So schaffen sich Frauen finanzielle Sicherheit
DUP UNTERNEHMER-Magazin: In Ihrem Buch „Die Krise liebt Frauen wie dich“, raten Sie Frauen, unbedingt finanzielle Resilienz aufbauen, um für die Multikrise gewappnet zu sein. Warum ist das ein Thema, das gerade Frauen angeht, sind Männer nicht ebenso von den aktuellen Krisen und ihren Konsequenzen betroffen?
Natascha Wegelin: Grundsätzlich betreffen Krisen natürlich alle Menschen. Aber sie treffen nicht alle gleich. Wir sprechen zum Beispiel oft von der Inflation, als würde sie für alle gleich wirken. In Wirklichkeit hat jede Person ihre eigene Inflationsrate: Wer kein Auto hat, spürt steigende Spritpreise kaum, jemand mit täglichem Arbeitsweg sehr stark. Genauso ist es mit Krisen. Es gibt nicht die eine Krise mit denselben Konsequenzen für alle. Für Frauen und andere marginalisierte Gruppen, wirkt die Krise wie ein Beschleuniger: Sie sind dauerhaft struktureller Benachteiligung ausgesetzt – von geringerem Vermögen und Altersvorsorge über die Gender Pay Gap bis hin zu mehr unbezahlter Care-Arbeit und häufiger unterbrochenen Erwerbsbiografien. Das bedeutet: Wenn Krisen kommen, starten Frauen oft von einer wirtschaftlich fragileren Ausgangslage. Und deshalb sind die finanziellen Konsequenzen für sie häufig existenzieller.
Sie schildern zum Einstieg in Ihr Buch die Bedrohungen unserer Zeit – vom Ukrainekrieg über den Kulturkampf in den USA etwa gegen Gleichstellung und Klimawandel bis hin zur Marginalisierung von Frauen durch Bundeskanzler Merz. Warum zeichnen Sie dieses Schreckensszenario, um Frauen davon zu überzeugen, ihre finanzielle Sicherheit in die eigene Hand zu nehmen?
Wegelin: Weil Krisen nicht im luftleeren Raum stattfinden. Unsere Finanzentscheidungen sind nie losgelöst von der politischen und wirtschaftlichen Realität – und diese Realität ist im Moment geprägt von einem Dauerzustand an Krisen. Wir sehen geopolitische Konflikte, politische Polarisierung, Angriffe auf Gleichstellung, wirtschaftliche Unsicherheit und die langfristigen Folgen der Klimakrise. All das beeinflusst unsere Arbeitsmärkte, Sozialstaaten und Vermögensaufbau. Deshalb ist finanzielle Resilienz auch kein nice-to-have, sondern eine Überlebensstrategie. Sie ist ein Schutzmechanismus in einer Welt, in der Krisen zur Normalität geworden sind und sie ermöglicht Frauen nicht nur, Krisen zu überstehen, sondern trotz dieser Unsicherheiten Vermögen und Handlungsspielräume aufzubauen.
Sie selbst haben zu Beginn Ihrer Karriere als Investorin zunächst theoretisches Wissen erworben, damit aber erst einmal nichts angefangen, aus Angst, etwas falsch zu machen. Welche Tipps haben Sie für Anlegerinnen, um Angst und Zweifel zu überwinden und ihre Finanzen in die eigene Hand zu nehmen?
Wegelin: Klein anfangen: so wird aus Angst, Erfahrung und aus Zweifel Selbstvertrauen. Der erste Schritt ist immer, die eigenen Zahlen zu kennen. Also wirklich Klarheit darüber zu schaffen: Was kommt rein? Was geht raus? Wie hoch sind meine Rücklagen? Wenn diese Transparenz da ist, verschwindet ein großer Teil der Ohnmacht. Man trifft Entscheidungen nicht mehr aus einem Gefühl heraus, sondern auf Basis von Fakten. Viele Frauen glauben, sie müssten erst alles perfekt verstehen, bevor sie anfangen zu investieren. Das ist ein Denkfehler, denn in der Praxis entsteht Sicherheit nicht durch noch mehr Theorie, sondern durch erste kleine Schritte. Ein zweiter, oft unterschätzter Faktor ist Community. Austausch hilft enorm, weil man schnell merkt: Ich bin mit meinen Fragen und Unsicherheiten nicht allein. Für finanzielle Selbstbestimmtheit sollten Frauen ihre Finanzen zwar selbst in die Hand nehmen, sie müssen dabei aber nicht alleine sein – im Gegenteil, gemeinsam fällt der Einstieg oft deutlich leichter.
Sie machen acht Faktoren der finanziellen Resilienz aus und mahnen unter anderem, dass es nicht ausreicht, eine Riester-Rente, ein Eigenheim und einen Sparplan zu haben, weil das zu einer falschen Sicherheit führt. Mit welchen Finanzlösungen können Frauen echte finanzielle Sicherheit erlangen?
Wegelin: Echte finanzielle Sicherheit entsteht nicht durch ein paar Häkchen auf einer Checkliste. Riester-Rente, Eigenheim und ein Sparplan – das kann alles sinnvoll sein. Aber es erzeugt oft eine trügerische Sicherheit. Denn keines dieser Dinge schützt automatisch vor Inflation, Jobverlust oder größeren Lebenskrisen. Finanzielle Resilienz entsteht deshalb nicht durch einzelne Produkte, sondern durch ein System aus klaren Zielen, ausreichender Liquidität, sinnvoller Absicherung und langfristigem Vermögensaufbau. Dazu gehört zum Beispiel ein finanzielles Polster für Krisenzeiten, eine solide Altersvorsorge und vor allem breit diversifizierte Investments am Kapitalmarkt. Wer Vermögen aufbaut, sollte Risiken nicht auf ein Produkt konzentrieren, sondern durch klare Zielsetzung und breite Diversifikation bewusst streuen.
Ein ETF-Sparplan auf den MSCI World galt lange als Königsweg für Anlegende, weil er Kapital ohne hohe Kosten breit streut. Sie sagen, ein solcher ETF ist keine Strategie und reicht nicht. Warum nicht?
Wegelin: Der MSCI World alleine ist keine Strategie. Viele Menschen glauben, mit einem ETF auf den MSCI World seien sie automatisch breit diversifiziert. In der Realität ist dieser Index sehr USA-lastig und klammert Schwellenländer komplett aus, die mit passender Gewichtung ebenso wichtig im Portfolio sind. Das ist also deutlich weniger breit gestreut, als viele denken. Ich sage deshalb nicht, dass man den MSCI World meiden sollte. Er kann ein sinnvoller Baustein sein, aber er ersetzt keine echte Anlagestrategie. Eine robuste Strategie bedeutet echte Diversifikation: über verschiedene Regionen, Anlageklassen und Risikotreiber hinweg. Also nicht alles auf ein einzelnes Investment oder einen Markt zu setzen, sondern Vermögen so aufzustellen, dass es auch dann stabil bleibt, wenn einzelne Märkte schwächeln.
Sie sagen, finanzielle Selbstermächtigung bei Frauen kollidiere mit weiblicher Normierung: Frauen, die investieren, stoßen häufig auf Ablehnung aus ihrer Umgebung, oft auch in ihrer Partnerschaft oder Familie. Ist dieses tradierte Muster nicht heute in weiten Teilen überholt und manchmal vielleicht eher eine bequeme Ausrede für Frauen, sich nicht selbst um ihre finanzielle Sicherheit zu kümmern?
Wegelin: Nein, das ist keine bequeme Ausrede, sondern die Realität für Frauen. Frauen, die Geld selbst verwalten oder investieren, stoßen oft auf subtile oder nicht subtile Gegenreaktionen. Ich habe schon öfter gehört, dass Partnerschaften scheitern, wenn die Frau „zu erfolgreich“ wird, weil der Partner das aufgrund der patriarchalen Prägung als starker Versorger nicht verkraften kann. Studien zeigen sogar, dass diese Dynamik messbar ist: In heterosexuellen Beziehungen ist der Stress bei Männern am geringsten, wenn ihre Partnerin etwa 40 Prozent zum Haushaltseinkommen beiträgt. Ab diesem Punkt steigt der Stress deutlich an und ist dann am höchsten, wenn die Frau mehr verdient als der Mann. Frauen verdienen in solchen Konstellationen häufig weniger, als ihr tatsächliches Potenzial zuließe. Zudem zeigen historische Analysen, dass gerade in Krisenzeiten Gleichberechtigung und feministische Fortschritte häufig unter Druck geraten, weil Stabilität über unsere Rechte gestellt wird. Der Wirtschaftswissenschaftler und Historiker Neil Howe beschreibt das eindrücklich: Gleichstellung ist in Krisen oft das Erste, was zurückgedrängt wird. Genau deshalb ist finanzielle Selbstbestimmung kein Luxus, sondern ein Schutzschild. Sie verschafft Frauen Klarheit, Handlungsspielraum und die Freiheit, selbst zu entscheiden – auch wenn die Welt um sie herum instabil ist.
Sie möchten Frauen Finanzkompetenz vermitteln. Kurz gesagt: Was müssen Frauen für ihre finanzielle Sicherheit wissen und können?
Wegelin: Dass es darum geht, die Kontrolle über die eigenen Finanzen zu übernehmen, statt abzuwarten, dass irgendjemand anderes die Verantwortung trägt. Dabei sind drei Dinge besonders wichtig. Erstens: Klarheit. Man muss seine Ausgangslage genau kennen, also Einkommen, Ausgaben, Vermögen und Rentenlücke. Ohne diese Transparenz lassen sich keine fundierten Entscheidungen treffen. Zweitens: Strategie. Also zu wissen, wie man spart, investiert, sich absichert und die richtigen Hebel nutzt, statt sich auf einzelne Produkte oder den Partner zu verlassen. Und drittens: Ownership, also die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, Risiken zu verstehen, Fehler zu analysieren und die eigene Angst zu überwinden.
Sie sind vor einiger Zeit Mutter geworden. Wie führen Sie Ihr Kind an das Thema Geld heran, damit es später in finanzieller Sicherheit leben kann?
Wegelin: Mein Ziel ist, dass mein Kind Geld nicht als Angstthema oder Belohnung sieht, sondern als Werkzeug für Freiheit und Selbstbestimmung. Das fängt früh an: Taschengeld bewusst nutzen, Entscheidungen über kleine Beträge treffen, über Werte und Prioritäten sprechen. Später geht es dann um Investieren, Sparen und den Umgang mit Risiko – aber alles altersgerecht. Wichtig ist mir: Ich will nicht nur Zahlen vermitteln, sondern Ownership und Selbstbewusstsein. Kinder, die früh lernen, Verantwortung für ihr Geld zu übernehmen, entwickeln die Gewohnheit, später auch ihre Finanzen, Vorsorge und Karriere strategisch zu steuern und werden so resilient gegenüber gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Risiken.

Buchtipp
In ihrem neuen Bestseller „Die Krise liebt Frauen wie dich“ erklärt Natascha Wegelin, warum gerade Frauen von den aktuellen Krisen betroffen sind und wie sie finanzielle Resilienz aufbauen.
Heyne, 352 Seiten, 20 Euro

