Seit 1852 druckt Giesecke+Devrient (G+D) Banknoten. Heute ist G+D ein führender Anbieter von Währungstechnologien und als globales SecurityTech-Unternehmen in zwei weiteren Bereichen aktiv: Mit Finanzplattformen stellt es etwa Anwendungen für den digitalen Zahlungsverkehr und Bezahlkarten zur Verfügung. Im Bereich digitale Sicherheit hat G+D beispielsweise eSIM und hochsichere IT-Lösungen für Behörden im Portfolio. Das Familienunternehmen beschäftigt weltweit mehr als 14.000 Mitarbeitende und setzte 2024 rund drei Milliarden Euro um. Wachstum generiert es auch durch eine gezielte M&A-Strategie. Zuletzt akquirierte G+D im Dezember 2025 die Payments- und Bankingservices des Bank-Verlags.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Wie hat sich die Rolle des CFO in den vergangenen Jahren verändert?
Jan Thyen: Der CFO ist vom Zahlenverwalter zum Zahlengestalter geworden. Früher ging es vor allem darum, die Zahlen zusammenzuhalten, auf Risiko und Exposure zu achten. Es war eher eine Kontroll- und eine Reportingfunktion im Nachgang. Zudem war man oft ein Gatekeeper: Am Ende einer Entscheidung sollte der CFO Ja oder Nein sagen. Ein moderner Finanzbereich ist in die Entscheidungsherleitung eingebunden. Es geht darum, Strategie, Ressourcenallokation und Geschäftsmodelle mitzugestalten. Wir können beispielsweise sagen: Wenn wir folgende Stellhebel adressieren, erzielen wir womöglich 110 Millionen Umsatz statt 100 Millionen und machen zwölf Millionen Gewinn statt zehn Millionen. Der Wandel weg vom Ex-post-Reporting hin zur Ex-ante-Steuerung ist der größte Mindset- und Bedeutungswandel.
Wie gehen Sie bei Ihren Prognosen vor?
Thyen: Seit zwei, drei Jahren schauen wir – ähnlich wie es Vertrieb, Produktion und Einkauf schon länger tun – mithilfe unseres Corporate-Performance-Management-Systems monatlich rollierend nach vorn. Gemeinsam mit anderen Funktionen besprechen wir die rollierenden operativen Themen, um sie in Zahlen, Umsatz, ein Ergebnis und einen Cashflow-Forecast zu übersetzen. Wenn der Vertrieb beispielsweise zur Produktion sagt, in fünf Monaten habe ich leider keine Aufträge für dich, ich habe erst in sieben Monaten wieder etwas, dann überlegt Finance zusammen mit der Fabrikleitung, wie wir reagieren können. Lassen sich beispielsweise Überstunden abbauen oder die Maschinen warten?
Sie sind als CFO auch in M&A-Aktivitäten eingebunden. Welche Strategie verfolgen Sie hier?
Thyen: Wir versuchen, zwei bis drei Prozentpunkte Umsatz pro Jahr dazuzukaufen, über drei bis fünf mittelgroße Transaktionen, bei denen wir Kaufpreise von 30 Millionen bis maximal 100 Millionen Euro einsetzen. Zwar ist der Integrationsaufwand dadurch höher. Aber dafür können wir das Risiko besser managen als bei einer einzigen großen Transaktion, und wir können gleichzeitig in verschiedenen Divisionen wachsen. Geeignete Übernahmekandidaten finden wir auch mit KI-basierten Tools, die uns eine Medium Long List an möglichen Zielunternehmen liefern. Gerade für kleinere Firmen ist unser Zugang zu neuen Märkten oder Technologien attraktiv, und unsere gute Reputation hilft uns auch.
Wo setzen Sie sonst noch KI ein?
Thyen: Wir wollen KI institutionalisieren und haben daher einen AI-Hub für das gesamte Unternehmen gegründet. Er sitzt in Kanada. Die Mitarbeitenden wählen die Tools aus sowie die Use-Cases, und sie haben die Hoheit über die Governance. Wir haben uns ein klares Ziel gesetzt: Wir wollen eine Performanceverbesserung von zehn Millionen Euro pro Jahr erzielen. Und wir wollen unser Angebot auch für Kunden um dedizierte KI-Funktionalitäten ausbauen. Ab dem nächsten Jahr wollen wir mindestens 20 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz jährlich generieren, rein mit KI-Funktionalitäten.
Haben Sie ein KI-Lieblingstool oder -projekt?
Thyen: Ja, mit unserem Data Lake schaffen wir momentan die Voraussetzung für den Einsatz von analytischer KI im gesamten Unternehmen. Der Data Lake speichert große Mengen unterschiedlichster Daten. Bei uns wird er beispielsweise aus den 125 Landesgesellschaften und den verschiedenen Funktionen wie Finance, HR, Einkauf, Vertrieb und Qualitätssicherung gespeist. Im Finanzbereich sind das vor allem Zahlen in Euro, im Einkauf sind es vielleicht Stückzahlen für Halbleiter und bei HR zum Beispiel Jobprofile. Im Data-Lake werden all diese unterschiedlichen Daten mit einander vergleichbar gemacht, damit alle Funktionen ihre lokalen Quelldaten einheitlich verwenden und übersetzen können. So schaffen wir die Grundlage für den Einsatz einer analytischen KI, mit der wir aus den Daten Erkenntnisse gewinnen können.
Wann geht der Data Lake an den Start?
Thyen: Technologisch werden wir die verschiedenen Tools – etwa ERP- oder CRM-Systeme – mit einer Schnittstelle an den zentralen Data Lake schon sehr bald angebunden haben. Anschließend müssen die verschiedenen Abteilungen ihre unterschiedlichen lokalen Daten einspeisen. Auf dieser Grundlage können dann zentrale Funktionen wie Vertrieb, Einkauf und Finance das Unternehmen datenbasiert steuern. Bis es so weit ist, dauert es noch zwei, drei Jahre. Aber dann können wir eine Analytic AI darauf ansetzen. Das wird total spannend.

