Gastbeitrag

Krebsmedizin

Krebsmedizin im Umbruch: Wie KI Therapie, Diagnostik und Hoffnung revolutioniert

Künstliche Intelligenz, smarte Diagnostik und digitale Therapiebegleiter verändern die Krebsmedizin grundlegend. Zum Weltkrebstag 2026 zeigt sich: Der Weg zur wirklich personalisierten Onkologie führt über Daten, Algorithmen – und mehr Zeit für menschliche Zuwendung.

Eine junge Frau in einem OP-Outfit, die sich Röntengenaufnahmen ansieht, als Hinweis auf KI in der Krebsmedizin

03.02.2026

Am 4. Februar 2026 findet zum 26. Mal der Weltkrebstag statt. Sein Motto lautet in diesem Jahr „United by unique“, übersetzt am ehesten mit „Vereint durch Einzigartigkeit“. Dieses Motto unterstreicht auf der einen Seite, dass alle Betroffenen eine gemeinsame Herausforderung zu bewältigen haben, auf der anderen Seite betont das Motto aber auch die Tatsache, dass jede Erkrankung an Krebs ein individuelles Schicksal ist.

Alle Teilgebiete der Onkologie fokussieren aktuell mehr denn je auf eine individuelle, personalisierte Diagnostik und Therapie der einzelnen Krebserkrankung. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die medizinisch wie unternehmerisch extrem große Bedeutung der digitalen Transformation in der Krebsmedizin hinweisen.

KI in der Diagnostik: Wenn Algorithmen Tumoren präziser erkennen als das menschliche Auge

In der Diagnostik von Krebserkrankungen werden in sehr rasch zunehmendem Tempo Algorithmen der Künstlichen Intelligenz (KI) und innovative Digitale Tools eingesetzt. KI ist immer dann besonders effektiv, wenn sie mit Bildern und/oder klaren Texten trainiert wurde. Daher kommen KI-Programme zur Diagnostik derzeit insbesondere in den Fächern Dermatologie, Radiologie und Pathologie zum Einsatz und es erscheint nicht übertrieben, die Chancen durch KI als Revolution zu bezeichnen.

In einigen Bereichen zeichnet sich bereits jetzt eine Überlegenheit der künstlichen Intelligenz im Vergleich zur humanen ab, da sie eine signifikante Verbesserung in Sensitivität und Spezifität bei der Befundung generiert: Dermatologen nutzen zum Beispiel mobile KI-Programme schon in der Routine zum Hautkrebs-Screening. In der Radiologie gibt es bereits viele Belege dafür, dass KI-Algorithmen mindestens genauso gut diagnostizieren können wie erfahrene Radiologen, unter Umständen sogar präziser, zum Beispiel bei der Schnittbilddiagnostik von Prostata- oder Lungentumoren mit CT oder MRT oder bei der Mammographie im Rahmen der Brustkrebsvorsorge. Ebenso beeindruckend sind die Ergebnisse bei der Endoskopie, wenn zum Beispiel eine KI-unterstützte Darmspiegelung eine höhere Entdeckungsrate an verdächtigen Polypen ausweist, als wenn sie ohne KI durchgeführt wird.

Vom Bild zur Genmutation: Wie KI molekulare Eigenschaften von Tumoren vorhersagt

KI-Systeme werden aber nicht nur darauf trainiert, maligne Tumoren innerhalb des jeweiligen diagnostischen Bereiches zu erkennen. Auch ein fachübergreifender Nutzen von KI zeichnet sich ab: Zum Beispiel wurde in radiologischen Studien gezeigt, dass eine KI das vorliegende Tumorgewebe eines Lungenkrebses (die Histologie) allein aus den Daten der CT-Bildgebung vorhersagen kann, verbunden mit einer Aussage über die wahrscheinliche individuelle Prognose.

Mindestens genauso spektakulär ist die offensichtliche Fähigkeit von KI, molekular-pathologische Befunde (z.B. Genmutationen) allein aus der Bildbetrachtung und ohne den Einsatz weiterer spezieller molekular-pathologischer Labormethoden zu generieren. Eine KI kann z.B. aus dem Gewebeschnitt eines Darmkrebses vorhersagen, ob bestimmte für die Therapieentscheidung wichtige molekulare Veränderungen auf der Gen-Ebene vorhanden sind oder nicht. Dies ist für Onkologen von herausragender Bedeutung vor dem Hintergrund, dass bei immer mehr Tumorentitäten molekular-gesteuerte medikamentöse Therapieoptionen existieren.

Schnellere Wirkstoffe, neue Impfstoffe: KI verändert die Arzneimittelentwicklung

Bei der Entwicklung neuer Arzneimittel für die medikamentöse Tumortherapie wird in der onkologischen Pharmazie davon ausgegangen, dass Künstliche Intelligenz die Herstellung neuer zielgerichteter innovativer Substanzen (z. B. von hochkomplexen Antikörpern) extrem beschleunigen kann. 2024 wurde der Nobelpreis für die Entwicklung eines entsprechenden KI-Programmes verliehen (AlphaFold), das die dreidimensionale Struktur eines Proteins mit hoher Treffsicherheit voraussagen kann, wenn es dessen Aminosäuresequenz kennt.

Das Wirkstoffdesign wird in Zukunft gewissermaßen von einer KI übernommmen. Die Entwicklung neuer Arzneimittel wird sich dadurch erheblich beschleunigen, die Studienplanung und deren Durchführung wird durch KI in hohem Maße unterstützt und die Erfolgsquote klinischer Studien dürfte signifikant steigen. Auch die KI-unterstützte Entwicklung einer Vakzine gegen definierte Krebserkrankungen allein auf der Basis ihrer im Blut zirkulierenden Tumor-DNA erscheint in absehbarer Zeit möglich.

Robotik im OP und Virtual Reality im Training: Digitalisierung erobert den Operationssaal

In der onkologischen Chirurgie zeichnen sich ebenfalls faszinierende Innovationen durch die Robotik ab. Spezialisten können ggf. auch von außerhalb mitoperieren, ohne selbst im Operationssaal zu stehen, wenn sie mit einer 3D Brille und einem Set zur Führung eines Roboters im OP ausgestattet sind. Die Nutzung von Virtual Reality Brillen ist zum Training und zur optimierten Vorbereitung von Krebsoperationen hilfreich.

Wearables, Apps auf Rezept und ePA: Die digitale Begleitung im Therapiealltag

Aber auch im onkologischen Alltag zeichnen sich klare Vorteile der digitalen Transformation ab. Gerade in der Onkologie ist die kontinuierliche Erfassung von Patient Reported Outcome Daten (PRO) ein wichtiges Thema in Klinischen Studien und in der Versorgung. Die drahtlose Messung beispielsweise von Blutdruck, Puls und EKG, Schlafverhalten, Temperatur und Kalorienverbrauch durch mobile Endgeräte, sogenannte Wearables, ermöglicht kontinuierliche Aufzeichnungen in Echtzeit, die technologisch bereits erstaunlich zuverlässig funktionieren.

Solche Endgeräte können Uhren, smarte Ringe oder das Smartphone selbst sein. Zunehmend werden in der Onkologie Studien geplant, in denen PRO mit Wearables erfasst werden und in denen gleichzeitig auch diese digitalen Tools validiert werden. Die bei der Verwendung von Wearables erhobenen PRO-Daten bieten eine hilfreiche Unterstützung bei der Verlaufskontrolle und zur Beurteilung der Effizienz von therapeutischen Maßnahmen.

Apps auf Rezept, sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), deren Kosten von den Krankenkassen übernommen werden, stehen schon heute als digitale Therapiebegleiter für die Betroffenen zur Verfügung, speziell auch für Krebspatientinnen und Krebspatienten.

Eine rasche Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte (ePA) und deren Verknüpfung mit Wearables und DiGA ist aus onkologischer Sicht dringend zu fordern, hier wäre die digitale Transformation medizinisch wie ökonomisch von immensem Vorteil.

Mehr Zeit für Empathie: Warum KI den Arztberuf menschlicher machen kann

Die digitale Transformation bedeutet ganz klar eine neue Ära in der Krebsmedizin, die wir beherzt annehmen sollten. Die bedeutendsten Veränderungen sind wie skizziert durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu erwarten.

Für die Betroffenen bietet KI - speziell bezogen auf das Motto des diesjährigen Weltkrebstages - eine immens große Chance, dass die Krebstherapie immer individueller und einzigartiger wird und dass wir der ausgerufenen „Vision Zero“ in den nächsten Dekaden deutlich näherkommen.

Für die Pharmaindustrie und für die Digitalindustrie dürfte das Fachgebiet Onkologie eine zunehmend spannendere Herausforderung werden mit bisher unvorstellbaren Möglichkeiten.

Für die Ärzteschaft bedeutet die digitale Transformation die Chance, den Arztberuf hoch empathisch weiterzuentwickeln. Die immensen Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz bedeuten für mich am Weltkrebstag auch die Chance auf eine kreative Evolution der menschlichen Intelligenz und der empathischen Patientenbetreuung.

Porträt von Dr. med. Friedrich Overkamp

Dr. med. Friedrich Overkamp

Seit mehr als 30 Jahren in der Krebsmedizin tätig, betreute er rund 25.000 Krebspatienten  – zunächst am Universitätsklinikum Essen, später als Chefarzt sowie als selbstständiger niedergelassener Onkologe. Sechs Jahre lang war er Vorsitzender der Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Seit 2015 ist er Managing Partner zweier GmbHs mit Schwerpunkten in der digitalen Transformation der Onkologie.