DUP UNTERNEHMER-Magazin: Bayern tritt beim Thema Digitalisierung ziemlich selbstbewusst auf. Warum?
Fabian Mehring: Ein gesundes Selbstbewusstsein ist ja grundsätzlich keine Kategorie, an der es der Bayerischen Staatsregierung mangelt (lacht). Wenn es um digitale Zukunftstechnologien geht, stehen dahinter aber auch harte Fakten. Wir haben eine klare Mission: Bayern soll Deutschlands Heimat für Hightech werden. In diese Vision haben wir inzwischen über fünf Milliarden Euro investiert: in Zukunftstechnologien, Professuren, Studienplätze, KI-Kompetenz, Risikokapital und Programme für den Mittelstand. Wort und Tat passen auf diesem Feld also zusammen. Und unser Plan geht auf: München ist mittlerweile das digitale Powerhouse der Republik, und Bayern wird global als Premium- Tech-Standort im Herzen von Europa wahrgenommen. Früher ballten sich die Europazentralen der internationalen Champions in London, Paris oder Berlin. Heute kommen OpenAI, Anthropic oder Nvidia zu uns nach München, Microsoft, Apple, AWS und Google investieren Milliarden Euro an der Isar. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis unserer zielgerichteten Digitalpolitik.
Viele Mittelständler fragen sich: Ist KI wirklich so groß oder nur der nächste Hype?
Mehring: KI ist kein Buzzword für Sonntagsreden, sondern nicht weniger als die große industrielle Revolution unserer Zeit. Wir sprechen über einen disrup tiven Technologiesprung, der die Welt verändern wird – wie die Erfindung von Dampfmaschine oder Elektrizität. Für den Mittelstand heißt das: Es reicht nicht, staunend von der Seitenlinie zuzusehen, wie Player aus den USA und Asien den Wohlstand der Zukunft unter sich verteilen. Deutschland verzeichnet hohe Löhne, hohe Energiepreise, eine schwindelerregende Demografie und hat kaum natürliche Ressourcen. Unsere einzige Chance liegt in Innovation und neuen Technologien. Wir müssen innovativer und kreativer als unsere Mitbewerber sein – dafür brauchen wir neue Technologien wie Künstliche Intelligenz.
Sie sehen KI also nicht als Bedrohung, sondern als Standortstrategie?
Mehring: Ganz genau. In den nächsten zehn Jahren verabschieden sich hierzulande 15 Millionen Babyboomer in den Ruhestand. Uns gehen schlicht die Köpfe aus. Deshalb muss in Deutschland wahrlich niemand Angst haben, dass KI Jobs wegnimmt. Stattdessen sollten wir alles daransetzen, dass KI und Co. schnell genug wirken, um Wirtschaft und Verwaltung überhaupt noch funktionsfähig zu halten. Wenn wir Vollgas geben und digitalisieren sowie automatisieren, was das Zeug hält, kann KI unser Wohlstandsretter werden. Wenn wir stattdessen weiter zaghaft abwarten, wird sie unser volkswirtschaftlicher Untergang.
Trotzdem ist die Stimmung im Land schlecht, Deutschland wirkt oft wie ein Absteiger, oder?
Mehring: Natürlich gibt es multiple Krisen: Krieg in Europa, geopolitische Spannungen, Wirtschaftsschwäche, Vertrauensverlust gegenüber dem Staat. Das will ich nicht kleinreden. Trotzdem spüre ich eine gefähr liche Diskrepanz zwischen unserer Selbst- und der Fremdwahrnehmung. Wenn ich auf der internationalen Bühne sage, ich bin ein Minister aus Deutschland, leuchten meist die Augen. Die Leute denken dann an Wohlstand, Lebensqualität, Frieden, Sicherheit und Freiheit. Hierzulande lassen zeitgleich zu viele Menschen die Köpfe hängen und reden sich in eine Dauerdepression. Das ist ein erheblicher Teil unseres Pro blems. Wenn wir wieder Wirtschaftswunder wollen, brauchen wir auch wieder Wirtschaftswunder-Mentalität. Wir brauchen weniger Wutbürger und mehr Mutbürger. Wir müssen endlich wieder weniger jammern und mehr anpacken.
Die Antwort vieler Politiker lautet: mehr arbeiten. Reicht das?
Mehring: Das springt mir zu kurz. Natürlich brauchen wir Leistungsbereitschaft. Die Lösung heißt aber nicht: eine Stunde mehr das Gleiche tun wie bislang. Das ist ein Rezept aus den 1990er-Jahren. Im 21. Jahrhundert müssen wir stattdessen klüger arbeiten. Dank KI, Automatisierung und moderner Technologie können wir in vielen Sektoren in der halben Zeit doppelt so produktiv sein. Das ist die eigentliche Aufgabe: nicht einfach mehr arbeiten, sondern smarter und besser arbeiten.
Hat die Politik verstanden, was gerade passiert?
Mehring: Für mich noch nicht ausreichend. Aber das gilt nicht nur für die Politik. Es gilt auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Wir haben es uns in Europa zu gemütlich in unserer klassisch-industriellen Komfortzone gemacht. Heute explodiert die Digitalwirtschaft, während viele traditionelle Wirtschaftszweige stagnieren oder schrumpfen. Gleichzeitig investieren US-Tech-Konzerne inzwischen jährlich Summen in Zukunftstechnologien, die den gesamten Bundeshaushalt in den Schatten stellen. Wir müssen also dringend aus unserem digitalen Dornröschenschlaf aufwachen – sonst verlieren wir zuerst Wohlstand, dann Souveränität und schließlich auch Freiheit und politische Stabilität.
Bei großen Sprachmodellen scheint der Zug abgefahren. Wo kann Europa überhaupt noch gewinnen?
Mehring: Wir sollten tatsächlich aufhören, immer nur den Zügen hinterherzurennen, die den Bahnhof schon verlassen haben. Stattdessen gilt es, Alleinstellungsmerkmale auf den Märkten der Zukunft zu entwickeln. Wir sind beispielsweise gut in Ingenieurtechnik, Automatisierung oder Maschinenbau. Vielleicht braucht die Welt also kein weiteres großes Sprachmodell von uns, sondern ein spezifisches Industriedatenmodell? Statt die Ideen anderer nachzubauen, gilt es, eigene Weltmarktführerschaften im KI-Zeitalter zu begründen und darüber auch Gegenabhängigkeiten zu schaffen.
Viele Menschen haben Angst vor der KI-Lawine. Ist diese Angst berechtigt?
Mehring: Wie gesagt: In Deutschland sollten wir eher hoffen, dass die Lawine schnell genug kommt. Das klingt provokant, stimmt aber mit Blick auf unsere Demografie. Wenn Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, brauchen wir dringend hocheffiziente Technologie, um diese Lücke zu schließen. Die KI wird dabei die wenigsten Berufsbilder ersetzen, aber fast alle verändern. Zum Beispiel werden Juristen sicher nicht gänzlich durch KI ersetzt. Bestimmt werden aber Anwälte, die KI nutzen, über die Zeit ihre Kollegen verdrängen, die keine KI nutzen.
Wie groß ist für Sie die Gefahr durch Deepfakes und Desinformation im Zuge der KI-Revolution?
Mehring: Die gezielte Manipulation der öffentlichen Meinungsbildung im Netz gehört für mich zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Immer mehr Kommunikation und Information verlagert sich ins Digitale. Zeitgleich haben wir es verpasst, dort in der gleichen Geschwindigkeit die Spielregeln von Demokratie und Rechtsstaat zu etablieren. In diese Lücke stoßen nun allerlei Geschäftemacher per Deepfakes und Desinformation. Diesem Missbrauch von Technologie mithilfe von Technologie das Handwerk zu legen ist eine ebenso große wie unschätzbar wichtige Aufgabe, wenn unsere Demokratie im KI-Zeitalter funktionieren soll.
