Medizin

Frauen im Gesundheitswesen: Die unsichtbaren Lebensretterinnen

Kümmern, Pflegen und Helfen sind strukturell meist bei Frauen angesiedelt. Leiten, Entscheiden und Forschen oft eher bei Männern. Das spiegelt sich besonders im Gesundheitswesen wider. Ein Award will darauf aufmerksam machen.

Mehrere Frauen im Gesundheitswesen, die weiße Kittel tragen, wodurch ihr Beruf auf diesem Bild deutlich wird

09.02.2026

Starten wir mit ein paar Zahlen: Fast jede zweite ärztlich tätige Person in Deutschland ist eine Frau. Auf Assistenzebene liegt der Frauenanteil sogar bei über 60 Prozent. Und in der Pflege stellen Frauen mit mehr als 80 Prozent sogar den Großteil der Beschäftigten. Doch je höher die Hierarchie, desto seltener kommen sie vor: In Leitungsfunktionen von Kliniken sinkt ihr Anteil auf unter 20 Prozent, in Forschung und Entwicklung liegt er bei rund 18 Prozent, in der wirtschaftsnahen Gesundheitsforschung sogar bei nur 15,6 Prozent. Und selbst im an sich recht fortschrittlichen HealthTech und MedTech bleiben Frauen in Führungsrollen die Ausnahme.

Die Gesundheitsbranche ist weiblich. Zumindest an der Basis. In den Entscheidungszentren dominiert weiterhin das männliche Prinzip. „80 Prozent Frauen, 20 Prozent Führung“, fasst Dr. Ulrike C. Straßer etwas spitz zusammen. „Das Gesundheitswesen ist historisch männlich geführt. Care-Arbeit und Macht sind hier stärker getrennt als in vielen anderen Branchen.“ Diese Schieflage ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelang gewachsener Strukturen: Karrierepfade, die auf permanente Verfügbarkeit setzen. Vergütungssysteme, die Verantwortung höher bewerten als Versorgung. Netzwerke, die sich selbst reproduzieren. Und ein Leistungsverständnis, das Teilzeit und Fürsorge systematisch benachteiligt.

Sichtbarkeit als Hebel

Um diese Mechanismen aufzubrechen, hat Straßer gemeinsam mit Prof. Dr. Sabine Keim als Botschafterin den Award #Womeninhealth gestartet. Seit November 2025 können Fachkräfte aus Medizin, Pflege, Forschung, HealthTech, Medizintechnik, Politik und Community-Arbeit nominiert werden. Die Kampagne läuft bis Frühjahr 2026, mit Community-Voting, Jury-Entscheid und öffentlicher Sichtbarkeit der Gewinnerinnen.

Unterstützt wird das Projekt unter anderem von Intuitive, Philips, Bayer, der Deutschen Bank und dem Berufsverband der Chirurginnen. Bereits in den ersten Wochen wurden über 500 Frauen nominiert. Ziel sind rund 1.000 Teilnehmerinnen. Das Projekt ist eng verknüpft mit Straßers Plattform #Onemillion­women!, die branchenübergreifend bereits mehr als 20.000 Frauen via LinkedIn sichtbar gemacht und Millionen Reichweite erzielt hat.

Zum Selbstlob gezwungen

Das Herzstück des Konzepts ist einfach – und wirkungsvoll: Frauen bewerben sich nicht selbst. Sie werden vorgeschlagen. „Wenn andere dich nominieren, fällt die Bescheidenheit, besonders falsche, weg“, sagt Straßer. „Viele Frauen tun sich schwer mit Selbstlob. Aber Anerkennung von außen wirkt.“ Überrascht hat sie vor allem die hohe Beteiligung von Ärztinnen. Trotz OP-Alltag und Praxisbetrieb sind viele von ihnen auf LinkedIn präsent. „Früh um sieben im OP, abends um sieben zu Hause – und trotzdem sichtbar“, sagt sie. Noch unterrepräsentiert seien leider Mitarbeitende aus der Pflege. Für 2026 plant die Initiative deshalb zusätzliche öffentlich zugängliche Plattformen jenseits sozialer Netzwerke.

Vom Zweifel zur Systemfrage

Ulrike C. Straßer ist keine klassische Aktivistin. Die studierte Betriebswirtin und Transformationsexpertin war lange skeptisch gegenüber Förderprogrammen für Frauen. „Ich wollte nie als Frau gefördert werden“, sagt sie. „Meine drei Töchter haben meinen Blick verändert.“ Mit #Onemillion­women! begann sie, sich intensiver mit struktureller Unsichtbarkeit auseinanderzusetzen. Schnell wurde klar: Besonders groß ist der Hebel in Branchen wie Gesundheit, Handwerk oder Sport, weil Machtstrukturen dort besonders ­stabil sind.

Im Gesundheitswesen verstärken sich mehrere Faktoren: historische Männernetzwerke, Schicht­logiken, Teilzeitfallen, der Gender-Pay-Gap. Pflege- und Versorgungsberufe sind systematisch unterbezahlt, Führungsrollen fast immer an Vollzeitpräsenz gekoppelt. Straßer betont: „Wir wollen nicht die Frauen reparieren, sondern das System.“ Nach zwei Jahren Netzwerkarbeit sieht sie erste Effekte. Einzelne Vorreiterinnen stoßen Veränderungen an, neue Allianzen entstehen, gegenseitige Unterstützung wächst.

„Unsere Community-Sessions vibrieren“, so Straßer. „Mit einem starken Netzwerk im Rücken fühlen sich Frauen selbstverständlich sicherer – genau wie alle anderen.“ Für Straßer ist das Engagement auch ein persönlicher Lernprozess: „Die Arbeit mit Hunderten Nominierten hat dazu geführt, dass ich großzügiger bin. Kooperation statt Vergleich!“

Wenn der Standard männlich ist

Besonders kritisch sieht Straßer den sogenannten Gender-AI-Gap im Gesundheitswesen. Medizinische Daten, Studien und KI-Modelle basieren bis heute überwiegend auf männlichen Normwerten. „Eine Frau gilt oft als Abweichung, nicht als Standard“, sagt Straßer. Die Folgen sind gravierend: Herzinfarkte bei Frauen werden häufiger übersehen, Medikamente unzureichend getestet, Medizingeräte auf männliche Körpermaße ausgelegt.

Gleichzeitig fehlen weibliche Entwicklerinnen, Data-Scientists und Ethik-Expertinnen, um Verzerrungen frühzeitig zu erkennen. „Wenn wir Frauen nicht konsequent in Studien, Panels und Entwicklungsprozesse integrieren, reproduzieren wir diese Fehler“, so Straßer. „Wir müssen die weibliche Perspektive integrieren.“ Und damit wird Sichtbarkeit in einer Branche zur Sicherheitsfrage für die ganze Gesellschaft.

Frauen im Gesundheitswesen: Wandel statt Symbolpolitik

Für Straßer liegt der größte Gegner nicht nur in äußeren Strukturen, sondern auch in verinnerlichten Mustern: „Wir sind Kinder dieses Systems. Wir empfinden Ungleichheit oft noch als normal.“ Deshalb setzt #Womeninhealth nicht auf kurzfristige Kampagnen, sondern auf nachhaltige Netzwerkeffekte. Ziel ist eine Gesundheitsbranche, in der weibliche Perspektiven selbstverständlich in Forschung, Führung und Technologieentwicklung einfließen.

Mehr Frauen in Entscheidungspositionen bedeuten mehr Vielfalt in Daten, Designs und Prioritäten – und damit bessere Versorgung für alle. Gleichzeitig beobachtet Straßer eine ernüchternde Entwicklung im gesellschaftlichen Klima. Die Bereitschaft vieler Unternehmen, sich sichtbar mit Gleichstellung auseinanderzusetzen, nehme wieder ab. „Wir waren eine Zeit lang auf dem Weg zu so etwas wie Womenwashing, was natürlich auch nicht unkritisch ist“, sagt sie. „Aber im Moment schmückt sich kaum noch jemand mit dem Thema. Dafür ist der Gegenwind zu groß geworden.“

Aus ihrer Sicht ist das kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Denn wo Aufmerksamkeit verschwindet, verschwinden auch Ressourcen, Budgets und Verantwortung. „Gerade deshalb geht es jetzt um Wirkung“, so Straßer. „Nicht um Symbolik.“ Für Straßer ist der #Womeninhealth-Award erst der Anfang. „Sichtbarkeit von Frauen ist ein langfristiger Hebel, um eine Branche zu verändern, die das Innovationspotenzial und die Leistungsfähigkeit von Frauen bisher nicht nutzt.“

Porträt von Dr. Ulrike C. Straßer

Dr. Ulrike C. Straßer

ist Initiatorin von #Onemillionwomen! und fördert die Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft