Sie putzen, servieren, pflegen Menschen – humanoide Roboter werden nach Meinung vieler Analysten in nicht allzu ferner Zukunft ein gewöhnlicher Anblick im Leben sein. Künstliche Intelligenz gibt dieser Entwicklung einen kräftigen Schub. So erwarten die Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley, dass im Jahr 2050 weltweit eine Milliarde humanoider Roboter arbeiten werden. Sie schätzen das Marktvolumen zu diesem Datum auf mehr als fünf Billionen Dollar. Welche Bereiche, wie etwa Ausrüster, von dem Boom besonders profitieren dürften, erklärt Baki Irmak, Manager des erfolgreichen Digital Leaders Fund.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Welche Perspektiven bietet der Robotik-Markt, können Sie Ihre Prognose für die Entwicklung des Volumens beziffern?
Baki Irmak: Wenn wir uns anschauen, woran die technologisch führenden Unternehmen gerade arbeiten, welche Innovationen sie präsentieren und wie sie ihr Kapital allokieren, wird schnell klar: KI hat die physische Welt erreicht und beginnt sie zu erobern. Ob smarte Brillen, humanoide Roboter oder autonome Fahrzeuge und Flugobjekte, Physical AI – physische Künstliche Intelligenz – ist vermutlich der bedeutendste säkulare Wirtschaftstrend unserer Zeit. Führende Analysten und Investoren sind sich weitgehend einig, dass es sich hierbei um einen Multi-Billionen-Markt handelt.
Welche Segmente dürften sich am raschesten entwickeln?
Irmak: Auch hier gilt: Follow the money. Wir sehen Rekordinvestitionen in Unternehmen, die humanoide Roboter entwickeln. Das Start-up Figure AI kommt bereits auf eine Bewertung von 40 Milliarden Dollar. Skild AI und Apptronik haben gerade wieder Rekordrunden vermeldet. Die heißesten IPO-Kandidaten dieses Jahres in China sind AgiBot und Unitree. Ohne die „Optimus“-Fantasie wäre der Aktienkurs von Tesla vermutlich eingebrochen. Zudem sehen wir, dass autonome Fahrzeuge die Straßen erobern – aktuell in den USA, China und den Golfstaaten. Und all diese Unternehmen brauchen enorme Rechenkapazitäten: KI-Beschleuniger, Inference-Chips und Rechenzentren für High-Performance-Computing.
Welche Herstelleraktien haben Sie in die Portfolios Ihrer Fonds aufgenommen und warum?
Irmak: Wir setzen grundsätzlich am liebsten auf die Enabler, also auf Unternehmen, die immer von
einem säkularen Trend profitieren. Ganz unabhängig davon, wer sich beim Endkunden durchsetzt. Dazu gehören der relevanteste Auftragshersteller für Halbleiter, nämlich TSMC, und einige führende Ausrüster für den Ausbau von Rechenzentren wie etwa Arista und Coherent.
Ein gutes Beispiel für einen Enabler für den gesamten Robotics-Markt ist Teradyne als weltweiter Marktführer für Cobots. Eine große Position im Digital Leaders Fund ist auch Alphabet. Mit Google Cloud, DeepMind, Waymo, Gemini und nun auch Intrinsic besetzt das Unternehmen die neuralgischen Punkte in der Entwicklung von Robotern, ob Cloud, Large Language Models oder Weltmodelle. In unserem Schwellenländerfonds EM Digital Leaders sind wir zudem in Pony AI, Samsung, SK Hynix, Alibaba und Zhipu investiert. Pony AI könnte man als chinesische Antwort auf Waymo betrachten, und Zhipu ist das erste börsennotierte reine Foundation-Model-Unternehmen weltweit.
Gab es auch Aktien aus diesem Bereich, die Sie geprüft, aber deren Aufnahme Sie verworfen haben?
Irmak: Es gibt zahlreiche Unternehmen, die sich mit Aussagen zu Physical AI und GenAI schmücken, ohne nennenswerte Mittel in diese Bereiche zu investieren oder dort Umsätze zu erzielen. Entscheidend ist, was Unternehmen tun. Zudem setzen wir lieber auf die Pioniere als auf Challenger. Die offensichtlichen Gewinner sind meistens auch die tatsächlichen Gewinner.
Elon Musk hat gerade die Einstellung von Fahrzeugserien beschlossen, um bei Tesla mehr Kapazitäten für die Produktion des humanoiden Roboters „Optimus“ zu schaffen. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein?
Irmak: Für Elon Musk ist es aktuell ergiebiger, auf Hoffnung statt auf Substanz zu setzen. Die Absätze bei Tesla brechen weltweit ein, aber die Ankündigung, mit „Optimus“ künftig über zehn Billionen Dollar Umsatz zu erwirtschaften, hat den Aktienkurs erneut befeuert. Es ist Teil seiner Strategie, mit spektakulären Ankündigungen den Kurs hochzutreiben und dann über Kapitalerhöhungen Milliarden einzusammeln, um die besten Talente bezahlen und seine Visionen umsetzen zu können. Keinem gelingt dieses Spiel besser.
Beim Thema humanoide Roboter denken die meisten Menschen wohl als Erstes an den von Arnold Schwarzenegger verkörperten „Terminator“. Werden solche Maschinen eines Tages Realität?
Irmak: Diese Frage wird sich Bundeskanzler Friedrich Merz wahrscheinlich nicht mehr stellen. Kürzlich durfte er in Hangzhou die tanzenden Roboter von Unitree bewundern, Roboter, die bereits in Serienfertigung sind. AgiBot hat bereits Tausende Roboter ausgeliefert. Hyundai wird gemeinsam mit Boston Dynamics noch dieses Jahr die ersten „Atlas“-Roboter ausliefern. Das sind zwar noch keine universell handlungsfähigen Maschinen mit eigenem Willen wie der „Terminator“, aber die Fähigkeit, mit der Komplexität der physischen Welt umzugehen, nimmt zu.
Bei der Länder-Allokation Ihres Digital Leaders Fund liegen deutsche Aktien mit einem Anteil von gerade einmal vier Prozent auf Platz drei hinter den USA und China. Welche Chancen bieten der deutsche und der europäische Markt für Robotik?
Irmak: Nvidia-CEO Jensen Huang hat in Davos an Deutschland und Europa appelliert, die enormen Chancen zu nutzen, die dieses Thema bietet, gerade weil die industrielle Basis hier so stark ist. Das Software-Zeitalter hat Europa an die USA verloren; dieser Zug ist abgefahren. Aber KI mischt die Karten neu. Europas Tiefe in Ingenieurwissenschaften, Industrie und Grundlagenforschung ist ein echter Wettbewerbsvorteil, sofern Energieversorgung und Infrastruktur konsequent ausgebaut werden. Es ist kein Zufall, dass mit Neura Robotics eines der ambitioniertesten Humanoid-Unternehmen der Welt aus dem schwäbischen Metzingen stammt.


