Therapie

Medizinisches Cannabis: Zwischen Therapie, Regulierung und Wachstum

In kaum einem Markt liegen Wachstum und Unsicherheit so nah beieinander wie bei medizinischem Cannabis. Albert Schwarzmeier, CEO von Enua, erläutert, wie sein Unternehmen mit regulatorischen Risiken umgeht, warum Flexibilität immer wichtiger wird und welche Rolle Vertrauen vonseiten der Behörden wie der Patientinnen und Patienten für ein funktionierendes Geschäftsmodell spielt.

Foto von medizinischem Cannabis

30.07.2026

Es gibt Branchen, in denen Wachstum vor allem eine Frage von Vertrieb und Kapital ist. Und es gibt Branchen, in denen jede politische Debatte das Geschäftsmodell verändern kann. Der Markt für medizinisches Cannabis gehört zur zweiten Kategorie. Seit der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland im April 2024 hat sich die Branche dynamisch entwickelt. Gleichzeitig bleibt sie politisch umkämpft. Diskussionen über strengere Verschreibungsregeln, die Rolle der Telemedizin oder neue regulatorische Anforderungen begleiten den Markt nahezu permanent. Für Firmen wie Enua bedeutet das: Wachstum ist nur möglich, wenn es auf belastbaren Prozessen basiert.

Regulierung verlangt neue Geschäftsmodelle

Das 2018 gegründete Kölner Unternehmen zählt heute zu den größeren unabhängigen Anbietern von medizinischem Cannabis in Deutschland und erhielt Anfang 2026 eine Fremdfinanzierung über 25 Millionen Euro von der Deutschen Bank – nach Unternehmensangaben die bislang größte ihrer Art in der ­deutschen Cannabisbranche. Für CEO Albert Schwarzmeier ist die eigentliche Herausforderung jedoch nicht das Kapital, sondern die Fähigkeit, auf politische Veränderungen vorbereitet zu sein. „Wir denken immer sehr stark auch in flexiblen Szenarien – im Best Case, Base Case und Worst Case“, sagt Schwarzmeier. Weil regulatorische Eingriffe jederzeit möglich seien, müsse das Unternehmen stets in der Lage sein, den Kurs anzupassen. Deshalb halte man nicht nur die strategische Planung im Blick, sondern auch Liquidität und Cashflow.

Die Logik dahinter: In einem politisch sensiblen Markt entscheidet nicht allein die Nachfrage über den Erfolg, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Dabei wächst Enua nach eigenen Angaben schneller als der Gesamtmarkt. Schwarzmeier führt das nicht auf Risikobereitschaft zurück, sondern auf Prozesse. „Leichtsinnig wäre es allerdings, wenn man Aktionismus vor Prozesse stellt“, sagt er. Wachstum werde zunächst im Kleinen getestet und anschließend schrittweise ausgebaut.

Compliance steht über allem

Besonders deutlich wird dieses Denken beim Thema Compliance. Während viele Unternehmen regulatorische Vorgaben als notwendiges Übel betrachten, beschreibt Schwarzmeier sie als Fundament des Geschäftsmodells. „Wenn du ein Haus baust und das Grundfundament steht nicht, dann wackelt das ganze Gebäude“, sagt er. Für ein Unternehmen, das pharmazeutische Produkte über Apotheken an Patienten vertreibt, seien Qualitätsmanagement und regulatorische Sicherheit nicht verhandelbar. Deshalb seien Qualitäts- und Compliance-Funktionen organisatorisch klar von der kommerziellen Seite getrennt. Neue Projekte würden nur umgesetzt, wenn beide Perspek­tiven zustimmen. „Wenn eins von beiden nicht erfüllt ist, wird ein Projekt nicht gestartet“, sagt Schwarzmeier.

Diese Haltung soll zugleich Vertrauen schaffen – bei Apotheken, Ärzten, Patienten, Behörden und Finanzinstituten. Gerade im medizinischen Cannabis-Markt sei Versorgungssicherheit entscheidend. Patienten stellten sich auf bestimmte Produkte ein, etwa zur Schmerztherapie oder bei chronischen Erkrankungen. „Konstanz ist extrem wichtig“, sagt Schwarzmeier. Deshalb sei Lieferfähigkeit ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Nach seinen Angaben spielte genau diese Kombination aus Transparenz, regulatorischer Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung auch bei der Finanzierung durch die Deutsche Bank eine entscheidende Rolle. Sie habe das Unternehmen schließlich intensiv geprüft – sowohl wirtschaftlich als auch regulatorisch.

„Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg“

Gleichzeitig beobachtet Schwarzmeier politische Diskussionen über eine mögliche Verschärfung der Verschreibungsregeln mit Sorge. Sollte der Erstkontakt zwischen Ärztin und Patient künftig ausschließlich persönlich stattfinden müssen, könnte dies nach seiner Einschätzung insbesondere Patientinnen und Patienten in ländlichen Regionen treffen. „Es gibt schon einige Patienten, die nicht in Berlin, München oder Frankfurt leben und damit sehr viel schlechteren Zugang haben“, sagt er. Videokonsultationen hält er deshalb für einen sinnvollen Mittelweg zwischen Patientenschutz und Versorgungssicherheit.

Dass Regulierung kein rein deutsches Thema ist, zeigt die Expansion des Unternehmens nach Großbritannien. Dort eröffnete Enua 2026 ein Büro in London. Die Vorbereitung dauerte laut Schwarzmeier rund eineinhalb Jahre. „Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt er. Der britische Markt biete großes Potenzial, Großbritannien stelle Unternehmen aber teilweise vor noch höhere regulatorische Anforderungen als Deutschland.

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre leitet Schwarzmeier auch eine Empfehlung für andere Unternehmen ab – insbesondere für den Mittelstand. Statt möglichst viele Wertschöpfungsstufen selbst kontrollieren zu wollen, setzt Enua auf ein sogenanntes Asset-Light-Modell. Produktionsanlagen gehören nicht zum Kerngeschäft. Dadurch bleibe das Unternehmen flexibel und könne schneller auf geopolitische oder regulatorische Veränderungen reagieren. „Sich so flexibel wie möglich aufzustellen“ sei eines der wichtigsten Learnings der vergangenen Jahre, erklärt Schwarzmeier.

Für ihn ist Compliance dabei weit mehr als ein Kontrollmechanismus. Sie sei ein Instrument zur Krisenfestigkeit. „Eine starke Compliance-Basis schafft operative Resilienz“, sagt er. Kreativität und Wachstum seien wichtig. Doch wenn politische oder wirtschaft­liche Rahmenbedingungen kippten, entscheide letztlich die Stabilität des Fundaments über das Überleben eines Unternehmens. Im medizinischen Cannabis-Markt gilt diese Erkenntnis vielleicht früher als anderswo. Relevant ist sie längst weit darüber hinaus.

Porträtfoto von Albert Schwarzmeier

Albert Schwarzmeier

ist CEO und Mitgesellschafter des deutschen Medizinal Cannabis-Unternehmens Enua mit Sitz in Köln. Dort übernahm er Anfang 2024 die operative Führung