Der Unterschied zwischen Kaffee im Büro und einem aus dem Lieblingscafé galt lange als naturgegeben. Ein Start-up aus Konstanz widerspricht – und übersetzt neuerdings das Wissen von Barista-Champions in Daten. Herausgekommen ist eine smarte Kaffeemaschine, die nicht nur brüht, sondern dank individueller Daten sowie KI-Tools unter der Haube dazulernt und besser wird. Was Hersteller Nunc entwickelt, könnte zur Blaupause für die nächste Generation von Küchengeräten werden.
Kaffeetrinken ist ein Ritual – und ein Widerspruch. Zu Hause wird es zelebriert, im Café perfektioniert, im Büro meist ertragen. „Dort bin ich eher zeitoptimiert unterwegs“, sagt Dominik Maier, Co-Gründer und Managing Director von Nunc, einem deutschen Hersteller für smarte Kaffeemaschinen. Der Anspruch an Qualität steigt trotzdem. Gute Kaffeezubereitung erfordert Wissen, Zeit und Übung. Im Alltag sind diese Ressourcen knapp. Die Folge ist ein klarer Qualitätsunterschied zwischen professionell zubereitetem Kaffee und dem, was Maschinen im Standardbetrieb liefern.
Im Alltag existiert der „Genussgraben“
Maier sagt: „Es gibt diesen Genussgraben.“ Er meint die Lücke zwischen handwerklicher Präzision im Café und der Vereinfachung im Alltag. Für ihn und seine Mitgründer Marius Kütemeyer und Markus Unger hat sich daraus ein Geschäftsmodell ergeben. Ausgangspunkt dafür war die Annahme, dass sich Geschmack zumindest teilweise in messbare Größen übersetzen lässt. Parameter wie Druck, Temperatur und Extraktionszeit sind bekannt, und ihre Abstimmung ist entscheidend.
„Wir haben die sensorische Kompetenz von Baristas genommen und in eine Maschine übersetzt“, erklärt Maier. Dafür wurden große Mengen an Zubereitungsdaten erfasst und ausgewertet. Das KI-basierte System der Nunc-Kaffeemaschine greift auf diese Daten zurück und passt den Brühprozess entsprechend an. Gleichzeitig fließen mit jedem Flat White oder Espressoshot, den die Maschine zubereitet, neue Nutzungsdaten in das Modell ein. „Jeder Kaffee, der gemacht wird, zahlt auf das Modell ein“, sagt Maier.
Die Maschine wird damit nicht als statisches Produkt verstanden, sondern als lernendes System. Diese Logik unterscheidet sich grundlegend von klassischen Haushaltsgeräten, deren Funktionsweise sich nach dem Kauf trotz App-Steuerung nicht mehr verändert. „Unsere Produkte werden dagegen ausgeliefert und aufgrund der mitlernenden Software Tag für Tag besser“, so Maier.
KI lernt, Geschmack zu reproduzieren
Der Gedanke ist nicht neu. In anderen Branchen ist die kontinuierliche Verbesserung über Software etabliert, Unternehmen wie Apple oder Tesla haben dieses Prinzip in ihren Produkten fest verankert. Im Bereich der Küchengeräte hingegen steht diese Entwicklung noch am Anfang. Ein Grund dafür liegt in der Datenbasis. Doch Künstliche Intelligenz wirkt auch hier als Gamechanger. „KI bringt erst mal gar nichts, wenn ich keine Daten habe“, erläutert Maier. Noch verfügen viele Geräte weder über ausreichend Sensorik noch über die Möglichkeit, Nutzungsdaten sinnvoll auszuwerten. Das führt zu einem verbreiteten Missverständnis: Digitalisierung wird häufig über zusätzliche Funktionen definiert – etwa Apps oder Fernsteuerung –, ohne dass sich das Kernergebnis verbessert.
Bei der Nunc-Kaffeemaschine ist das anders, sie nutzt Datenströme und stellt damit reproduzierbare Qualität bei minimalem Aufwand sicher. „Das ist ein entscheidender Mehrwert für die Nutzenden“, sagt Maier. Seine Nunc-Kaffeemaschinen sollen die Variabilität der Zubereitung reduzieren, ohne die Bandbreite des Geschmacks einzuschränken. Im Idealfall entsteht daraus eine Kombination aus Standardisierung und Individualisierung.
Die Maschine übernimmt die technische Komplexität, während der Nutzer lediglich das Ergebnis bewertet. Anpassungen erfolgen im Hintergrund. Maier glaubt, dass sich der Kaffeegenuss in Zukunft weiter verändern wird, und formuliert die Zukunft des Kaffeetrinkens zugespitzt so: „Es wird niemanden mehr geben, der akzeptiert, schlechten Kaffee zu trinken.“ Ob sich diese Einschätzung bewahrheitet, hängt weniger von der Technologie ab als von ihrer Akzeptanz. Klar ist jedoch: Der Maßstab für Qualität wird zunehmend durch das bestimmt, was technisch möglich ist. Und Künstliche Intelligenz verschiebt die Grenzen gerade massiv – auch im Bereich der Küchengeräte.


