In den nächsten Wochen dürfte hierzulande so mancher Champagnerkorken knallen, etliche Kaviardöschen geöffnet werden. Es ist wieder Dividendensaison. Anders als etwa in den Vereinigten Staaten, in denen in der Regel die Unternehmen ihre Aktionäre pro Quartal beglücken, beschließen die allermeisten deutschen Konzerne auf den Hauptversammlungen im Frühjahr die Dividenden für das vergangene Geschäftsjahr. Und in diesem Jahr kommt vor allem bei den Dax-Firmen einiges zusammen. Der Wirtschaftsprüfer und Berater EY teilt mit: „Dax-Konzerne: Dividenden steigen auf neues Rekordniveau“. Die Experten berechneten einen Anstieg um 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf kaum fassbare knapp 55,3 Milliarden Euro – der „höchste Wert aller Zeiten“.
Hohe Dividenden trotz Flaute
Viele Bundesbürgerinnen und Bundesbürger, die das Wirtschaftsgeschehen nicht täglich verfolgen, fragen sich, wie dies angesichts der zahlreichen Negativmeldungen über die Konjunktur und der vielen Entlassungen in den Unternehmen sein kann. Jan Brorhilker, Managing Partner Assurance bei EY, hat eine Erklärung parat: „Das ist möglich dank einer breiten internationalen Aufstellung, einer erfolgreichen Transformation in der Vergangenheit oder auch dank einer Sonderkonjunktur wie sie aktuell in der Verteidigungsindustrie zu beobachten ist. Der Dax besteht ja nicht nur aus Automobilunternehmen“ (siehe Interview unten). Brorhilker ist bestens informiert. Unter anderem als Initiator und Host der EY‑Gesprächsreihe „Zukunft Deutschland“ diskutiert er mit Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen, Politik und mit Vordenkern die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland sowie die Rolle von Leadership, Innovation und KI.
Nicht nur auf die Dividendenrendite schauen
Wer die Werte des wichtigsten deutschen Aktienindex Dax nach der Dividendenrendite auflistet, erkennt in der Topgruppe eine Reihe von Automobilherstellern. Doch Vorsicht: Sie rangieren trotz vielfacher Dividendenkürzungen dort oben, weil ihre Kurse im Zuge der schweren Branchenkrise verfallen sind. „25 Unternehmen erhöhen die Ausschüttungen, zehn zahlen weniger“, konstatieren die Kapitalmarktenner von EY über die Dividendensaison der Dax-Firmen. Nach ihrer Dividendenanlyse zahlen Allianz, Deutsche Telekom und Siemens am meisten.
Mehr Stabilität für das Depot
Warum aber sind hohe Dividenden so wichtig? Dafür hat Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research von Allianz Global Investors (AGI) in seiner Studie „Dividenden – Ihr zweites Einkommen“ eine Begründung: „Gemäß unseren Berechnungen lieferten Dividenden historisch betrachtet einen signifikanten Beitrag zur Gesamtrendite von Aktien. Sie entwickelten sich dabei stetiger als die Unternehmensgewinne. Portfolios aus Aktien von Unternehmen mit höheren Ausschüttungsquoten haben sich in der Vergangenheit als weniger schwankungsanfällig erwiesen als Aktien von Firmen, die niedrigere Ausschüttungsquoten hatten oder nichts ausschütteten – zumindest zeigen dies unsere Berechnungen.“
Dividenden als zweites Einkommen
Und für den Einsatz der Ausschüttungen nennt Naumer wichtige Alternativen: „Durch ihre stetige Entwicklung und ihren merklichen Anteil an der Gesamtrendite eigenen sich Dividenden, um damit ein zweites Einkommen aus Kapital zu erzielen. Ein zusätzliches Kapitaleinkommen, das dann zum Beispiel für die Ausbildung der Kinder – Großeltern-BAföG –, als zusätzliches Urlaubsgeld oder für die dritte Lebensphase genutzt werden kann.“
Übrigens: Alle, denen die Auswahl dividendenstarker Aktien zu mühsam ist, können auf eine Fülle von aktiv gemanagten Dividendenfonds oder entsprechenden Exchange Traded Funds (ETFs) zurückgreifen.
Dividenden: „Versicherungskonzerne profitieren aktuell von mehreren Faktoren“
Jan Brorhilker, Managing Partner Assurance bei der Beratung EY über die aktuelle Dividendensaison in Deutschland.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Sie attestieren einen Rekord der Gesamtausschüttungen der Dax-Konzerne für das vergangene Geschäftsjahr. Wie ist das möglich, hängt Deutschlands Wirtschaft doch schon seit längerem in der Flaute fest?
Jan Brorhilker: Trotz der aktuellen Konjunkturflaute: Einigen Dax-Konzernen geht es sehr gut, sie erwirtschaften Rekordgewinne. Das ist möglich dank einer breiten internationalen Aufstellung, einer erfolgreichen Transformation in der Vergangenheit oder auch dank einer Sonderkonjunktur wie sie aktuell in der Verteidigungsindustrie zu beobachten ist. Der Dax besteht ja nicht nur aus Automobilunternehmen. Grundsätzlich gilt: Der Rekord bei den Dividendenausschüttungen ist in erster Linie ergebnisgetrieben. Die den Aktionären zuzurechnenden Konzernergebnisse der Dax-Unternehmen sind im vergangenen Geschäftsjahr deutlich gestiegen, was grundsätzlich die Basis für höhere Dividenden bildet. Dabei ist allerdings wichtig zu differenzieren, denn der starke Anstieg der ausgewiesenen Gewinne war maßgeblich durch einen Sondereffekt im Vorjahr geprägt. Bereinigt um diesen Effekt lagen die Konzernergebnisse insgesamt leicht unter dem Vorjahresniveau. Die Rekordausschüttung ist also daher in der Tat kein Zeichen eines konjunkturellen Booms, sondern eher Ausdruck stabiler Erträge vieler Unternehmen und einer insgesamt weiterhin aktionärsfreundlichen Ausschüttungspolitik.
Abgesehen von den Automobilherstellern, deren Dividendenrenditen vor allem wegen Kursverlusten attraktiv erscheinen, glänzen unter anderem Versicherungskonzerne mit hohen erwarteten Ausschüttungen. Was ist der Hintergrund?
Brorhilker: Versicherungskonzerne profitieren aktuell von mehreren Faktoren zugleich. Zum einen haben viele Versicherer operativ sehr solide Ergebnisse erzielt, etwa durch diszipliniertes Underwriting und stabile Prämieneinnahmen. Zum anderen verbessert das veränderte Zinsumfeld mittelfristig die Ertragsaussichten auf der Kapitalanlageseite. Hinzu kommt: Versicherer steuern ihre Dividendenpolitik stark entlang klarer Kapital- und Solvenzkennzahlen. Wenn die Kapitalausstattung stimmt und regulatorische Anforderungen komfortabel erfüllt werden, entsteht Spielraum für attraktive und verlässliche Ausschüttungen. Deshalb glänzt diese Branche derzeit mit vergleichsweise hohen Dividendenzahlungen und -renditen.
Die Automobilkonzerne zahlen weniger aus als im vergangenen Jahr. Sie bezeichnen dies als verantwortungsvollen Umgang mit der Ausschüttungspolitik. Bieten die Aktien dieser Unternehmen für langfristig orientierte Anlegende nicht gerade deshalb Perspektiven?
Brorhilker: Die Automobilhersteller im Dax zahlen in diesem Jahr deutlich weniger Dividenden als im Vorjahr – was angesichts teils stark rückläufiger Gewinne, hoher Investitionen und gleichzeitig breiter Kostensenkungen ohne Alternative ist. Die Branche steht unter erheblichem Druck, der auch in den kommenden Jahren kaum nachlassen dürfte. Dass Unternehmen in dieser Lage einen Teil der finanziellen Spielräume im Unternehmen behalten, dürfte auf lange Sicht sinnvoll sein. Für langfristig orientierte Anleger kann das durchaus Perspektiven bieten – allerdings unter der Voraussetzung, dass die Unternehmen die laufende Transformation erfolgreich umsetzen. Die geringeren Dividenden sind gleichzeitig ein deutliches Signal, wie herausfordernd die Situation in der Industrie derzeit ist.
Sie erwarten für das nächste Jahr eher geringere Dividendenzahlungen der Dax-Unternehmen für 2026. Warum?
Brorhilker: Der konjunkturelle Gegenwind hält an: geopolitische Risiken, hohe Energiepreise, Inflation und insgesamt schwache Wachstumsperspektiven belasten viele Unternehmen. Zudem befinden sich insbesondere Industrieunternehmen in einer tiefgreifenden Transformation und müssen erhebliche Mittel in Wettbewerbsfähigkeit, Kostensenkungen und neue Geschäftsmodelle investieren. Vor diesem Hintergrund wäre eine Fortsetzung der sehr hohen Dividendensummen auf dem aktuellen Rekordniveau eher überraschend. Wir gehen deshalb davon aus, dass sich Anleger im kommenden Jahr eher auf niedrigere Ausschüttungen einstellen sollten.

