Gastbeitrag

Wirtschaft

Digitale Souveränität beginnt beim Bezahlen

Der deutsche Mittelstand ist das Rückgrat der Wirtschaft – innovativ, anpassungsfähig und leistungsstark. „Ehrlich gesagt, hätte ich als Niederländer nicht gedacht, dass ich das einmal so deutlich sagen würde“, sagt Gastautor Robert Bueninck, CEO der Unzer-Gruppe. Doch dieser Mittelstand könne seine Stärke nur dann voll entfalten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Detailaufnahme: Eine Person bezahlt mit ihrem Handy, als Symbol für Digitale Souveränität beim bezahlen

17.12.2025

Deutschland steht bei der Digitalisierung vor massiven Herausforderungen. Noch immer arbeiten viele Behörden mit Papierakten und Faxgeräten, in Schulen stehen Diaprojektoren statt digitaler Tafeln. Hinzu kommen ein schleppender Breitbandausbau, Mobilfunklücken und ein gravierender Mangel an IT-Fachkräften. Das Problem ist nicht fehlender politischer Wille, sondern mangelndes Tempo und Konsequenz in der Umsetzung. Entscheidend ist die Frage: Investieren wir genug in die Infrastruktur von morgen? In Technologien, die unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern? Ich bin skeptisch.

Ich bin seit fast 20 Jahren in der Zahlungswelt zu Hause – und am Beispiel des digitalen Bezahlens wird deutlich, wie groß das Versäumnis ist. Deutschland ist eine führende Industrienation, spielt beim digitalen Bezahlen aber nur in der zweiten Liga. In Ländern wie Schweden, den Niederlanden oder Dänemark werden längst über 70 bis 90 Prozent aller Zahlungen digital abgewickelt. In Deutschland liegt der Anteil gerade einmal bei rund 42 Prozent.

Viele Händler akzeptieren Kartenzahlungen erst ab einem bestimmten Betrag, manche gar nicht. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 hierzulande schickten mir Freunde aus dem europäischen Ausland Fotos von langen Schlangen vor deutschen Geldautomaten – sie konnten kaum glauben, dass Bargeld hier noch so alltäglich ist. Das mag ein Schmunzeln hervorrufen, doch das ist nicht Ausdruck von Tradition, sondern von Versäumnis. Denn auch hierzulande wollen Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden, ob sie bar, mit Karte, Smartphone oder Smartwatch bezahlen – so wie sie frei entscheiden, ob sie per Brief oder E-Mail kommunizieren. Ein modernes Land sollte das ermöglichen.

Digitales Bezahlen ist eine Schlüsseltechnologie

Digitale Zahlungen sind kein Nice-to-have, sie sind Teil der wirtschaftlichen Grundversorgung. Ohne sie funktionieren viele Zukunftsmodelle nicht. Ob beim Laden von E-Autos, im öffentlichen Nahverkehr, beim Onlinehandel oder bei Künstlicher Intelligenz: Überall braucht es sichere, interoperable und standardisierte Bezahlprozesse. Schon heute zeichnen sich Szenarien ab, in denen KI-Systeme selbstständig Transaktionen abwickeln – etwa Autos, die selbstständig tanken und bezahlen, Maschinen, die Ersatzteile automatisch bestellen, oder virtuelle Assistenten, die Dienstleistungen buchen.

Wenn wir diese Entwicklung verschlafen, werden andere sie für uns gestalten. Schon heute dominieren US-amerikanische Konzerne wie Visa, Mastercard, Paypal, Apple und Google den Markt. Wenn Europa seine digitale Souveränität bewahren will, muss es auch beim Bezahlen eigene Standards setzen. Und zwar offen, fair und innovationsfreundlich. Digitalisierung ist kein Nebenprojekt, sie ist Standortpolitik in Reinform. Deutschland hat sich auf den Weg gemacht, aber es ist höchste Zeit für mehr Tempo.

Robert Buenick

ist ein erfahrener Experte in der Zahlungs- und Handelsbranche und leitet seit Sommer 2021 als CEO die Unzer-Gruppe. Zuvor war er fast zehn Jahre bei Klarna tätig, unter anderem als Managing Director für die Regionen Benelux und DACH