Bitcoin im Taumel
Das schmerzt viele Anlegende sehr. Seit Monaten befinden sich Bitcoin und andere Kryptowährungen auf Talfahrt. Die bekannteste Kryptowährung hat sich seit dem Höchstand im Vorjahr zeitweise nahezu halbiert. „Ab Spätherbst 2025 gab es Gewinnmitnahmen. Institutionelle Anleger sollen wegen einer wachsenden globalen Unsicherheit Risikopositionen aufgelöst haben“, sagt Professor Gunther Schnabl, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute, das zum gleichnamigen Vermögensverwalter in Köln gehört. Er benennt eine Reihe von Gründen, die zum Absturz führten (siehe Interview unten).
Weniger Amerikaner investieren
Gibt es eine Abkehr von Kryptowährungen? Zahlen aus den USA deuten darauf hin. Dort sank nach einer Umfrage der Anteil der Amerikaner und Amerikanerinnen, die in Kryptowährungen investiert sind, von 17 Prozent im Juli 2025 auf nur noch 12 Prozent im Dezember.
Schwindet der Glaube an den Bitcoin?
Zuletzt brachte die Deutsche-Bank-Strategin Marion Laboure in einem Interview mit Yahoo Finance den „Tinkerbell-Effekt“ wieder ins Gespräch. Das an die gleichnamige Fee aus „Peter Pan“ angelehnte Phänomen beschreibt die Möglichkeit, dass etwas nur existiert, weil sehr viele daran glauben. Und womöglich könne der Glaube an einen dauerhaften Anstieg des Bitcoin peu á peu schwinden.
Fiskus guckt genauer hin
Wer auf die Erholung der ältesten Kryptowährung setzt, und Erfolg mit dem Investment hat, sollte auf jeden Fall steuerehrlich sein. Denn seit Jahresanfang müssen alle in Deutschland tätigen Handelsanbieter wie etwa Bitpanda oder Bison Informationen über ihre Nutzenden und deren Transaktionen an den Fiskus melden. Die gute Nachricht: Es herrscht weiterhin die Regelung, dass Kryptowährungen nicht als Kapitalanlage, sondern – wie etwa Gold, Kunstwerke oder Oldtimer – als „andere Wirtschaftsgüter“ gelten. Folge: Nach einem Jahr Haltedauer werden auf Gewinne aus Kryptoverkäufen keine Steuern fällig.
Mehr Steuern könnten drohen
Das könnte sich jedoch ändern. Der Ökonom Co-Pierre Georg ist Professor an der Frankfurt School of Finance und Direktor von deren Blockchain-Center. Er schätzt, dass dem Staat durch diese Bevorzugung jährlich zehn Milliarden Euro durch die Lappen gehen. Angesichts der klammen Kassen der Bundesregierung könnte aufgrund der Begehrlichkeiten die im Jahr 2002 unter dem damaligen Bundesfinanzminister Christian Lindner beschlossene Regelung über kurz oder lang kippen.
„Attraktive Alternative zu Gold“
Professor Gunther Schnabl vom Flossbach von Storch Research Institute nennt Gründe für den Verfall des Bitcoin-Kurses. Er sieht die Kryptowährung insgesamt aber eher positiv.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Der Preis des Bitcoins ist seit seinem Höchststand bei gut 120.000 Dollar zuletzt zeitweise auf etwa die Hälfte gefallen. Was sind die wichtigsten Gründe für diesen Einbruch?
Professor Gunther Schnabl: Es ist weithin bekannt, dass der Bitcoin-Kurs sehr volatil ist. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump haben eine kryptofreundliche Politik sowie die Erwartung von weiteren Zinssenkungen den Kurs nach oben getrieben. Ab Spätherbst 2025 gab es Gewinnmitnahmen. Institutionelle Anleger sollen wegen einer wachsenden globalen Unsicherheit Risikopositionen aufgelöst haben. Die Nominierung von Kevin Warsh für den Vorsitz der US-Notenbank Fed hat schließlich Ende Januar 2026 dem Narrativ einer Trump-hörigen Fed einen Dämpfer versetzt.
Welche Rolle spielt dabei die Politik der Regierung von US-Präsident Trump? Der gilt als Krypto-Fan und zeitweise wurde spekuliert, dass die US-Notenbank Fed einen Teil der Währungsreserven in Bitcoin führen könnte ...
Schnabl: Trump hat sich im Wahlkampf offensiv für Kryptowährungen ausgesprochen. Er hat angekündigt, die USA zur „Krypto-Hauptstadt der Welt“ zu machen und eine staatliche Bitcoin-Reserve zu bilden. Die Hinwendung zu einer kryptofreundlichen Regulierung hat die Integration von Bitcoin in das Finanzsystem begünstigt. Den wichtigsten Einfluss auf den zukünftigen Kurs von Bitcoin gegenüber dem Dollar dürfte jedoch die zukünftige Geldpolitik der Fed haben, auf die der Präsident durch die Ernennung von Entscheidungsträgern einen maßgeblichen Einfluss hat.
Warum?
Schnabl: Bitcoin ist als Absicherung gegen dauerhaft zu expansive Geldpolitiken, also als Inflationsschutz, entstanden. Wenn die Fed zukünftig die von Trump vielfach schroff geforderten Zinssenkungen umsetzt, würde der sich seit der Jahrtausendwende herrschende Vertrauensverlust in den Dollar fortsetzen – und damit auch der Höhenflug von Bitcoin. Wenn aber der jüngst als US-Zentralbankpräsident nominierte Warsh für eine Trendwende hin zu einer stabilitätsorientierteren Geldpolitik steht – zum Beispiel dadurch, dass er die Bilanz der Fed verkürzt – würde das die Kursanstiegserwartungen bei Bitcoin deutlich einhegen. Möglicherweise hat der jüngste Kurssturz diese Entwicklung antizipiert. Vielleicht hat die Besorgnis, dass Bitcoin dem Dollar den internationalen Leitwährungsstatus streitig machen könnte, die politischen Entscheidungsträger in den USA dazu bewegt, dem schwachen Dollar ein Ende zu setzen.
Betrifft der Einbruch auch andere Kryptowährungen wie etwa Ethereum, kurz Ether?
Schnabl: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Bitcoin und den meisten anderen Kryptowährungen. Bitcoin ist in der Menge glaubwürdig auf 21 Millionen beschränkt. Es gibt keine zentrale Institution, die bei steigender Nachfrage eine Ausweitung des Angebots beschließen könnte. Weil hinter Bitcoin keine natürliche Person steht, ist es nicht korrumpierbar. Das ist bei den meisten Altcoins anders, weshalb deren Zukunftspotenzial beschränkt sein dürfte. Ethereum ist stark mit Bitcoin korreliert und ebenso eingebrochen.
Es gibt immer wieder Gerüchte, dass der Bitcoin-Preis von einer Gruppe Investoren beeinflusst wird, die über sehr hohe Bestände der Kryptowährung verfügen. Wie stehen Sie zu dieser Theorie?
Schnabl: In der Tat hält ein relativ kleiner Anteil von Wallets einen großen Teil aller Bitcoins – sogenannte Wale. Unternehmen wie Strategy oder Vermögensverwalter wie Blackrock besitzen erhebliche Bestände. Trotzdem bleibt die Beeinflussung des Marktes durch Käufe oder Verkäufe risikoreich, weil der Bitcoin-Kurs stark schwankt. Wer große Bestände hält, schadet sich selbst bei massiven Verkäufen. Große Käufe führen nicht zwingend zu dauerhaften Kursgewinnen. Der Markt ist inzwischen zu groß, zu global und zu beobachtet, um zentral gesteuert zu werden.
Sind für Anlegende, die in Bitcoin investieren möchten, aber komplizierte Kryptobörsen und die digitalen Wallets scheuen, Exchange Traded Notes, kurz ETN, eine Alternative? ETF auf Bitcoin sind ja in Europa nicht zugelassen ...
Schnabl: Exchange Traded Notes auf Bitcoin sind börsengehandelte Schuldverschreibungen, mit denen Anleger an der Kursentwicklung von Bitcoin partizipieren können, ohne selbst Bitcoin zu besitzen. Es entstehen zusätzliche Kosten und ein zusätzliches Risiko. Sie widersprechen der Idee von Bitcoin, von den auf Fiatgeld-basierenden, instabilen Finanzmärkten unabhängig zu sein. Wer Bitcoin halten will, sollte das auf seiner persönlichen Hard-Wallet tun. Das ist eigentlich nicht schwer, günstig und sicher.
Über geraume Zeit wurde darüber spekuliert, dass der Bitcoin als „digitales Gold“ die Rolle des Edelmetalls bei der Diversifizierung von Portfolios übernehmen könne. Hat sich das mit dem gewaltigen Einbruch erledigt?
Schnabl: Bitcoin hat ähnlich wie Gold bei inflationären Tendenzen eine gute Wertaufbewahrungsfunktion. Bitcoin ist im Gegensatz zu Gold leicht lagerbar und in Sekundenschnelle transferierbar. Damit ist Bitcoin eine attraktive Ergänzung oder sogar Alternative zum Gold als Inflationsschutz, auch wenn es stärker schwanken dürfte.
Flossbach von Storch führt in den Kundenportfolios respektive Fonds keine Bitcoin-Positionen. Warum?
Schnabl: Flossbach von Storch investiert derzeit nicht in Bitcoin oder andere Kryptowährungen. Flossbach von Storch verfolgt aber das Thema sehr genau – mit Fokus auf Bitcoin als mögliches Anlageobjekt und hinsichtlich der Diversifikationsmöglichkeiten.
Welche Entwicklung des Bitcoins erwarten Sie in der nahen Zukunft – könnten etwa Zinssenkungen der Fed den Kurs wieder nach oben treiben?
Schnabl: Die nahe Zukunft ist aufgrund der hohen Volatilität ungewiss. Auf die mittlere Frist wird die Entwicklung von Bitcoin stark von der zukünftigen Ausrichtung der US-Geldpolitik abhängen. Kommen die von Trump gewünschten Zinssenkungen, dürfte es mit Bitcoin wieder nach oben gehen. Kommt eine restriktivere Geldpolitik unter Warsh, dürfte die Goldgräberstimmung vorbei sein. Da nach Friedrich August von Hayek die Zentralbanken immer einem politischen Einfluss unterliegen werden, wird die Berechtigung von Bitcoin nie ganz verschwinden. Zudem ist Bitcoin auch ein günstiges Zahlungssystem, für das man keine Banken braucht. Bitcoin dürfte sich deshalb als Alternative zu dem inhärent instabilen Finanzsystem etablieren. Es dürfte auch weiterhin die ihm angedachte Rolle als Sanktionsmechanismus gegen zu expansive Geldpolitiken erfüllen.

