Interview

KI im Gesundheitswesen: Warum mehr Technologie zu mehr Menschlichkeit führt

Ärztinnen und Ärzte verbringen einen großen Teil ihres Arbeitstags mit Dokumentation und Verwaltungsaufgaben. Künstliche Intelligenz kann das ändern. Nikolay Kolev, CEO von Doctolib Deutschland, erklärt, wie KI Praxen entlastet, Patientinnen und Patienten stärker in die Prävention einbindet und warum digitale Technologien die medizinische Versorgung am Ende menschlicher machen können.

Ein Stethoskop und ein Tablet auf einem Schreibtisch, als Symbol für das Thema KI im Gesundheitswesen

04.08.2026

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Herr Kolev, für viele klingt es im ersten Moment vielleicht widersprüchlich, aber warum führt der Einsatz von mehr KI in medizinischen Praxen am Ende zu mehr Menschlichkeit?  

Nikolay Kolev: Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Eine Ärztin sitzt ihrer Patientin gegenüber und schaut ihr in die Augen – und nicht auf den Bildschirm. Die Ärztin kann der Person vor sich ihre volle Aufmerksamkeit schenken und muss beim Gespräch nicht mitschreiben, weil der KI-Sprechstundenassistent die Dokumentation übernimmt. Die strukturierte, vollständige Zusammenfassung kann die Ärztin am Ende mit wenigen Klicks anpassen und in die Patientenakte übernehmen. Das klingt einfach, ist aber ein enormer Fortschritt.
Verwaltungsarbeit verschwendet Arztzeit. Im Schnitt dauert die Dokumentation zwei Minuten oder länger – mit dem KI-Sprechstundenassistenten nur rund 30 Sekunden. Das sind bei hohem Patientenaufkommen mehrere zurückgewonnene Stunden pro Woche – für Erklärungen, für Fürsorge. 

Womit Ärzte und Ärztinnen sich wieder mehr ihrer eigentlichen Kompetenz widmen: Der medizinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten. Aber wo wir schon beim Thema Kompetenz sind. Welche Möglichkeiten bieten diese Technologien den Patienten und Patientinnen? 

Kolev: Gesundheitserinnerungen, Behandlungspläne, Vorsorge – das funktioniert nur, wenn Menschen es auch wirklich nutzen. Und das tun sie, wenn man ihnen den Zugang so einfach wie möglich macht.
Seit Einführung der Funktion „Gesundheitserinnerungen” in der Doctolib-App im Juli letzten Jahres wurden in Deutschland 11,5 Millionen dieser Erinnerungen gelesen. Knapp drei Millionen davon haben direkt zur Buchung eines Termins oder einer Vorsorgeuntersuchung geführt – oder sie wurden von den Patientinnen und Patienten als erledigt markiert.
Was das im Einzelfall bedeutet, hat uns eine Patientin kürzlich selbst geschrieben. Bei einem Früherkennungstermin, den sie aufgrund der Gesundheitserinnerung gebucht hatte, sagte ihr Arzt: „Gut, dass Sie gekommen sind. Das wäre Darmkrebs geworden.” Ohne die Erinnerung wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich untersuchen zu lassen.
Wir möchten, dass Menschen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen können – und wir bauen die Doctolib-App als digitalen Gesundheitsbegleiter dafür stetig weiter aus. Inzwischen stehen wir im Dienst von 30 Millionen Menschen in Deutschland.

Sehen Sie darin auch ein wenig eine Verantwortung bei jedem einzelnen? Muss sich das Verständnis von „wer ist für meine Gesundheit verantwortlich“ in der Gesellschaft auch ein Stück weit ändern?

Kolev: Das Verständnis ist aus meiner Sicht absolut vorhanden. Das ist ein Stück weit auch eine Scheindiskussion. Was vielen noch fehlt, ist ein zeitgemäßer, zuverlässiger, sicherer und leicht zu bedienender Gesundheitsbegleiter – genau da setzen wir an.
Rund 75 Prozent der Erwachsenen haben laut Studien der TU München erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen – das führt laut WHO zu Mehrkosten von bis zu 24 Milliarden Euro jährlich. Das ist eine Frage des Zugangs. 
Prävention muss so unkompliziert sein wie eine digitale Reisebuchung. Wer einen Impftermin in wenigen Klicks buchen kann und rechtzeitig an die nächste Krebsfrüherkennung erinnert wird, geht wahrscheinlicher hin. Nicht, weil er oder sie disziplinierter geworden ist, sondern weil die Hürde kleiner ist. Genau daran arbeiten wir.

Einmal zurück in die Praxis, im doppelten Sinn: Ihr Unternehmen nennt hier oft die Zeitspanne von 7 Minuten, was hat es damit auf sich? 

Kolev: Sieben Minuten ist die durchschnittliche Zeit, die eine Hausärztin oder ein Hausarzt pro Patientin oder Patient in der Sprechstunde hat. Der Rest geht für Verwaltungsarbeit drauf. Das ist die traurige Realität, die es im Sinne der Versorgung zu ändern gilt.
In diesen paar Minuten soll Vertrauen entstehen, Zusammenhänge erkannt werden, eine Diagnose gestellt und ein Behandlungsplan erklärt werden. Das ist schlicht zu wenig. Unser Anspruch ist es, diese Zeit zu verlängern – durch Entlastung bei der Verwaltungsarbeit und effizientere Abläufe in der Praxis. 

Aber wie konkret wird der Praxisalltag effizienter – in Hinblick auf Zeit, aber auch Kosten? 

Kolev: Sehr konkret. Wir sprechen von bis zu 20 Stunden Zeitersparnis pro Praxis und Woche durch Digitalisierung – zehn davon allein durch KI-Assistenten. Hochgerechnet entspricht das einem Potenzial von rund 8.000 zusätzlichen Arztstellen deutschlandweit. Bei dem herrschenden Fachkräftemangel ist das keine abstrakte Zahl. Diese Zeit kann in mehr Patientenkontakte und eine bessere Versorgung fließen.
Drei von vier Anrufen in einer Praxis bleiben heute unbeantwortet. Unser KI-Telefonassistent beantwortet Anfragen rund um die Uhr – und entlastet das Praxisteam um bis zu 25 Stunden im Monat.

Wie schätzen Sie Deutschland hier gerade auch im internationalen Vergleich ein? 

Kolev: Deutschland gibt mehr Geld für Gesundheit aus als fast jedes andere Land der Welt. Über 538 Milliarden Euro im Jahr. Und trotzdem liegt die Lebenserwartung hierzulande sogar knapp unter dem europäischen Durchschnitt. Frauen werden hier laut Statistik 83,5 Jahre alt, Männer nur 78,9.
Ein Problem ist, dass zu wenig Ressourcen noch nicht da eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung entfalten: in Prävention, Früherkennung und Technologien, die ärztliche Zeit für die medizinische Versorgung freisetzen und Patienten die Möglichkeit geben, sich aktiv um ihre Gesundheit zu kümmern.
Deutschland hat alles, um bei Gesundheitstechnologie an die Weltspitze zu kommen. Die Infrastruktur, das Fachwissen, die industrielle Stärke. Was noch fehlt, ist Tempo. Aber da kommen wir jetzt hin.

Welche Voraussetzungen müssten Ihrer Meinung nach geschaffen werden, um im deutschen Gesundheitswesen noch mehr rauszuholen?

Kolev: Drei Dinge, ganz konkret: Erstens: Entbürokratisierung. Ärztinnen und Ärzte müssen wieder mehr Zeit für Patientinnen und Patienten haben. Das gelingt durch strukturelle Veränderungen und den gezielten Einsatz von KI und sicherer Technologie.
Zweitens: Verlässliche Rahmenbedingungen, die Innovationen fördern. Wer als Praxis, als Krankenhaus oder als Unternehmen in digitale Infrastruktur investiert, braucht Planungssicherheit. Hierzu gehört auch eine europaweite Harmonisierung. 
Drittens: Prävention muss Priorität werden. Gesundheitskompetenz stärken, Erinnerungssysteme ausbauen – und Gesundheitsdaten verantwortungsvoll nutzen, um Früherkennung zu verbessern. Die Möglichkeit haben wir. Jetzt müssen wir sie auch nutzen.

Und nun vielleicht nicht ganz so weit nach vorne geschaut, sondern eher zeitnah: Was wird die nächste technologische Veränderung, die in gut einem Jahr Usus im Praxisalltag sein wird? Und wie sieht diese aus?

Kolev: KI-Assistenten, die Gesundheitsfachkräfte durch den Praxisalltag begleiten – die relevante Patientendaten auf einen Blick zusammenfassen, auf mögliche klinische Auffälligkeiten hinweisen, Abrechnungsfehler verhindern und Routinen automatisieren. 
Unser Ziel ist ein Doctolib-Assistent, der bei allen Abläufen in der Praxis hilft. Er ist per Sprache oder Text bedienbar, für den medizinischen Betrieb trainiert und klinisch validiert. Die Ärztin oder der Arzt hat dabei immer die letzte Kontrolle.
Daten allein verändern nichts. Entscheidend ist, wie verantwortungsvoll sie eingesetzt werden. In unserem KI-Forschungslabor arbeiten wir gemeinsam mit europäischen Institutionen und medizinischen Fachgesellschaften daran, Modelle zu entwickeln, die auf medizinische Präzision und Patientensicherheit trainiert sind und die Prozesse in Praxen und Krankenhäusern optimieren. Kein Algorithmus kommt zum Einsatz, bevor er wissenschaftlich überprüft wurde. Es geht darum, den Verwaltungsaufwand auf ein Minimum zu reduzieren. Zudem sollen bessere klinische Entscheidungen ermöglicht werden, da die KI Zusammenhänge in Patientendaten erkennt, die ein Mensch allein nicht überblicken kann.
Europa hat dafür alle Voraussetzungen: wissenschaftliche Exzellenz, starke Datenschutzstandards und medizinische Kompetenz. Wenn wir diese konsequent nutzen, können wir die Versorgung von Millionen Menschen messbar verbessern. 

 

Porträtfoto von Nikolay Kolev

Nikolay Kolev

ist CEO von Doctolib Deutschland und Mitglied des Global Executive Committee. Im Laufe seiner Karriere sammelte er Expertise in der digitalen Transformation, dem Aufbau und der Skalierung digitaler Unternehmen und dem Management von schnell wachsenden Organisationen. Als Unternehmer, Manager und Investor hat er erfolgreich Unternehmen aufgebaut, skaliert und veräußert.