Ganz allein lassen sollten Experten die Maschinen nicht.

Eine Platine, auf der sich ein Eurozeichen befindet, als Symbolbilf für das Thema KI in der Vermögensverwaltung

18.05.2026

Im Oktober vergangenen Jahres suchte ein Forscher-Team des „Stanford Digital Economy Lab“ aus den USA die Antwort auf eine besonders spannende Frage unserer Zeit: „Does artificial intelligence pose a threat to financial stability?“ Also, bedeutet der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz auch in der Finanzindustrie eine Bedrohung für die finanzielle Stabilität? Neben all den anderen Dingen, die bereits in der Vergangenheit die finanzielle Sicherheitslage von Märkten und ganzer Nationen ins Wanken gebracht hatten, allen voran Inflation, überbordende Schulden oder ein rapider Währungsverfall, entwickelt sich auch die künstliche Intelligenz zu einer Herausforderung. Oder gar zu einer Bedrohung?

Die „Q-Agenten“ könnten an den Märkten für besonders große Unruhe sorgen

Die Studie untersucht konkret, wie unterschiedliche KI-Designs das Verhalten von Investoren beeinflussen und welche Folgen das jeweils für die Finanzstabilität hat. Vereinfacht gesagt: Manche Systeme lernen aus Erfahrung, andere werten Informationen eher sprachlich und logisch aus. Die Ergebnisse unterscheiden sich deutlich. Besonders lernende Systeme, sogenanntes Q Learning, neigen nach Angaben der Stanford-Experten unter Unsicherheit dazu, frühzeitig und koordiniert auszusteigen. Für Märkte kann das gefährlich werden: Wenn viele Akteure gleichzeitig verkaufen, geraten Kurse zusätzlich unter Druck. Andere Anleger folgen, und aus einer vorsichtigen Einzelentscheidung wird ein kollektiver Stressmoment.

Andere KI-Systeme, etwa LLM-basierte Agenten, verhalten sich weniger gleichförmig. Sie orientieren sich stärker an ökonomischen Beschreibungen und lösen seltener panikartige Ausstiege aus. Dafür entstehen uneinheitlichere Erwartungen. Auch das ist für Märkte relevant, weil Stabilität nicht nur davon abhängt, ob einzelne Entscheidungen plausibel sind, sondern wie viele Marktteilnehmer gleichzeitig ähnlich reagieren.

Genau hier wird der Blick auf digitale Handelsplattformen interessant. Denn sie liefern Anlegern nicht nur Kurse und Ordermasken, sondern zunehmend auch Signale darüber, was andere Marktteilnehmer tun. Plus500 bietet beispielsweise mit „+Insights“ eine Funktion, die Handelsaktivitäten von Millionen Kunden in Echtzeit bündelt und daraus Trends sichtbar macht. Bei Trading in Deutschland mit Plus500 stellt sich deshalb eine Frage, die gut zum Stanford-Befund passt: Helfen solche Signale Anlegern, Marktstimmungen besser einzuordnen, oder verstärken sie in nervösen Phasen gerade jene Herdendynamik, die Märkte fragiler machen kann?

Die zentrale Botschaft aus Stanford lautet deshalb: Regulierung und menschliche Aufsicht bleiben nötig. Denn selbst dann, wenn einzelne Systeme nachvollziehbar entscheiden, können in der Masse unerwünschte Effekte entstehen. Die Wissenschaftler plädieren deshalb für aktualisierte Stresstests, bessere Monitoring-Instrumente und vor allem für eine Kombination aus KI und menschlicher Kontrolle.

Wer haftet, wenn sich die smarte Maschine verrennt?

Der Mensch bleibt verantwortlich. Wenn Algorithmen Geld bewegen, verschwindet die Haftung nicht. Sie verlagert sich lediglich. Anbieter, Anlageberater und letztlich der Kontoinhaber müssen klären, wer bei Fehlentscheidungen haftet und welche Eingriffsmöglichkeiten bestehen. Wichtig ist eine klare Governance: Wer darf die KI notfalls stoppen, wer interpretiert Warnsignale, wer trägt Verluste? Diese Fragen sind regulatorisch höchst relevant.

KI unterstützt heute bereits bei vielen Routineaufgaben: Das reicht vom Portfolio-Rebalancing über Liquiditätsmanagement und Risikoaggregation bis hin zur automatisierten Orderausführung. Künftig werden die Modelle noch komplexere Szenarien simulieren, etwa die Steuer‑ und Nachfolgeplanung personalisieren und Echtzeit‑Risikoalarme liefern. Trotzdem bleiben Menschen nötig für das Abklären und Abwägen der individuellen finanziellen Ziele, für ethische Abwägungen bei der Frage, in welche Firmen, Branchen und Länder investiert werden soll oder nicht, für Plausibilitätsprüfungen und das Setzen von Grenzen, etwa klare Stop‑Loss‑Regeln.

Gerade den finanziellen Lebensabend bespricht man besser mit Beratern aus Fleisch und Blut

Die Gefahr einer völlig unbeaufsichtigten KI könnte sich gerade beim hochfrequenten Börsenhandel zeigen: Hochfrequente Ausführung kann Gewinne bringen, aber Geschwindigkeit kann auch Kaskadeneffekte auslösen, wenn verlorenem Geld noch viel mehr verlorenes Geld hinterhergejagt wird. Ein menschliches Stoppsignal dagegen verhindert, dass ein adaptives System in Sekundenbruchteilen massiv Marktliquidität zerstört. Auch bei der Finanz-Lebensplanung geht es auf lange Zeit nicht ohne Menschen: Künstliche Intelligenz kann zwar kühl Szenarien für Ruhestand, Pflegekosten und Erbschaft durchrechnen. Die Modelle liefern die Zahlen, die Entscheidung über Risikoakzeptanz, Zeitpräferenzen und Familienziele bleibt am Ende aber eine zutiefst menschliche Thematik zwischen Kunde und Berater.

Zudem sollte alle, die auf KI setzen, deren Krisenfestigkeit hinterfragen. Wie gut wurde die KI für Krisenszenarien getestet, von denen es aktuell leider sehr viele gibt? Anwender von ChatGPT und anderen Dialogsystemen ärgern sich häufig über die zu glatten, zu netten, zu überoptimistischen Antworten. Auf dem Gebiet der Finanzanlage ist dieser Over-Optimism noch gefährlicher. Entscheidend ist nicht nur, ob Entwickler Stresstests durchgeführt haben, sondern welche konkreten Szenarien, welche Annahmen und wie die Tests die Interaktion vieler Agenten abbilden.