Technologie

Wie KI die Rolle von Patienten verändert

Noch vor wenigen Jahren wurde über „vorgegoogelte“ Patientinnen und Patienten geschmunzelt. Wer mit ausgedruckten Internetseiten oder eigenen Verdachtsdiagnosen in die Praxis kam, galt schnell als überinformiert oder schwierig. Doch diese Zeiten ändern sich gerade fundamental – durch Künstliche Intelligenz.

19.06.2026

Die nächste Entwicklungsstufe ist längst angekommen: der KI-vorinformierte Patient. Das ist keine Zukunftsfantasie, sondern bereits Realität in vielen Arztpraxen. Ein Fakt, vor dem man nicht länger die Augen verschließen kann. Inspiriert wurde dieser Gedanke durch eine Erzählung von Dr. Ale­xandra Widmer. Sie berichtete mir von einem Moment, von dem sie wusste, dass er irgendwann kommen würde. Ein Patient zeigte ihr eine personalisierte OpenAI-GPT-Anwendung, in die er seine medizinischen Unterlagen der vergangenen zehn Jahre geladen hatte. Die KI hatte daraus innerhalb kürzester Zeit eine strukturierte Übersicht erstellt: mit Chronologie, Warnhinweisen, Querverbindungen und offenen Fragen.

Wissen entsteht nicht mehr nur in der Praxis

Informationen, die im Praxisalltag oft über viele Arztbriefe, Befunde und Erinnerungen verstreut sind. Widmer beschrieb, dass sie in diesem Moment zunächst sprachlos gewesen sei. Nicht weil der Patient medizinisch kompetenter gewesen wäre. Sondern weil ihm Künstliche Intelligenz einen Überblick verschafft hatte, für den im Alltag häufig schlicht die Zeit fehlt. Der Patient hatte sich viele Antworten bereits selbst erarbeitet und wollte vor allem noch die fachliche Einordnung und Bestätigung seiner Ärztin. Genau darin liegt der eigentliche Wendepunkt. Die Rolle der Ärztin beziehungsweise des Arztes verändert sich grundlegend. Wissen entsteht nicht mehr ausschließlich in der Praxis oder im Krankenhaus. Patienten kommen zunehmend vorbereitet, informiert und datenbasiert zum Termin. Der Arzt bleibt Experte, aber er ist nicht länger alleiniger Informationsbesitzer.

Portrait des Digital Health Experten David Matusiewicz.
David Matusiewicz ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule. Seit 2015 verantwortet er dort als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und ist einer der renommiertesten Experten für Digital Health in Deutschland.

KI schafft einen neuen Überblick über Gesundheitsdaten

Medizinische Erfahrung, Verantwortung, Intuition und Empathie bleiben unersetzlich. Doch KI verändert die Ausgangslage massiv. Sie kann Zusammenhänge sichtbar machen, Dokumente strukturieren und Muster erkennen, die im hektischen Alltag leicht untergehen. Genau darin steckt auch eine ­unbequeme Wahrheit: In Zukunft werden viele im Gesundheitswesen anerkennen müssen, dass Diagnosen oder Nebendiagnosen in der Vergangenheit teilweise übersehen wurden. Nicht aus mangelnder Kompetenz, sondern weil Informationen fehlten, unvollständig vorlagen oder schlicht nicht schnell genug zusammengeführt werden konnten.