Wie schwach mittlerweile die Nerven der IT-Aktien-Fans sind, zeigte in den vergangenen Monaten die Entwicklung von Titeln aus dem Bereich Software. Als um den Jahresbeginn Spekulationen aufkamen, Künstliche Intelligenz könne die Produzenten von Software überflüssig machen, schmierten die Kurse ab – wie es etwa beim deutschen Anbieter SAP der Fall war. Zuletzt legten die Titel aber ein Comeback hin.
Allerdings sollten Anlegende bei IT-Aktien stets auch die Risiken im Blick behalten. Tobias Rommel, Portfoliomanager für globale Aktien und verantwortlich für Aktienstrategien mit Schwerpunkt auf Technologie- und Zukunftsthemen bei der Investmentgesellschaft DWS, warnt: „Ein steigendes Verschuldungsniveau macht sie tendenziell anfälliger bei steigenden Zinsen oder schwächerem Wachstum“. Beides könnte angesichts des schwächelnden Dollars zunächst in den USA drohen.
Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors, weist auf die Bedeutung des Technologiebereichs hin: „Kapitaleinkommen zu erzielen heißt, in Firmen zu investieren und damit in deren Technologien – zum Beispiel Roboter –, damit aus der Kapitalanlage ein Einkommensstrom aus Dividenden wird.“
DUP UNTERNEHMER-Magazin: In einer Analyse kommen Sie bei der DWS zu dem Schluss, dass Aktien aus dem Bereich Informationstechnologie im Schnitt um rund 56 Prozent höher bewertet werden als Titel aus dem Gesundheitssektor. Kann solch ein Verhältnis gerechtfertigt sein?
Dirk Schlüter: Wir beobachten, dass Aktienbewertungen allgemein im Moment recht hoch sind, dass sich aber insbesondere die Schere zwischen dem Technologie- und dem Gesundheitssektor massiv vergrößert hat. IT-Unternehmen profitieren von hohen Margen, starkem Wachstum und strukturellen Vorteilen. Zugleich benötigt der Sektor hohe Reinvestitionen, etwa in Datenzentren oder Forschung und Entwicklung. In Teilen des IT-Sektors dürfte bereits viel künftiges Wachstum eingepreist sein. Der Gesundheitssektor, insbesondere Pharma, wird dagegen teils sehr pessimistisch bewertet. Gerade bei Unternehmen mit beherrschbaren Patentrisiken könnten sich daraus Chancen ergeben.
Welche sind die größten Risiken, mit denen Anlegende im Bereich IT-Aktien zu rechnen haben?
Tobias Rommel: Derzeit profitieren viele IT-Unternehmen von hohen Erwartungen des Marktes hinsichtlich der KI-Monetarisierung. Insbesondere das dynamische Wachstum der Umsätze von führenden KI-Modellentwicklern fördert diese Erwartungshaltung, stellt aber gleichzeitig einen Risikofaktor dar, sollte die Wachstumsdynamik nachlassen. Die großen Technologiekonzerne investieren massiv in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur und erhöhen aktuell zur Finanzierung dieser Investitionen ihre Verschuldung. Ein steigendes Verschuldungsniveau macht sie tendenziell anfälliger bei steigenden Zinsen oder schwächerem Wachstum.
Sind Titel aus dem Umfeld der IT-Zulieferer wie Chiphersteller oder Rechenzentrenbetreiber günstiger bewertet?
Rommel: IT-Zulieferer wie Chiphersteller oder Betreiber von Rechenzentren sind heute nicht zwangsläufig attraktiver bewertet, da die aktuellen Gewinnmargen und Wachstumsraten außergewöhnlich hoch sind. Diese Unternehmen profitieren von Engpässen – Bottlenecks – in Bereichen wie KI-Chips, Speicherlösungen oder Rechenzentrumskapazitäten, was ihre Preissetzungsmacht stärkt. Solche Engpässe können im Zeitverlauf nachlassen und damit auch Margen und Gewinnwachstum wieder auf normalere Niveaus zurückfallen. Entscheidend ist daher weniger die aktuelle Bewertung als die Frage, wie nachhaltig die heutige Nachfrage und Profitabilität tatsächlich sind.
Ihre Bewertungen erfolgten nach der CROCI-Methodik. Bitte erklären Sie diese kurz.
Schlüter: CROCI ist eine DWS-eigene Methode, die 1996 aus der Taufe gehoben wurde. Investierbare Strategien gibt es seit 2004. Der Value-orientierte CROCI-Ansatz bewertet Unternehmen nach einer einheitlichen Methode und macht so die Werthaltigkeit von Aktien verschiedener Unternehmen gut miteinander vergleichbar. CROCI steht für Cash Return On Capital Invested und entspricht in Deutsch der Rendite auf das eingesetzte Kapital. CROCI ist eine wesentliche Kennzahl, die in ausgewählten DWS-Anlageansätzen verwendet wird, ohne dabei zwingender Bestandteil jeder Strategie zu sein. Bis zu 250 Anpassungen pro analysiertem Unternehmen sind erforderlich, um dessen Daten gut mit anderen Firmen, auch solchen aus anderen Branchen und Ländern, vergleichbar zu machen und die Kennzahl CROCI zu ermitteln. Diese bildet mit dem von uns ermittelten Unternehmenswert und dem, ebenfalls von uns ermittelten, eingesetzten Kapital das CROCI-KGV.


