Strategie

Wertschöpfung durch Digitalisierung – Wenn Effizienz nicht reicht

Automatisierung verspricht Rendite – doch ohne Strategie wird sie zum Stressverstärker. Eine neue internationale Studie der International Workplace Group (IWG) und Stimmen aus Wissenschaft und Praxis zeigen, wo Technologie wirklich Produktivität schafft: nicht im Tool, sondern in der Organisation.

Illustration: Zwei Hände umfassen eine Kugel, in der Statistiken und Diagramme zu sehen sind, als Symbol für Automatisierung

25.02.2026

Automatisierung gilt als das neue Versprechen der Unternehmenswelt. Prozesse werden schneller, Fehler seltener, Kosten sinken. Und am Ende steigt dann hoffentlich auch die Rendite. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Technologische Lösungen allein ­liefern noch keinen Produktivitätssprung. Die entscheidende Variable bleibt die Organisation.

Genau diesen Punkt betont Professorin Julia Backmann, die an der Universität Münster zur Transformation der Arbeitswelt forscht. Produktivitäts­effekte, so sagt sie, hängen stark davon ab, wie Arbeit organisiert ist. „Sie sind kein automatischer produktivitätssteigernder Prozess“, so Backmann. Automatisierung könne die Belegschaft durchaus entlasten, aber ebenso „den Arbeitsdruck erhöhen“. Entscheidend sei daher, ob die durch Technologie gewonnene Zeit tatsächlich Entlastung bringe oder ob Unternehmen sie sofort wieder mit zusätzlichen Aufgaben füllen. „Das Risiko liegt darin, dass Technologie zur Arbeitsverdichtung genutzt wird“, warnt sie. Der Output durch digitale Tools steige vor allem kurzfristig, langfristig nähmen jedoch Erschöpfung und Belastung zu.

Automatisierung wirkt nur mit neuer Arbeitslogik

IWG-Deutschlandchef Christoph Schneider beschreibt Technologie und digitale Tools vor allem als „Unterstützer oder Enabler“. Die Werkzeuge würden helfen, aber „sie werden nicht das strategische Denken abnehmen“. Es gehe darum, Mitarbeitenden einen Baukasten an die Hand zu geben und zugleich zu verhindern, dass in der Organisation jeder in eine andere Richtung rennt. Es brauche möglichst viel Freiheit – aber auch genug Standardisierung, damit Zusammenarbeit funktioniert.

Backmann sieht genau hier eine Schwäche vieler Unternehmen. „Vielfach werden Werkzeuge eingesetzt, aber es wird nicht strategisch gedacht“, sagt die Professorin. In der Praxis teste jeder, doch die Einbettung fehle: Welche Kompetenzen braucht es künftig? Welche Rollen verändern sich? Welche Aufgaben verschwinden? Und welche entstehen neu? Damit verschiebt sich die Debatte weg von der Frage, welche Tools ein Unternehmen nutzt, hin zu der, wofür sie genutzt werden.

Backmann bringt es auf eine klare Formel: „Transformation zeigt sich nicht beim Einsatz von Tools, sondern eher in der Entscheidung darüber, was anders gemacht wird.“ Arbeit werde dadurch neu definiert, Ziele werden priorisiert, Zusammenarbeit werde organisiert. Transformation beginne demnach erst, „wenn sich die Logik von Arbeit auch selbst verändert“. Schneider erweitert den Blick: Viele Unternehmen würden Technologie immer noch primär als Kostenprogramm denken. „Lange Zeit wurde Technologie vor allem für die Effizienzsteigerung eingesetzt, und damit war sie Kostenreduzierer“, sagt er. Spannend werde es aber dort, wo Automatisierung nicht nur Kapazitäten und Personal einspart, sondern Wachstum ermöglicht. Sprich: wenn Technologie Erkenntnisse aus verschiedenen Teams verknüpfe und daraus neue Produkte entstehen. Dann wird Technologie laut Schneider zum Umsatzmotor.

Wenn Technologie Rendite bringen soll, muss Führung liefern

Mit der wachsenden Automatisierung verändert sich für Führungskräfte auch die Frage nach Verantwortung. Schneider erwartet, dass Maschinen künftig viele operative Abwägungen übernehmen. Der Mensch müsse dann den Raum definieren, in dem entschieden wird. Für das mittlere Management sei das ein Bruch, Verantwortung bekommt dadurch eine andere Qualität. Backmann setzt die Grenze normativ: Menschlich bleiben Aufgaben wie „Urteilsfähigkeit, Sinnzuschreibung oder auch Legitimation von Entscheidungen“ – ebenso strategische Priorisierung, Umgang mit Zielkonflikten und die Gestaltung von Führung und Kultur.

Passend dazu zeigt die neue IWG-Studie: Das Personalwesen rückt ins Zentrum der Wertschöpfung. Laut Pressemitteilung sagen heute schon 88 Prozent der befragten leitenden Personalverantwortlichen, ihr Einfluss sei größer denn je. 96 Prozent sehen einen starken Einfluss der HR-Rolle auf die Rentabilität, 95 Prozent auf Produktivität, Talentgewinnung und Mitarbeiterbindung. Backmann beschreibt die deutsche Lage als besondere Gemengelage aus Traditionsunternehmen und Tech-Wettbewerb: „Führende Personalverantwortliche sollten sich zu Brückenbauern zwischen der Old und der New Economy entwickeln.“ Die komplette Studie finden Sie hier.

Professorin Julia Backmann

leitet den Lehrstuhl für Transformation der Arbeitswelt und ist Co-Direktorin des Center for Business Transformation an der Universität Münster

Dr. Christoph Schneider

ist seit 2022 gemeinsam mit Stefanie Lürken Deutschland-Chef der International Workplace Group (IWG), eines weltweit aktiven Anbieters für flexible Arbeitsplätze