Der WEF Global Risks Report 2026 macht deutlich, wie ernst die Lage ist: Geopolitische Konflikte und geoökonomische Konfrontation zählen zu den größten globalen Risiken. Mit Folgen nicht nur für Märkte und Unternehmen, sondern ausdrücklich auch für gesellschaftliche Stabilität und menschliche Gesundheit. Das WEF spricht vom Eintritt in ein "Age of Competition", in dem Dauerunsicherheit zum Normalzustand wird.
Die Frage, die dabei kaum jemand stellt: Hinterlässt all das auch biologische Spuren?
Epigenetik: Wenn äußere Krisen innere Schalter umlegen
Timo Janisch, Experte für Epigenetik und Traumakompetenz sowie Co-Gründer von HealVersity, hat mit dieser Frage täglich zu tun. Seine Antwort ist klar: "Die ständige Informationsflut durch geopolitische Dauerspannungen kann chronischen Stress zusätzlich befeuern. Und chronischer Stress verändert nachweislich die Methylierung, also die Art und Weise, wie unsere Gene abgelesen werden."
Was Janisch beschreibt, ist das Feld der Epigenetik: die Wissenschaft davon, wie Umwelteinflüsse - darunter chronischer Stress, Traumata und anhaltende Unsicherheit - chemische Markierungen auf der DNA hinterlassen, die bestimmen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Diese Markierungen, bekannt als DNA-Methylierungen und Histonmodifikationen, verändern sich messbar unter Stresseinwirkung.
Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie hat in einer vielbeachteten Studie nachgewiesen: Traumatische Erlebnisse führen zu ähnlichen epigenetischen Veränderungen. Insbesondere in jenen Gehirnregionen, die für die Stressregulation zuständig sind. Forschende der Universität Bern konnten zudem zeigen, dass solche Veränderungen unter bestimmten Bedingungen sogar transgenerational weitergegeben werden können.
"Was uns die Forschung heute zeigt: Der Körper merkt sich Stresserfahrungen sehr genau", sagt Janisch. "Wenn Krisen nicht mehr einzelne Ereignisse sind, sondern zu einer Art Hintergrundrauschen werden, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was dieser Dauerzustand auf der biologischen Ebene mit uns macht."
Die Stressachse als Bindeglied
Der Mechanismus, über den geopolitische Dauerbelastung "unter die Haut geht", ist die sogenannte HPA-Achse - die Verbindung zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, die bei Stress die Ausschüttung von Cortisol steuert. Kurzfristig ist das ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus. Problematisch wird es, wenn er dauerhaft aktiviert ist.
Chronisch erhöhte Cortisolwerte sind wissenschaftlich assoziiert mit Schlafstörungen, geschwächtem Immunsystem, beschleunigtem biologischem Altern und einer erhöhten Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was lange als individuelle Disposition galt, erscheint im Licht der Epigenetik neu: Es ist auch eine Frage der Umwelt, in der Menschen leben und der Krisen, die sie täglich verarbeiten müssen.
Der Algorithmus als verstärkendes Element
Was die Situation strukturell verschärfen kann, ist der technologische Rahmen, in dem Nachrichten heute konsumiert werden. Plattformen wie LinkedIn, Instagram oder Google News sortieren Informationen algorithmisch und gewichten dabei nicht allein journalistische Relevanz, sondern auch Nutzersignale wie Interaktion, Verweildauer und erwartete Aufmerksamkeit. In diesem Umfeld haben zugespitzte, emotionale oder alarmierende Inhalte oft einen Vorteil gegenüber nüchternen Einordnungen.
Das Ergebnis ist das sogenannte Doomscrolling: das reflexhafte, oft unbewusste Weiterblättern durch schlechte Nachrichten. "Doomscrolling ist mehr als eine schlechte Gewohnheit", sagt Janisch. "Wer abends durch Kriegsbilder und Krisenmeldungen scrollt, hält das eigene Nervensystem in einer leisen Daueralarmierung. Was wir in der Hormonachse messen können, ist sehr konkret: veränderte Cortisol-Verläufe, weniger erholsamer Schlaf, eine schwächere Regeneration. Das beeinflusst direkt, wie wir am nächsten Tag denken, fühlen und führen."
Das Paradox der informierten Führungskraft
Hier liegt das eigentliche Dilemma für Menschen in Verantwortung. "Führungskräfte tragen heute eine doppelte Last", erklärt Janisch. "Sie sind selbst Teil der gesellschaftlichen Stressdynamik und gleichzeitig dafür verantwortlich, Teams zu führen, Entscheidungen zu treffen und Orientierung zu geben. Das ist neurobiologisch eine anspruchsvolle Position und sie verdient eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was dabei im eigenen System passiert."
Die WHO-Zahlen unterstreichen die Dimension des Problems: 17 Prozent aller Menschen in Europa leben mit einer psychischen Erkrankung. Im Juni 2025 haben 31 Länder gemeinsam erklärt, mentale Gesundheit in alle nationalen Politikentscheidungen integrieren zu wollen. Was auf gesellschaftlicher Ebene als Zeitenwende gilt, ist im unternehmerischen Kontext noch weitgehend unbearbeitet.
Was die Epigenetik wirklich sagt
Entscheidend ist ein Punkt, den Janisch bewusst betont: Epigenetische Markierungen sind reversibel. Sie können sich verändern. Durch Schlaf, Bewegung, soziale Bindungen und gezielte Begleitung in traumasensibler Arbeit auf wissenschaftlicher Grundlage.
"Krisen werden uns in der heutigen Welt weiter begleiten", sagt Janisch. "Was wir jedoch beeinflussen können, ist unsere innere Antwort darauf. Wer versteht, was Dauerstress biologisch auslöst, gewinnt die Klarheit, die gute Führung heute braucht."
Für Führungskräfte, die täglich in einem Umfeld agieren, das der WEF als historisch riskant einstuft, ist das keine Wellness-Frage. Es ist eine Frage der Entscheidungsqualität - und letztlich der Zukunftsfähigkeit.

