Die Debatte rund um Nachhaltigkeit verläuft für Professor Kai Andrejewski in die falsche Richtung. Der KPMG-Experte erklärt, welchen Denkfehler viele Menschen in Sachen Nachhaltigkeit machen und warum ein Wandel dringend notwendig ist. Dieser, so resümiert der Wissenschaftler, mache auch vor seinem Geschäftsfeld nicht halt.
Nachhaltigkeitsdebatte
KPMG-Experte Kai Andrejewski: „Neues, freies Denken nötig“
Die Nachhaltigkeitsdebatte werde eindimensional geführt, Tesla sei nicht „grün“, es fehle an Unternehmergeist: KPMG-Experte Kai Andrejewski vertritt provokante Thesen.

05.05.2021

Kai Andrejewski
ist Regionalvorstand Süd bei der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Der Betriebswirt und Steuerberater ist seit 2002 im Unternehmen. Zudem lehrt er als Professor BWL an der Privaten Hochschule Göttingen
Funktioniert Nachhaltigkeit nur in Verbindung mit Innovationsdenken?
Kai Andrejewski: Nachhaltigkeit und Innovation bedingen einander und sind nicht isoliert voneinander zu betrachten. Ein Denkfehler in dieser Debatte wird aber beim Thema Klimawandel – der nur einen Aspekt der Nachhaltigkeit abdeckt – deutlich. Wir orientieren uns an einem Endziel, in dem Fall der Zwei-Prozent-Marke. Doch das ist völliger Quatsch, das ist viel zu kurz gedacht. Denn das Thema wird auch darüber hinaus noch mehrere Generationen beschäftigen. Mit punktuellem Verzicht auf Ressourcen und ein bisschen Innovation werden wir diese komplexe Herausforderung nicht in den Griff bekommen. Für einen nachhaltigen und innovativen Wandel benötigen wir ein neues Zeitalter der Aufklärung, also ein neues, freies Denken. Entscheidend ist, dass wir die Probleme ganzheitlich denken und kontinuierlich an entsprechenden Lösungsansätzen arbeiten.
Was bedeuten die Entwicklungen rund um Nachhaltigkeit für Unternehmen an den Kapitalmärkten?
Andrejewski: Die EU definiert die Bedingungen dafür, was nachhaltig ist, über eine Taxonomie. Mittels dieser Methode der ökologischen Gesamtkostenrechnung erhalten Unternehmen eine Bewertung, wie grün sie sind. Dieses Vorgehen kann allerdings auch in die falsche Richtung gehen. Tesla zum Beispiel hat eine grüne Konnotation, hält aber im Geldbestand Millionen von Bitcoins, die wegen der energiefressenden Erzeugung nicht nachhaltig sind. Derartige Umweltverschmutzungen müssen sanktioniert und konkrete Normen etabliert werden. Um das voranzutreiben, muss sich aber die Grundeinstellung verändern.
Inwieweit müssen Unternehmer umdenken?
Andrejewski: Viele Unternehmen sprechen nur davon, ihre Produktion klimaneutral zu gestalten, nicht aber davon, ob ihre Produkte diesen Standard erfüllen. Ein Elektroauto wirkt auf den ersten Blick besser als ein Auto mit Benzinmotor, wenn man den reinen Effekt betrachtet. Doch wir sollten diese Dinge nur als Übergangslösung betrachten und darauf hinarbeiten, dass der gesamte Produktions- und Vertriebszyklus ohne CO2-Ausstoß auskommt. Ständige Innovation ist der unumstößliche Weg, doch er bedarf differenzierter Betrachtungen und Unternehmergeist. Den vermisse ich in Deutschland zurzeit leider ein wenig.
Was muss sich verändern, damit Deutschland ein Land der Innovation und Nachhaltigkeit wird?
Andrejewski: Unsere Aufgabe wird sein, keine besseren, sondern andere Geschäftsmodelle zu entwickeln. Nur so werden wir die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können. Davon nehme ich mich selbst und das Geschäftsfeld, in dem ich arbeite, nicht aus. Die Digitalisierung wird uns obsolet machen, sodass wir eine Lösung benötigen, wie wir eine alternative Beratungsleistung schaffen können.
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