Die Wechseljahre gelten in vielen Unternehmen noch immer als Tabuthema. Dabei betrifft die Lebensphase Millionen berufstätige Frauen. Häufig genau dann, wenn sie Führungsverantwortung tragen, Teams steuern und über jahrelange Erfahrung verfügen. Für Kerstin Hendricks ist das Ignorieren dieser Realität deshalb nicht nur ein kulturelles Problem, sondern ein wirtschaftliches Risiko. Im Interview spricht sie darüber, warum Unternehmen gerade jetzt umdenken müssen, welche Folgen das stille Ausscheiden erfahrener Mitarbeiterinnen hat und weshalb die Wechseljahre künftig Teil einer modernen Personalstrategie werden sollten.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Sie sagen, Unternehmen würden Frauen in den Wechseljahren noch immer übersehen, obwohl genau diese Gruppe oft zu den erfahrensten Mitarbeitenden gehört. Warum wird das Thema in vielen Unternehmen trotzdem noch als Privatsache behandelt?
Kerstin Hendricks: Die Wechseljahre haben es, trotz größerer medialer Aufmerksamkeit, noch nicht aus der Tabuzone geschafft, gesellschaftlich und damit auch in den Unternehmen nicht. Es fehlt vielen Organisationen schlicht das Know-how und auch die Sprache dafür, wie sie Mitarbeiterinnen in dieser Phase sinnvoll unterstützen können, damit Gesundheit und Leistungsfähigkeit stabil bleiben.
Was dabei oft übersehen wird: Es geht nicht um Fürsorge, sondern um unternehmerischen Nutzen. Wer diese Gruppe unterstützt, stärkt Bindung, Loyalität und Identifikation und hat positive Effekte auf die gesamte Belegschaft.
Natürlich spielt auch Unsicherheit eine Rolle. Die Angst, etwas falsch zu machen oder das Thema falsch anzusprechen, ist real. Und viele Entscheiderinnen und Entscheider gehören zu einer Generation, in der Wechseljahre schlicht kein Thema waren, weder in der Schule noch später. Das zieht sich übrigens bis heute durch, selbst im Medizinstudium ist das Thema nicht ausreichend verankert.
Wenn Unternehmen nichts sagen, senden sie trotzdem eine Botschaft. Nämlich die, dass man bitte funktioniert und Beschwerden für sich behält. Gerade für weibliche Führungskräfte ist das ein starkes Signal. Ich bin trotzdem zuversichtlich, weil wir sehen, dass andere Länder, etwa England, hier schon weiter sind. Und der Kern ist eigentlich ganz einfach: Wechseljahre sind privat im Erleben, aber nicht in ihren Auswirkungen auf Arbeit und Unternehmenskultur.
Rund 7,3 Millionen berufstätige Frauen in Deutschland befinden sich aktuell in den Wechseljahren. Warum ist das aus Ihrer Sicht längst kein reines Gesundheitsthema mehr, sondern eine strategische Frage für Unternehmen?
Hendricks: Weil wir über einen Zeitraum sprechen, der bis zu zehn Jahre dauern kann. Und dieser Zeitraum fällt genau in die Phase, in der Frauen beruflich auf ihrem Höhepunkt sind. Mitte, Ende 40, oft mit Führungsverantwortung und einem enormen Erfahrungswissen.
Genau dieser Umstand wird in vielen Unternehmen unterschätzt. Statistisch gesehen betrifft das rund 80 Prozent der weiblichen Belegschaft, wenn man die Altersspanne von 40 bis 60 betrachtet.
Die Zahlen sind eindeutig. Studien wie MenoSupport zeigen, dass etwa 30 Prozent der Frauen wegen Beschwerden der Wechseljahre bereits krankgeschrieben waren. Fast jede fünfte denkt darüber nach zu kündigen. Und ein Viertel hat Arbeitszeit reduziert. Gleichzeitig sagen 93 Prozent, dass sie mindestens ein Symptom haben.
Übersetzt heißt das: Hier geht es nicht mehr um kein Randthema, sondern um strukturelles Problem.
Für ein mittelständisches Unternehmen bedeutet das ganz konkret, dass ein relevanter Teil der Belegschaft betroffen ist und ein Teil davon potenziell verloren geht.
Und wenn wir dann noch auf den Fachkräftemangel schauen und die demografische Entwicklung, wird klar, dass es hier um eine strategische Frage von Bindung, VerfügbarkeitundZukunftsfähigkeit geht.
Diese Gruppe zu ignorieren, ist kein blinder Fleck mehr, sondern ein echtes Risiko.
Viele Firmen investieren derzeit in Recruiting, Female Leadership oder Gesundheitsangebote. Warum klafft ausgerechnet bei den Wechseljahren trotzdem noch eine so große Lücke?
Hendricks: Ein zentraler Grund ist, dass diese Themen in Unternehmen noch immer getrennt voneinander gedacht werden. Recruiting ist das eine, Führungskräfteentwicklung das andere, Gesundheit wieder etwas anderes. Und genau da fallen die Wechseljahre durch.
Dabei sind sie eigentlich der Punkt, an dem alles zusammenläuft. Es geht nicht um Wiedereinstieg oder Vereinbarkeit, sondern um eine Phase, in der Frauen gleichzeitig leistungsfähig sein sollen, führen, Wissen tragen und gleichzeitig körperliche Veränderungen erleben.
Wenn man es richtig betrachtet, sind die Wechseljahre kein Zusatzthema, sondern ein Brennglas für bestehende Strukturen. Was fehlt, ist dieser Perspektivwechsel: Zu verstehen, dass hier ein verbindendes Handlungsfeld liegt, nicht ein weiteres Einzelthema.
Besonders spannend finde ich die wirtschaftliche Dimension: Sie sprechen von Milliardenkosten und Millionen Fehltagen. Wo zeigen sich die Auswirkungen im Unternehmensalltag konkret, auch jenseits von Krankmeldungen?
Hendricks: Die Zahlen zeigen sehr klar, dass viele Frauen sich am Arbeitsplatz mit dem Thema allein fühlen. Über die Hälfte erlebt es als Tabu. Und gleichzeitig wünschen sich zwei Drittel mehr Offenheit.
Im Alltag sehen wir vor allem zwei Bewegungen.
Die eine ist der stille Rückzug: Frauen ziehen sich zurück, zweifeln an sich, hinterfragen ihre Leistungsfähigkeit. Das passiert leise und ist für Unternehmen kaum sichtbar, bis es zu spät ist.
Die andere Bewegung sehen wir gerade bei Führungskräften. Da passiert oft das Gegenteil: maximale Präsenz trotz Belastung. Symptome werden überspielt, Leistung wird weiterhin gebracht, koste es, was es wolle. Und genau das wird häufig noch als Normalität erwartet. Beides ist für Unternehmen problematisch, weil es langfristig Substanz kostet.
Viele Frauen sprechen im Job offenbar nicht offen über Beschwerden, sondern ziehen sich eher zurück oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Warum ist genau dieses stille Ausscheiden für Unternehmen so gefährlich?
Hendricks: Der entscheidende Punkt ist: Es ist kein klassisches Problemverhalten. Es gibt keinen Konflikt, keine Eskalation, keinen Moment, in dem man eingreifen kann. Der Rückzug passiert schleichend. Erst innerlich, dann faktisch. Und es geht eben nie nur um eine Person.
Es geht um Erfahrung, um Netzwerke, um Kundenbeziehungen, um implizites Wissen. Dinge, die man nicht einfach ersetzt. Wenn Unternehmen erst reagieren, wenn Fehlzeiten steigen, sind sie eigentlich schon zu spät. Der entscheidende Punkt ist: Bindung entsteht vorher oder sie geht verloren, bevor Zahlen sichtbar werden.
Sie plädieren dafür, Wechseljahre professionell im Unternehmen zu verankern, unter anderem mit speziell ausgebildeten Wechseljahremanagerinnen. Was genau steckt hinter dieser Rolle und welche Aufgaben übernehmen diese Personen im Arbeitsalltag?
Hendricks: Diese Rolle ist im Grunde eine Übersetzungsleistung im Unternehmen. Zwischen Strategie und Alltag, zwischen Struktur und individueller Situation. Wechseljahremanagerinnen entwickeln gemeinsam mit den relevanten Bereichen Maßnahmen, die zum Unternehmen passen, und sorgen dafür, dass diese auch wirklich umgesetzt werden. Sie halten das Thema zusammen.
Sie sind also keine medizinischen Expertinnen und auch keine klassischen Coaches. Vielmehr sind sie diejenigen, die das Ganze orchestrieren, evaluieren und langfristig verankern. Das kann in HR angedacht sein, im Gesundheitsmanagement, im Bereich Diversity oder auch in Kommunikationsfunktionen. Wichtig ist weniger der Ort, sondern die Funktion: Verantwortung übernehmen, dranbleiben und Wirkung sichern.
Was können Unternehmen schon heute tun, um betroffene Mitarbeiterinnen besser zu unterstützen, auch ohne sofort große Programme oder Budgets aufzusetzen?
Hendricks: Der erste Schritt ist tatsächlich der einfachste: Das Thema muss sichtbar gemacht werden.
Ein guter Einstieg ist ein fundierter, digitaler Vortrag zum Basiswissen. Externe Expertise hilft, weil sie Neutralität reinbringt. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass wirklich alle eingeladen sind.
Wechseljahre sind kein Frauenthema, sondern ein Unternehmensthema. Und danach sollte man nicht aufhören. Feedback einholen, schauen, was gebraucht wird, und darauf aufbauen. Der größte Fehler wäre, es bei einer einmaligen Maßnahme zu belassen.
Wenn wir ein paar Jahre nach vorne schauen: Wie würde aus Ihrer Sicht ein Unternehmen aussehen, das das Thema Wechseljahre wirklich modern, professionell und wirtschaftlich sinnvoll integriert hat?
Hendricks: Diese Unternehmen würden Gesundheit ganzheitlich denken und Prävention ernst nehmen.
Und so verstehen, dass Frauengesundheit nicht erst bei den Wechseljahren beginnt und dort auch nicht aufhört.Ich spreche hier gerne von einem Dreiklang: Business, Bildung und Biologie. Das gehört zusammen und muss gezielt gefördert werden.
Prävention in den Wechseljahren würde immer auch bedeuten, langfristig zu denken, in Richtung gesunde Lebensspanne. Herzgesundheit, Knochengesundheit, Stoffwechselthemen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Und damit sind wir automatisch bei Themen, die das gesamte Unternehmen betreffen, nicht nur Frauen. Begleitet von klaren Strukturen und entsprechender Expertise im Unternehmen.


