Interview

Ist Frieden eine Utopie, Frau Friedlander?

Sie leitete das Europareferat im US-Finanzministerium, beriet den US-Präsidenten im Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus und lenkt heute als geschäftsführendes Vorstandsmitglied die Atlantik-Brücke. Ein Gespräch über tiefsitzende Missverständnisse zwischen den USA und Deutschland, gelassene Führung und die Frage, warum echte Partnerschaft Arbeit bedeutet.

Julia Friedlander in Namibia

30.10.2026

Frage von Vorgängerin Elke Benning-Rohnke: Sie kennen die USA und Deutschland nicht nur aus politischen Analysen, sondern aus eigener Erfahrung. Was verstehen beide Länder bis heute am häufigsten falsch voneinander?

Julia Friedlander: Was die Deutschen oft missverstehen an den USA ist, dass sie kein Land, sondern ein Kontinent sind. Wir haben zwar eine starke Bundesregierung in Washington, aber die USA bestehen aus 50 unterschiedlichen Bundesstaaten, die ihre eigene Politik führen und in verschiedenen Zeitzonen liegen. Und was die Amerikaner bei Deutschland oft unterschätzen, ist, dass es Teil der Europäischen Union ist und wie die Abstimmung innerhalb der europäischen Architekturen funktioniert. Deutschland ist als Führungskraft in Europa groß geschätzt, aber dass man sich mit anderen abstimmen muss, wird unterschätzt.

BIG BANG UNTERNEHMER: Und das ist ja fast schon wieder eine Gemeinsamkeit. Beide Länder sind in der Realität viel vielschichtiger und komplexer, als der Blick von außen nahelegt. Und in dieser Vielfalt: Welcher US-Staat ist Ihr liebster?

Friedlander: Ich bin New Yorkerin, das kriegt man nicht raus. Zum Studium bin ich weggezogen und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es da ist, als Erwachsene zu leben. Aber ich bin in Downtown Brooklyn groß geworden. Manhattan ist toll, aber an Brooklyn mag ich besonders, dass man den Himmel sieht, mehr Platz für Cafés ist und man einen etwas alternativeren Lebensstil pflegt.

Sie tragen das Wort „Frieden“ im Nachnamen und beschäftigen sich beruflich intensiv mit geopolitischen Konflikten. Ist Frieden eine Utopie?

Friedlander: Das sollte immer unser Ziel bleiben. Aber ich bin Realistin, sowohl in der Wirtschaftspolitik als auch in der Außenpolitik. Wir werden immer in einer Grauzone leben. Wir können uns freuen, hier in Deutschland und auch in den USA im technischen Frieden zu leben. Was mein Land gerade im Iran macht, kann man durchaus infrage stellen. Aber wir leben im Westen noch immer in einer außerordentlichen Zeit des Wohlstandes. Und wir können unsere Regierungen und Führungskräfte fordern, das immer weiter zu verbessern. Es ist – wortwörtlich – nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt tiefgreifende strukturelle Herausforderungen in allen westlichen Gesellschaften. Aber Frieden ist natürlich immer das Ziel. Ich würde nicht sagen eine Utopie, sondern etwas, das wir immer anstreben müssen.

Verstehen Sie sich in Ihrer vermittelnden Rolle im weitesten Sinne als Diplomatin?

Friedlander: Klassische Diplomaten und Diplomatinnen würden das sicher verneinen. Aber ich habe in meiner Arbeit oft vermittelt. Und in meiner heutigen Rolle habe ich viel mehr Zugang und diversere Ansprechpersonen. Ich will die Arbeit etwa im Auswärtigen Amt nicht kleinreden, aber man ist auch oft eingeengt in der eigenen Blase. Im Rahmen der Atlantik-Brücke kann ich offen mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sprechen.

Ok, nennen wir es also Vermittlerin. Welche drei Charaktereigenschaften braucht es dafür?

Friedlander: Geduld. Obwohl mein Mann sicher sagen würde, dass ich das nicht bin. Dann muss man auf eine gewisse Weise auch ein extrovertierter Mensch sein, um sich in so unterschiedliche Positionen hineinzuversetzen. Und als drittes braucht es eine gewisse geistige Flexibilität.

Gutes Stichwort. Wenn der Beruf aus ständiger Bewegung und Wandel besteht: Was bildet die persönliche Konstante in Ihrem Leben?

Friedlander: Die Konstante in meinem Leben ist tatsächlich Sport. Ich war früher Tänzerin, eine moderne Variante von Ballett. Das hatte ein natürliches Ende, weil ich ein akademisches Leben führen wollte. Danach habe ich etwas länger gebraucht, um etwas zu finden, wie ich nicht nur meinen Kopf, sondern auch meinen Körper nützlich verwenden kann. Und so bin ich zum Laufen gekommen, als Ausgleichsmechanismus zu meinem arbeitsreichen Alltag. Ich laufe heute ein-, zweimal im Jahr Marathon. Aber ich will nicht eine bestimmte Zeit erreichen. Es ist eine gewisse strukturierte Freiheit. Ich laufe komplett ohne Uhr oder irgendein Gerät, was alles von mir messen kann. Wir werden von allen Seiten von Technologie beherrscht. Ich will auch erkennen, wenn ich überlastet bin oder mein Herz zu schnell schlägt, ohne dass ein Gerät mir das sagt. Ich will selbst merken, wenn ich ein bisschen zu viel will.

Die Atlantik-Brücke wurde 1952 gegründet. Hätten Sie Ihre Position darin lieber in einer anderen Epoche gehabt?

Friedlander: Ich glaube tatsächlich, es ist genau der passende Moment, diesen Job zu haben. Ich mag keine einfachen Aufgaben. Ein Kontinent auf der einen Seite des Atlantiks und eine starke Wirtschaft im Zentrum Europas sind keine natürlichen Freunde, man muss daran arbeiten. In Zeiten, wo sich alles auf den Kopf stellt, darf man sich nicht in einen Opfermodus begeben und sagen: Deutschland ist jetzt ein Opfer von Trump. Denn auch Deutschland hat Fehler gemacht. Man muss eine ausgewogene Partnerschaft auf Augenhöhe schaffen.

Zum Schluss der Blick auf Führungskulturen: In großen Runden und Meetings können laute Stimmen viel Raum einnehmen. Welchen Rat geben Sie Nachwuchskräften und Frauen, um sich Gehör zu verschaffen?

Friedlander: Ich habe persönlich nie ein Problem damit gehabt, ich hatte vielleicht Glück mit guten Chefs und Chefinnen und meinen Stellen. Aber man sollte nie zögern, die Hand zu heben und zu sagen: Das ist meine Meinung dazu. Und dazu mit einer sehr konstanten Stimme sprechen. Die Leute hören zu. Und für jüngere Kolleginnen und Kollegen gilt: Immer in den Vordergrund rücken, immer etwas sagen und immer etwas Gutes sagen.

Julia Frielander

ist CEO der Atlantik-Brücke e.V.