DUP UNTERNEHMER-Magazin: Weshalb rückt Google Cloud den Mittelstand gerade jetzt in den Mittelpunkt seiner Strategie?
Philipp Knössel: Wir betreuen den deutschen Mittelstand seit über sieben Jahren intensiv mit einem Team, das im Land sitzt und sich um die Kunden vor Ort kümmert. Durch generative KI steht der Zugang zu High-End-Infrastruktur mittlerweile auch dem Mittelstand offen. Wir unterstützen mittelständische Unternehmen dabei, globale Marktführer zu bleiben, ohne dass sie riesige IT-Abteilungen aufbauen müssen. Ein Beispiel dafür ist die Messer SE. Als weltweit größtes familiengeführtes Industriegase-Unternehmen verlagert Messer seine europäischen Rechenzentren zu Google Cloud, um Anwendungen zu modernisieren und die Basis für die KI-Transformation zu legen.
Der deutsche Maschinenbau lebt von herausragender Ingenieurskunst. Dieses Wissen steckt oft in Millionen von PDF-Handbüchern, Konstruktionsplänen, alten Fehlerprotokollen und den Köpfen der Mitarbeitenden. Droht hier nicht – bedingt durch den demografischen Wandel – ein massiver Wissensverlust?
Knössel: Ja, das ist richtig. Durch den Einsatz von KI kann dem aber bedeutend entgegengewirkt werden. Etwa durch einen intelligenten KI-Agenten, der Unternehmensinformationen in über 243 Sprachen sekundenschnell durchsucht. Dieser spart Technikern täglich mehrere Stunden an Suchzeit, bedient Kunden schneller und sichert das geistige Eigentum der Firma. Zudem verkürzt und verbessert er die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeitender drastisch. Pioniere wie Viessmann oder Kärcher zeigen seit Jahren, wie man die Brücke zwischen Produkten und moderner Dateninfrastruktur schlägt, um operative Exzellenz zu erreichen.
Viele Unternehmen setzen KI ein, ohne die richtigen Grundlagen zu schaffen. Warum ist das gefährlich?
Knössel: Wer KI einsetzt, ohne seine Prozesse und die Datenbasis im Griff zu haben, setzt einen Hochleistungsmotor in ein Auto ohne Antrieb. Ohne eine saubere Datenplattform drohen Halluzinationen bei geschäftskritischen Entscheidungen. Genau da setzen wir an und unterstützen Unternehmen dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ein positives Beispiel ist der Snack-Hersteller Lorenz, der die Google Cloud nutzt, um datengetriebene Echtzeit-Entscheidungen über komplexe SAP-Systeme hinweg zu treffen, und das perfekte Fundament für verlässliche KI geschaffen hat.
„Digitale Souveränität“ ist zum politischen Schlagwort geworden. Wie überzeugen Sie einen Unternehmer, der sagt: „Meine sensibelsten Daten gehören nicht in die Cloud eines US-Konzerns“?
Knössel: Ich antworte ihm: „Ihre Daten gehören ausschließlich Ihnen!” Google kann seine Informationen technologisch nicht lesen, und wir untermauern dies durch einzigartige, zertifizierte europäische Partnerschaften – zum Beispiel durch „Workspace by Stackit“ aus der Schwarz Gruppe. Diese souveräne Lösung garantiert, dass Datenhaltung, Back-up-Infrastruktur und Key-Management vollständig in deutschen Händen liegen. Zusammen mit unseren Angeboten in Kooperation mit T-Systems oder Thales garantieren wir die Einhaltung europäischer Sicherheits- und Compliance-Vorgaben.
Google Cloud und SAP versprechen gemeinsam einen einfacheren Weg in die KI. Wo überschätzen Unternehmen die Möglichkeiten dieser Partnerschaft – und wo unterschätzen sie diese?
Knössel: Unternehmen unterschätzen oft die Vereinfachung des Datenzugriffs durch unser Zero-Copy-Verfahren, das komplexe Daten-Pipelines, sogenannte ETL-Pipelines, überflüssig macht und die Interaktion mit SAP-Daten via natürlicher Sprache ermöglicht. Mittelständler wie Sievert Baustoffe oder Carl Stahl zeigen bereits, wie man SAP-Workloads modernisiert und KI-gestützte Analysen zur Effizienzsteigerung nutzt. Überschätzt wird die Partnerschaft, wenn Unternehmen glauben, die Technologie nehme ihnen die Definition sauberer Geschäftsprozesse ab. Daten-Governance bleibt Hausaufgabe: Sind die Stammdaten im Enterprise Resource Plannung lückenhaft, kann auch die beste KI keine fehlerfreie Bedarfsplanung vorhersagen.
Was wird im deutschen Mittelstand durch KI schneller verschwinden: Routinetätigkeiten oder klassische Führungsaufgaben?
Knössel: Die klassische Führung verschwindet nicht, sondern erhält durch kollaborierende KI-Agenten ungeahnte Unterstützung. Führungskräfte werden von bürokratischem Kleinkram befreit und können sich wieder auf das konzentrieren, was den Mittelstand stark macht: Strategie, enge Kundenbeziehungen und menschliche Führung. Dies beweist zum Beispiel der IT-Dienstleister Materna Information & Communications. Mit dem auf Gemini Enterprise basierenden Assistenten „Kompass“ automatisiert Materna die wöchentliche Analyse von 150.000 Finanz-Datensätzen und entlastet Führungskräfte bei der Überprüfung noch nicht abgerechneter Dienstleistungsstunden.
Welche Entscheidung werden Unternehmer in den nächsten zwei Jahren am meisten bereuen: zu spät in KI investiert gesetzt zu haben oder zu früh auf den falschen Anwendungsfall?
Knössel: Sie werden es in meinen Augen bitter bereuen, zu spät investiert zu haben. Wer aus Angst vor Fehlern zögert, verliert den Anschluss im Wettbewerb und wird als Arbeitgeber unattraktiv. Es gibt keinen rein „falschen“ Anwendungsfall, sondern allenfalls nicht richtig durchdachte Projekte. Ein Fehlschlag ist ein wertvoller Lernprozess, der internes Wissen aufbaut. Wer aus Perfektionismus zu lange abwartet, baut eine kaum aufholbare „KI-Schuld“ auf. Die Innovationszyklen sind so kurz, dass abwartende Firmen Gefahr laufen, im globalen Wettbewerb abgehängt zu werden.

