Gastbeitrag

Künstliche Intelligenz

Warum wir KI bald mandatieren statt prompten

Viele Unternehmerinnen und Unternehmer nutzen das Potenzial von KI noch nicht, ist Christian Steiger überzeugt. Damit die Technologie Führungskräfte wirksam unterstützt, braucht sie mehr Freiraum, aber auch klare Freigabegrenzen, erklärt der Lexware-Chef in seinem Gastbeitrag.

Illustration: Ein Roboter, der umgeben von Kabeln ist, als Symbol für KI im Unternehmen

19.02.2026

Künstliche Intelligenz soll Unternehmerinnen und Unternehmer entlasten. In vielen Unternehmen passiert jedoch das Gegenteil: Wir füttern Tools mit Prompts, prüfen Ergebnisse und schieben sie durch den nächsten Prozess. Das ist nützlich, aber es bleibt Stückwerk. Ich glaube, der nächste Schritt heißt Mandatieren statt Prompten. Mandatieren bedeutet: Ich beschreibe ein Ziel, einen Rahmen und messbare Leitplanken, und die KI arbeitet in diesem Rahmen eigenständig auf das Ergebnis hin. Nicht als besserer Textgenerator, sondern als System, das Kontext versteht, Optionen abwägt, Entscheidungen vorbereitet und Vorschläge konsequent nachverfolgt. Ich nenne diese Rolle KI-Co-CEO.

Seit dem Durchbruch generativer Modelle 2022 ist klar, wie viel Wissen sich in Sekunden verfügbar machen lässt. Gleichzeitig zeigt sich die Grenze: Ein promptbasiertes System wartet, bis jemand es bedient. Eine KI-Co-CEO denkt in Outcomes. Sie sorgt nicht dafür, dass eine Mahnung geschrieben wird, sondern dafür, dass Liquidität planbar wird. Sie optimiert nicht einzelne Aufgaben, sondern das Zusammenspiel aus Entscheidungen, Prozessen und Daten.

Das Lena-Prinzip

Ich nenne dies das „Lena-Prinzip“: eine KI, die nicht ersetzt, sondern erweitert. Sie teilt Verantwortung, indem sie Muster erkennt, priorisiert, Szenarien simuliert und Empfehlungen transparent begründet. Die Richtung bleibt menschlich gesetzt. Die KI hilft, den besten Weg dorthin zu finden. Weltweit entstehen bereits Agenten-Umgebungen, in denen KI-Rollen len übernimmt. In China simuliert die Tsinghua University ein komplettes Krankenhaus, das ausschließlich von KI-Agenten geführt wird – von der Aufnahme bis zur Diagnose. An der Stanford University reichte eine KI ein wissenschaftliches Paper ein, das es bis in den Peer-Review schaffte – komplett ohne menschliche Autorenschaft. Und an den globalen Finanzmärkten handeln autonome Systeme seit Jahren Milliardenbeträge in Nanosekunden. Sie treffen Anlageentscheidungen, optimieren Portfolios und reagieren auf Marktveränderungen schneller, als Menschen es je könnten. All diese Beispiele spiegeln das Lena-Prinzip wider. Die KI übernimmt Rollen, von der Co-Ärztin über die Co-Wissenschaftlerin bis hin zur Co-Traderin.

Was das für den Mittelstand bedeutet

Viele deutsche Unternehmen kämpfen nicht mit fehlendem Willen, sondern mit fehlender Kapazität: zu viele Entscheidungen, zu wenig Zeit, zu wenig Menschen, zu viele Ausnahmen. Eine mandatierte KI kann hier helfen, weil sie nicht nur schneller tippt, sondern Komplexität reduziert. Sie kann Prioritäten sichtbar machen, Abhängigkeiten zwischen Bereichen erkennen, Risiken früh melden und Entscheidungsvorlagen so aufbereiten, dass Führung wieder Führung ist.

Drei Schritte zur Mandatsfähigkeit:

  1. Über Ziele führen
    Formuliere Ziele klar, messbar und priorisiert. Umsatz ist ein Ziel. „Fünf Präsentationen erstellen“ ist eine Aufgabe. Agentische KI braucht Ziele, keine To-do-Listen.
  2. Digitale Transparent schaffen
    Eine KI kann nur dort verlässlich priorisieren, wo Daten fließen. Wer heute in Insellösungen arbeitet, bekommt auch morgen nur Inseloptimierung. Saubere Stammdaten, eindeutige Verantwortlichkeiten und nachvollziehbare Kennzahlen sind die Grundlage.
  3. Prozess vernetzen
    Mandatierte KI braucht End-to-End-Prozesse, die digital abbildbar sind: vom Angebot über Rechnung und Zahlung bis Support und Retention. Erst dann kann sie Wirkungen erkennen, Entscheidungen begründen und Verbesserungen vorschlagen.

Vom Experiment zur Verantwortung

Je mehr Handlungsspielraum wir KI geben, desto wichtiger werden Governance und Vertrauen. Mandatieren heißt auch: Rollen klären, Freigabegrenzen definieren, Auditierbarkeit sicherstellen und die Verantwortung im Unternehmen eindeutig verankern. Die KI kann vorschlagen und ausführen, aber nicht die Haftung tragen.

Ich wünsche mir, dass Unternehmerinnen und Unternehmer in ein paar Jahren sagen können: Ich habe eine KI-Co-CEO an meiner Seite. Nicht als Marketingversprechen, sondern als verlässliche Partnerin, die Komplexität senkt, Risiken sichtbar macht und Zeit für echte Führung schafft.

Portrait, Christian Steiger

Christian Steiger

Der Geschäftsführer des Finanz- und Buchhaltungssoftware-Spezialisten Lexware ist überzeugt, dass Technologie nur dann echten Mehrwert schafft, wenn sie konkreten Kundenbedürfnissen begegnet