Wo zur Gründungserzählung vieler US-Tech-Konzerne eine Garage gehört, ist es beim schwedischen IFS ein Zelt: 1983 kampierten fünf Studenten der Universität Linköping vor dem Werkstor ihres ersten Kunden. So konnten sie zwischen ihren Schichten schnell mal ein Nickerchen im Zelt halten.
Inzwischen ist IFS ein weltweit führender Anbieter von KI und Cloud-Business-Software für die Industrie und beschäftigt mehr als 7.000 Mitarbeitende. „Wir unterstützen Kunden bei geschäftskritischen Anwendungen. Wir haben keinen Spielraum für Fehler oder Halluzinationen, sonst kommen Lieferketten zum Erliegen, Flugzeuge bleiben am Boden, oder es besteht sogar Lebensgefahr“, sagt IFS-CEO Mark Moffat.
KI mit Schutzhelm statt Headset: Die industrielle KI von IFS automatisiert mithilfe der Daten von Sensoren, Maschinen und Netzwerken komplexe industrielle Prozesse. Moffat erklärt: „Unsere KI kann beispielsweise physische Abläufe, Lieferketten und Anlagen in Echtzeit koordinieren.“ Statt unproduktiver Piloten liefert IFS einsatzbereite Lösungen, die messbare Resultate bringen.
Reale Anwendungen statt Pilotphasen
Das ist keine Selbstverständlichkeit. 2025 zeigte eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology (MIT), dass 95 Prozent der Unternehmen mit KI-Investitionen keine Rendite erzielen. Ein Grund: Die Anwendungen sind nicht auf die Betriebsabläufe abgestimmt. Eben diese Betriebsabläufe in Industrieunternehmen kennt IFS seit Jahrzehnten. Für sie hat das Unternehmen eine Plattform für KI-Agenten entwickelt, die Seite an Seite mit der menschlichen Belegschaft arbeiten. Kunden haben die Wahl zwischen diversen Agenten, etwa dem Manager für Lieferantenaufträge oder dem Lagerauffüller. Und sie können eigene bauen, testen, trainieren und ausrollen.
Jährlich 90.000 Arbeitsstunden weniger
Welchen Mehrwert die digitalen Mitarbeitenden schaffen, zeigt Kodiak Gas Services. Gemeinsam mit IFS baute der Dienstleister für die Öl- und Gasindustrie einen KI-Agenten für den Materialnachschub, der dem Außendienst hilft, Ersatzteile zu identifizieren. Während ein Techniker zuvor oft mit der Ersatzteilabteilung nach dem benötigten Teil fahnden musste, weiß der KI-Agent sofort, was gebraucht wird. „Das erspart zwei Mitarbeitenden 15 Minuten Arbeitszeit. Wenn die Hälfte der Belegschaft den KI-Agenten einmal täglich nutzt, sparen wir 90.000 Stunden pro Jahr und erzielen einen Return on Investment von drei Millionen Dollar“, sagt Pedro Buhigas, Chief Information Officer von Kodiak.
Um Kunden innovative Technologien zur Verfügung zu stellen, setzt IFS auch auf Partnerschaften. Zuletzt beispielsweise zwischen IFS Nexus Black, einem unternehmenseigenen Innovationsprogramm, und Anthropic. Der Entwickler der generativen KI Claude liefert fortschrittliche, sichere KI-Modelle und die Governance-Basis. Nexus Black bringt sein Industrie-Know-how ein. In Zusammenarbeit mit Kunden entstehen so schnell einsetzbare Lösungen für sicherheitskritische Industrieprozesse.
Neun Millionen Euro gespart
Um zu verstehen, wo der Schuh drückt, verbringt das Team von Nexus Black auch mal Tage und Nächte in einem Flugzeughangar oder in einer Gin-Destillerie – ganz in der Tradition der IFS-Gründer. Das Beispiel von William Grant & Sons illustriert, wie es ganz reale Probleme löst. Der Spirituosenhersteller kämpfte in einer Destillerie an der schottischen Westküste mit erheblichen Chargenverlusten bei der Produktion. Das Nexus-Black-Team fand heraus, dass 40 Prozent der Instandhaltungsarbeiten Notfallreparaturen waren. Eine strukturierte Instandhaltung war so praktisch unmöglich. Inzwischen überwacht die KI mittels Sensoren kontinuierlich die Produktion. Sie erkennt Probleme, bevor Systeme ausfallen, und liefert eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Reparatur. Der Effekt der vorausschauenden statt reaktiven Wartung: Allein in diesem einen Werk spart William Grant & Sons pro Jahr umgerechnet mehr als neun Millionen Euro.
Digitale Mitarbeitende der physischen Art liefert IFS seinen Kunden durch die Kooperation mit Boston Dynamics. Der US-Roboterhersteller hat unter anderem den vierbeinigen „Spot“ entwickelt und den Humanoiden „Atlas“. In den Anwendungen von IFS übernehmen die Roboter beispielsweise die Inspektion von Fabrikanlagen. Dabei kommen sie auch dorthin, wo es gefährlich wird, etwa in kontaminierte oder extrem heiße Umgebungen. Bei seinen Inspektionsgängen kann der Roboter zudem Probleme erkennen, die dem menschlichen Auge oft verborgen bleiben. Wenn „Spot“ beispielsweise nicht nur einen überhitzten Motor aufspürt, sondern auch noch einen Brandschaden an einem Kabelanschluss feststellt, kann er genauere Diagnosen für die Reparatur stellen. Das erhöht die Chance, das Problem beim ersten Versuch zu beheben, außerdem lassen sich so oft sehr kostspielige Produktionsstillstände vermeiden. Der Spielraum für Fehler wird dank KI immer kleiner.
"Mit KI lässt sich die Produktivität verzehnfachen"
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Sie sagen, wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt für den Einsatz von KI in Industrieunternehmen. Warum?
Mark Moffat: Erstens: Die Technologie ist verfügbar – und zwar in einem Maße, wie sie es noch nie zuvor war. Wir bringen ganz praktische KI-Anwendungen in Industrieunternehmen mit Tausenden von vorab trainierten Workflows, die wir über Jahre hinweg für unsere Kunden entwickelt haben. KI kann physische Abläufe, Lieferketten und Anlagen in Echtzeit koordinieren. KI-Agenten ermöglichen einer Belegschaft von 300 Leuten, die Arbeit von 3.000 zu erledigen. Und zweitens gibt es jetzt noch Kapazitäten bei KI-Modellen und Dienstleistern, in zwölf Monaten wird das viel schwieriger sein. Deshalb rate ich allen, die Chance rasch zu nutzen. Dank zahlreicher Anwendungsfälle lässt sich ein schneller Mehrwert schaffen. Ob durch KI-Modelle, das Dienstleistungsökosystem oder Robotik – jetzt besteht die Möglichkeit, die Produktivität zu verzehnfachen.
In einer IFS-Studie sagten 53 Prozent der befragten Führungskräfte, noch keine KI-Strategie zu haben. Wie lässt sich KI trotzdem einsetzen?
Moffat: Sie sollten mit den Grundlagen beginnen. Am Anfang steht zum Beispiel ein Problem im Lagerbestand, im Außendienstmanagement oder in der Produktionsplanung. Zusammen mit Fachleuten aus dem Unternehmen beantworten wir die wesentlichen Fragen: Welche Herausforderungen haben wir, welche Daten, wo liegt der Engpass? Dann finden wir eine Lösung, testen diese, bringen sie zum Laufen und skalieren sie in der Wertschöpfungskette. Um die nötigen Einblicke ins Unternehmen zu bekommen, verbringen unsere Teams übrigens oft viel Zeit bei den Kunden, etwa in Flugzeughangars, in der Fertigung oder in Lagerhäusern.
Wie läuft die Integration von digitalen Mitarbeitenden in die menschliche Belegschaft?
Moffat: Die Integration ist eine klassische Aufgabe des Change-Managements, man muss die Menschen mitnehmen. Es geht schließlich um eine Neugestaltung des Geschäfts. Wie grundlegend diese ist, hängt auch von der Branche ab und davon, wie die Organisation beschaffen ist. In der High-End-Fertigung beispielsweise ist diese Neuordnung weiter fortgeschritten als in der Versorgungswirtschaft. Wir setzen heute für Versorgungsunternehmen Außendienstplanung, maschinelles Lernen und KI-Funktionen ein. Die KI kann zum Beispiel die Tourenplanung für Techniker vollständig übernehmen. Gleichzeitig sind immer noch Dispatcher-Teams daran beteiligt. Beschäftigung verändert sich: In den kommenden fünf Jahren werden 92 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, aber 170 Millionen neue geschaffen. Digitale Mitarbeitende sind eine Variante dieser Veränderung.
Inwiefern ist mangelndes Vertrauen gegenüber KI-Agenten ein Problem?
Moffat: Der Name „The Loops“ für unsere KI-Agenten-Plattform stammt daher, dass wir den Menschen im Loop, also informiert halten. Für die Unternehmen ist immer transparent, wie sie digitale Mitarbeitende verwalten, in die Produktion einbinden, beaufsichtigen und wie sie mit Ausnahmen umgehen. Was der Mensch im Loop tut, wie viel Aufsicht er hat und wo Unternehmen die Grenze ziehen, hängt von der Erfahrung, der Unternehmenskultur, der Risikobereitschaft und den Vorgaben des Gesetzgebers ab. Aber grundsätzlich glauben wir, dass es immer einen Menschen im Loop geben wird.

