Politik

Warum die Türkei auf KI und junge Talente setzt

Die Türkei positioniert sich im globalen Technologiewettbewerb neu – mit massiven Investitionen in Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und eine junge, hoch qualifizierte Generation. Hier spricht Mehmet KacIr, Minister für Industrie und Technologie, offen über staatliche KI-Strategien, milliardenschwere Förderprogramme, technologische Souveränität und darüber, warum die Türkei nicht nur Markt, sondern auch Entwickler und Exporteur von Hochtechnologie sein will.

Mehmet Kacir, Minister für Industrie und Technologie der Republik Türkei und Ayse Mese, Geschäftsführerin von DUP Media GmbH und JDB Holding GmbH im Gespräch über die Türkei und deren KI-Strategie

20.02.2026

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Die Türkei hat in den vergangenen Jahren stark in Technologie und Start-ups investiert. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz, kurz KI, dabei?

Mehmet Kacır: Künstliche Intelligenz ist heute eines der wichtigsten Transformationsfelder der Technologie. Auch wir als Türkei bleiben dieser Entwicklung nicht fern. Wir wollen die neuen Chancen, die KI für die türkische Wirtschaft eröffnet, bestmöglich nutzen. Die Türkei ist in Bezug auf ihre sektorale Vielfalt eine der wichtigsten Produktionsmächte der Welt. Betrachtet man sowohl die Anzahl wettbewerbsfähig produzierter Produkte als auch die Länder, in die wettbewerbsfähig exportiert wird, sieht man: Vom chinesischen Raum bis nach Mitteleuropa ist die Türkei eines der zentralen Produktionszentren. Das ist gerade im Hinblick auf transformative Technologien wie KI von großer Bedeutung.

In welchen Bereichen erwarten Sie den größten wirtschaftlichen Effekt?

Kacır: Sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor wird KI das schnelle Wachstum der türkischen Wirtschaft unterstützen. Dafür braucht es ein Ökosystem aus mehreren Bausteinen: qualifizierte Fachkräfte, leistungsfähige Recheninfrastruktur und konkrete Anwendungen. Die Entwicklung der menschlichen Ressourcen hat für uns höchste Priorität.

Wie fördern Sie diese KI-Fachkräfte konkret?

Kacır: Die Türkei hat 208 Universitäten. Wir erhöhen dort gezielt die Zahl KI-orientierter Studiengänge und bieten Spezialisierungsprogramme an. Die Türkei ist ein sehr junges Land, das Medianalter liegt bei 34 Jahren. In Deutschland liegt es bei 48. Diese Jugend ist einer unserer größten Vorteile. Gleichzeitig öffnen wir unsere Recheninfrastruktur für Entwickler.

Welche Rolle spielt dabei staatliche Infrastruktur?

Kacır: Unter dem Dach von TÜBİTAK, dem wissenschaftlichen und technologischen Forschungsrat der Türkei, haben wir die Kapazität eines der leistungsstärksten Supercomputer der Welt, der zu den Top 500 gehört, erweitert und für KI-Entwickler geöffnet. Ohne Zugang zu solcher Infrastruktur ist man bei der KI-Entwicklung im Nachteil. Zudem haben türkische Entwickler über das Digital-Europe-Programm Zugang zu europäischen Supercomputern. Wir sind auch Partner eines der weltweit ersten Supercomputer-­Projekte in Spanien.

Sie erwähnen häufig die Bedeutung staatlicher Daten. Warum?

Kacır: Die Türkei verfügt über eine sehr starke digitale Verwaltungsinfrastruktur. Als Land mit 85 Millionen Einwohnern haben wir früh mit E-Government begonnen und sind vielen vergleichbaren Ländern voraus. Diese Daten bieten eine große Chance, Wertschöpfung zu erzeugen. Deshalb bringen wir als Ministerium öffentliche Institutionen, Start-ups und Forschungsteams zusammen – in Bildung, Gesundheit, Energie, Verkehr oder Finanzen.

Wie dynamisch ist die KI-Start-up-Szene in der Türkei derzeit?

Kacır: Allein im vergangenen Jahr haben KI-Start-ups in der Türkei Investitionen von fast 300 Millionen US-Dollar erhalten. Parallel entwickeln wir bei TÜBİTAK ein türkisches großes Sprachmodell. Wir wollen eine eigenständige Infrastruktur für türkischsprachige KI aufbauen. Globale Modelle sind wichtig, aber wir brauchen auch eigene.

Was sind Ihre zentralen Forschungs- und Entwicklungsprioritäten für die kommenden Jahre?

Kacır: Ein zentraler Punkt ist der Ausbau der Rechen- und Datenzentrumsinfrastruktur. Derzeit verfügt die Türkei über etwa 250 Megawatt Kapazität. Bis 2030 wollen wir auf ein Gigawatt kommen. Dafür haben wir ein Förderprogramm mit 1,5 Milliarden US-Dollar für Rechenzentren und weitere 1,6 Milliarden US-Dollar speziell für KI-Recheninfrastruktur aufgelegt.

Energie ist dabei ein entscheidender Faktor. Wie sichern Sie diese?

Kacır: Wir setzen auf erneuerbare Energien und gleichzeitig auf Kernenergie. Das Kernkraftwerk Akkuyu mit einer Gesamtkapazität von 4,8 Gigawatt geht schrittweise ans Netz. Zusätzlich arbeiten wir an Programmen für kleine modulare Reaktoren. Ziel ist es, energiegesicherte Industrie- und Datenzentrumszonen zu schaffen.

Wie gehen Sie mit den Risiken von KI um?

Kacır: Neben den Chancen schafft KI auch Risiken. Deshalb ist die sichere und ethische Entwicklung und Nutzung ein zentrales Thema. Wir arbeiten an regulatorischen Maßnahmen, damit KI kein Risiko für Mensch und Gesellschaft darstellt.

Mit dem Programm „2030 – 30 Milliarden Dollar“ wollen Sie neue Impulse setzen. Was steckt dahinter?

Kacır: Wir wollen mit 30 Milliarden US-Dollar an ­Förderungen gezielt Hochtechnologie-Investitionen anziehen. Schwerpunkte sind unter anderem Elek­trofahrzeuge, Halbleiter, Batterien, Solar- und Windtechnologien, Datenzentren, KI, Quanten- und Industrierobotik. Allein für KI stellen wir 1,6 Milliarden US-Dollar bereit, für Industrierobotik eine Milliarde. Dabei sind wir offen für alle Investoren, die Wertschöpfung schaffen, Beschäftigung generieren und Exporte stärken. Unabhängig von Herkunft oder ­Branche.

Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmerinnen und Unternehmern, die in der Türkei investieren wollen?

Kacır: Erstens: Die Türkei nicht isoliert zu betrachten, sie ist regional und global hervorragend vernetzt. Zweitens: die Qualität unserer jungen, gut ausgebildeten Fachkräfte zu nutzen. Und drittens: die Türkei nicht nur als Markt oder Produktionsstandort zu sehen, sondern als Ort für Forschung, Entwicklung, Innovation und Hightech-Produktion auf Weltniveau.

Porträt von Mehmet Kacir, Minister für Industrie und Technologie der Republik Türkei

Mehmet Kacir

ist seit 2023 Minister für Industrie und Technologie der Türkei. Er verantwortet die nationale Technologie-, Industrie- und Innovationspolitik und treibt insbesondere den Ausbau von Künstlicher Intelligenz, Hochtechnologie- Investitionen und technologischer Souveränität voran