New Health

Warum Gesundheitskompetenz immer wichtiger wird

Start-ups gelten nicht nur als Vorreiter in Sachen New Work, sondern wünschen sich auch mehr New Health. Das zeigen eine neue Studie zum Thema Arbeit und Gesundheit und die Erfahrungen zweier Gründerinnen.

Dr. Alexander Hirschfeld (v. l. n. r.), Dr. Kati Ernst, Larissa Schmid und Susanne Korndörfer im OMR-Talk zum Thema Gesundheitskompetenz

15.06.2026

Mitten in der weltweiten Corona-Pan­demie, genauer 2021, gaben in einer gemeinsamen Studie des Startup-­Verbands und der Techniker Kran­kenkasse 64 Prozent der befragten Start-ups an, dass ­Gesundheit für ihr Unternehmen eine große Rolle spiele. Heute liegt der Wert in einer Neuauflage der Befragung sogar bei 77 Prozent. Eine Steigerung, die viel über die Belastung in jungen Unternehmen, aber auch über das Bewusstsein im Umgang damit aussagt.

Allein im Homeoffice mit der KI

Die Weltwirtschaftslage, KI-Anwendungen und komplette Remote-Umgebungen sind nur drei Faktoren, die eine neue Definition des gesunden Arbeitens erfordern. So gaben 85 Prozent der 350 jetzt befragten Start-ups an, spezialisierte KI-Anwendungen jenseits von ChatGPT & Co. zu nutzen. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft sind es nur 45 Prozent.

Hinsichtlich Remote-Arbeit liegt der durchschnittliche Anteil bei 61 Prozent, was laut der Studie vor allem mehr Flexibilität (84 Prozent), die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf (77 Prozent) sowie einen besseren Zugang zu Talenten (63 Prozent) als Vorteile zur Folge hat. Als Top-3-Nachteile wurden fehlende Teamkultur (66 Prozent), Kommunikationshürden (52 Prozent) und ein erschwerter Wissenstransfer (53 Prozent) genannt. Dennoch bewerten vier von fünf Gründern und Gründerinnen Remote-Arbeit als positiv. Ein negativer Nebeneffekt: KI-Systeme und Kollegen via Videocall bemerken selten, wenn es jemandem aus dem Team schlecht geht.

Ein besonderer Fokus lag in der Studie auf dem Thema Gesundheit. „Zum Alltag in einem Start-up gehören viel Arbeit, Druck und ein hohes Maß an Verantwortung“, sagt Dr. Alexander Hirschfeld, Leiter Research beim Startup-Verband. „Das kann Spaß machen, aber natürlich auch mal in eine andere Richtung gehen.“ Er moderierte im Rahmen der Digital- und Marketingmesse OMR eine zu den Studienergebnissen passende Diskussion unter dem Titel „Starting a business the healthy way“. Denn trotz der 77 Prozent, die angeben, dass Gesundheit für sie und ihr Unternehmen ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema sei, gibt es auch hier wie so oft eine Diskrepanz zwischen theoretischem Anspruch und Realität: Gleichzeitig erklärten 68 Prozent, dass durch die höhere Arbeitsdichte die Gefahr besteht, dass die Gesundheit hintangestellt wird. Zudem sagten 59 Prozent, dass wegen mehr Verantwortung und Druck vor allem die mentale Gesundheit stärker gefährdet ist.

Beratungsangebot von Beginn an

„Uns geht es darum, schon möglichst früh dabei zu sein und Unternehmen in der Gründungsphase zu begleiten – nicht erst, wenn sie groß sind“, sagt Susanne Korndörfer, Start-up-Beraterin bei der TK, dazu in der Diskussionsrunde auf der OMR. „Gerade in der Anfangsphase kann da zum Beispiel unser Angebot ,Socialpizza‘ ganz viel Druck rausnehmen.“ Auf socialpizza.tk.de finden Gründende Informationen zu allen Phasen eines Start-ups: von der ersten Anmeldung über Beschäftigungsmodelle bis hin zu Themen wie Elternzeit oder Arbeitsunfallversicherung, jeweils in kleinen, praxisnahen Einheiten und niederschwellig erklärt. Zudem sind kostenfreie persönliche Beratungsgespräche möglich – auch auf Englisch. Außerdem gibt es weitere Angebote zur konkreten Gesundheitsförderung im Unternehmen oder zu Leadership.

Laut Studie passt das ziemlich gut zu den Bedürfnissen von Start-ups. Denn obwohl Gesundheit so relevant ist, gab knapp die Hälfte an, dass ihnen keine finanziellen Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Und wenn doch, dann eher in späteren als in frühen Jahren. Auch werden Formate bevorzugt, die zur Arbeitsrealität passen. Heißt: hybrid und maximal 30 Minuten. Und neben den Klassikern Sport und Fitness gibt es laut Studie einen großen Bedarf an Angeboten zu Stressmanagement und Resilienz (65 Prozent). „Uns geht es dabei nicht nur um die Gesundheit der Gründer und Gründerinnen selbst, sondern zugleich um deren Mindset, das sie dann in das gesamte Unternehmen tragen, wo es irgendwann ja auch einige Mitarbeitende betrifft“, so Korndörfer. „Es geht um eine gesunde Basis.“

Pragmatismus statt Perfektionismus

So weit die Theorie. Die Praxis dazu liefern die beiden Gründerinnen Dr. Kati Ernst und Larissa Schmid. Ganz ohne Beschönigung, aber dennoch mit sehr viel Begeisterung. Trotz ihrer beindruckenden Vita (McKinsey, Gründerin Ooia) erlebte Ernst einen Schlüsselmoment während eines Studentenjobs als Fischverkäuferin. „Die Tage, an denen die Schlange vorm Stand sehr lang war, waren am Ende die besten“, sagt sie. „Da habe ich für mich erkannt: Ich blühe auf, wenn viel los ist.“ Dieses Mindset, dass Stress einen auch antreiben und wachsen lassen kann, sei sehr hilfreich im Gründungsumfeld. „Der wichtige Punkt ist aber, zu merken, wann es zu viel wird.“

Ernst empfiehlt, immer wieder kleine „Gesundheits-Check-ins“ mit sich und dem Team zu machen – und wenn nötig einen Gang runterzuschalten. Dabei gehe es gar nicht um den großen Rundumschlag. „Pragmatismus statt Perfektion“, sagt Ernst, die das Thema regelmäßig in ihrem Podcast „Lifestyle of Longevity“ bespricht. Ihr Rat: „Schau, was die größte Baustelle ist – Schlaf, Ernährung, Bewegung, Psycho –, und geh da ran.“ Denn dort, wo die größte Veränderung nötig sei, gebe es auch eine direkt spürbare Wirkung.

Für Larissa Schmid von Saint Sass sind drei Faktoren entscheidend: Acht Stunden Schlaf, jeden Tag Sport am Morgen und feste, gesunde Ernährungsroutinen ohne viel Aufwand. „Ich habe mich von Anfang an auf das konzentriert, was ich beeinflussen kann“, sagt Schmid. „Druck und außergewöhnlich fordernde Phasen lassen sich in einem Start-up nicht vermeiden.“ Stattdessen versuche sie, ihren Körper und Kopf vorher in die bestmögliche Verfassung zu bringen, um mit solchen Situationen umzugehen. Aber auch da gibt es Grenzen. Gerade das vierte Quartal sei immer eine sehr fordernde Zeit, in der es auch ihr schwerfällt, Routinen aufrechtzuerhalten.

Am Ende sei Gründen aber auch eine große ­Chance für das eigene Wohlbefinden und das der Mitarbeitenden. „Das Tolle am Unternehmertum ist ja die Freiheit, die Dinge so zu gestalten, wie man sie selbst für gut hält.“ Und das gelte eben auch für die (Betriebs-)Gesundheit. Denn: Schlussendlich ist eine gesunde und damit leistungsfähige Führung eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg eines Unternehmens.