US-Aktien und -Anleihen: Abkehr von Amerika?

Einige Profi-Investoren proklamieren eine Abkehr von Amerika. Gründe: Präsident Donald Trumps erratische Politik und der Verfall des Dollarkurses. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, hält dagegen.

Dollarnote, auf der Benjamin Franklin ein blaues Auge trägt als Symbol für eine mögliche Abkehr der Investoren von US-Aktien

05.02.2026

US-Aktien und -Anleihen: Abkehr von Amerika?

Ist es der Beginn einer Trendumkehr? Peter Sartori, Manager des legendären Templeton Growth Fund, sagte dem „Handelsblatt“ (€): „Vor allem haben wir den US-Anteil deutlich reduziert. Vor gut einem Jahr machten US-Aktien 55 Prozent unseres Portfolios aus. Jetzt sind es nur noch 44 Prozent.“

Abkehr vom US-Markt

Der dänische Pensionsfonds AkademikerPension verkauft seinen gesamten Bestand an US-Staatsanleihen. Auch die Allianztochter Pimco, ein Investmentgigant, plant Kapital aus den USA abzuziehen.

Irritierender US-Präsident

Die Gründe sind vielfältig. Im Kern geht es um die erratische Politik der US-Präsidenten Donald Trump, der zuletzt etwa mit Drohungen gegen Grönland und dem Entsenden einer Schlachtschiffflotte Richtung Iran weiter verunsicherte. Auch die Nominierung des früheren – umstrittenen – Fed-Gouverneurs Kevin Warsh als Nachfolger für US-Notenbank-Chef Jerome Powell sorgte für Irritationen. Aber vor allem geht es um die ausufernde Verschuldung des Staates und den damit einhergehenden, rasanten Verfall des Dollars.

Gute Gegenargumente

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank erkennt jedoch keine Abkehr vom US-Markt: „Im Gegenteil, die hohen Kapitalrenditen der US-Unternehmen, insbesondere der Technologieunternehmen, ziehen Kapital an. Hinzu kommt, dass viele Länder im Zuge der Zollverhandlungen hohe Investitionen in den USA zugesagt haben (siehe Interview unten). Dennoch plädiert er für eine breite Streuung über die Märkte.

„Breit diversifiziert investieren“

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, glaubt nicht an eine Abkehr der Investoren von US-Aktien oder US-Staatsanleihen.

DUP UNTERNEHMER-Magazin: An den Märkten wird derzeit diskutiert, ob eine breite Investorenschaft sich langfristig vom amerikanischen Aktienmarkt abwendet. Was sind die Gründe und wie schätzen Sie die Entwicklung ein? 

Ulrich Stephan: Ich kann diese Beobachtung nicht bestätigen. Natürlich gibt es immer wieder Fragen, zu den US-Schuldenständen und dem US-Dollar. Aber eine breite Abkehr von den USA kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil, die hohen Kapitalrenditen der US-Unternehmen, insbesondere der Technologieunternehmen, ziehen Kapital an. Hinzu kommt, dass viele Länder im Zuge der Zollverhandlungen hohe Investitionen in den USA zugesagt haben.

Gilt dasselbe auch für US-Staatsanleihen? 

Stephan: Die USA sind der mit großem Abstand größte und liquideste Kapitalmarkt. Es gibt tatsächlich einige Staatsfonds oder Pensionskassen, die im Zuge der Aufgabe der regelbasierten Ordnung angekündigt haben, US-Treasuries verkaufen zu wollen. Auch haben Länder wie beispielsweise China ihre Bestände in US-Staatsanleihen reduziert. Es gibt am Markt aber keine Anzeichen von Unruhe, weder bei den Zinsen noch den Spreads oder anderen Indikatoren.

Lange wurde Privatanlegenden empfohlen, zur Diversifikation einfach in einen den weltweiten Aktienindex MSCI World abdeckenden ETF zu investieren. Doch der Index weist einen hohen Anteil an US-Aktien auf. Macht also solch ein ETF im Depot noch Sinn? 

Stephan: In der Tat hat die Konzentration von US- und insbesondere Technologie-Unternehmen in kapitalgewichteten Indizes sehr zugenommen. Anleger sollten bei Indexinvestments immer die Zusammensetzung der Indizes prüfen. Beim S&P 500 zum Beispiel kann man auf den gleichgewichteten Index ausweichen. Beim MSCI World ist das Thema ähnlich gelagert. Ein Investment kann folglich Sinn ergeben, sollte aber je nach Anlage- und Risikopräferenzen um weitere Bausteine ergänzt werden.

Welche ETF würden Sie aktuell privaten Anlegenden mit mäßiger Risikobereitschaft ans Herz legen? 

Stephan: Es kommt meines Erachtens weniger auf die ETF an, als auf die Indizes beziehungsweise Anlageklassen, die sie verbriefen. Heutzutage gibt es durchaus Alternativen zu kapitalgewichteten Indizes. Wichtig ist, breit diversifiziert zu investieren. In einem balancierten Portfolio könnte man etwa in einen je 40-prozentigen Aktien- und Rentenanteil sowie 20 Prozent Alternative Investments investieren. Um das Risiko zu adjustieren, bieten sich unter anderem Minimum-Volatility-, Smart-Beta- oder die bereits erwähnten Equal-Weight-Indizes an.

Stellen europäische Aktien zurzeit eine attraktive Alternative zu US-Titeln dar? 

Stephan: Zu einer ausgewogenen Diversifikation gehören sicherlich beide Regionen. In den USA finden sich Technologie-Unternehmen, die es in Europa nicht gibt. Europa ist hingegen stark bei industrieller Produktion und Luxusgütern. Ich würde deshalb nicht von entweder oder sprechen, sondern von komplementären Investmentmöglichkeiten.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der auf Rekordniveau liegende Goldpreis entwickeln?

Stephan: Die Entwicklung von Gold und auch anderen Edelmetallen ist durch Spekulation und Absicherung getrieben. Die Spekulation geht auf die Debasement-Trade-Diskussion zurück – die Absicherung von Investoren, die aufgrund der Korrelationseffekte Gold zur Absicherung ihrer Portfolien bei riskanteren Investments nutzen. Außerdem sind die Notenbanken im Goldmarkt aktiv. Gold ist mittlerweile zur zweitwichtigsten Währungsreserve aufgestiegen. Ich will folglich nicht ausschließen, dass Gold noch weiterlaufen kann. Eine heftige Korrektur wie zuletzt ist aber jederzeit möglich.

Porträt Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank

Dr. Ulrich Stephan

Der Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank studierte Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in Köln und am MIT in Boston, USA. Er startete seine Karriere mit einem internationalen Traineeprogramm der Deutschen Bank und kehrte nach einer Zwischenstation im Vorstand von MLP zum Jahr 2008 zur größten deutschen Bank zurück