Gastbeitrag

Leadership

CEO-Nachfolge: Wann Stallgeruch zum Vorteil wird – und wann zur Betriebsblindheit

Interne CEO-Nachfolge klingt oft nach einer naheliegenden Lösung. Wer das Unternehmen kennt, kennt seine Kultur, seine Produkte, seine Kunden, seine informellen Netzwerke und die unausgesprochenen Regeln der Organisation. Gerade in unsicheren Zeiten kann das ein enormer Vorteil sein. Eine interne Führungsperson muss nicht erst lernen, wie das System funktioniert. Sie weiß, wo Widerstände entstehen, welche Themen sensibel sind und welche Hebel tatsächlich Wirkung entfalten.

Foto von zwei Hähnen auf einem Zaun, als Symbolbild für das Thema CEO-Nachfolge

24.06.2026

Doch genau darin liegt auch das Risiko. Stallgeruch ist kein Makel. Gefährlich wird er erst, wenn Vertrautheit die Sicht vernebelt. Die entscheidende Frage bei der CEO-Nachfolge lautet deshalb nicht: Kommt die Person von innen oder von außen? Sondern: Braucht das Unternehmen Kontinuität, eine Kurskorrektur oder einen Bruch mit alten Mustern?

Interne CEO-Nachfolge ist eine Kontextentscheidung

Eine interne CEO-Nachfolge kann besonders stark sein, wenn ein Unternehmen vor allem Stabilisierung, Umsetzungskraft und kulturelle Mobilisierung braucht. Wenn das Geschäftsmodell grundsätzlich trägt, die Strategie eher weiterentwickelt als neu erfunden werden muss und kurzfristig Performance gefordert ist, kann interne Erfahrung helfen. Eine Führungsperson aus dem Unternehmen weiß um die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Organisation. Sie kennt nicht nur die offiziellen Strukturen, sondern auch informelle Netzwerke, politische Dynamiken und historische Entscheidungen.

Das kann Geschwindigkeit und Vertrauen schaffen. Und es kann Reibungsverluste reduzieren, weil die Organisation die Person bereits erlebt hat. Besonders in Unternehmen mit starker Kultur oder ausgeprägtem Wir-Gefühl kann das ein Vorteil sein. Veränderung entsteht dort nicht allein über Strategiepräsentationen, sondern über Glaubwürdigkeit im System. Wer diese Glaubwürdigkeit bereits besitzt, kann oftmals schneller mobilisieren.

Gleichzeitig braucht gerade eine interne Besetzung einen besonders nachvollziehbaren Auswahlprozess. Wer intern befördert wird, verändert immer auch Erwartungen, Loyalitäten und Machtgefüge. Deshalb sollte transparent sein, nach welchen Kriterien entschieden wurde – nicht, um jede Entscheidung basisdemokratisch zu erklären, sondern um Vertrauen in die Fairness und Zukunftslogik der Nachfolge zu schaffen.

Wann Nähe zum System zum Risiko wird

Diese Nähe kann jedoch zur Schwäche werden. Das gilt vor allem dann, wenn das Unternehmen vor einem grundlegenden Wandel steht: technologischer Umbruch, neue Wettbewerber, Plattformmodelle, strategische Neuausrichtung oder wirtschaftliche Schieflage.

In solchen Situationen kann eine interne CEO-Nachfolge problematisch werden, wenn die Person selbst Teil jener Entscheidungen war, die nun korrigiert werden müssen. Dann geht es nicht mehr nur um Kompetenz, sondern um Unabhängigkeit. Kann jemand frühere Annahmen offen hinterfragen? Kann jemand Entscheidungen verbessern, die er oder sie selbst mitgetragen hat? Und kann jemand persönliche Loyalitäten zurückstellen, wenn harte Personal- oder Portfolioentscheidungen nötig werden?

Typische Risiken interner CEO-Nachfolge sind weniger fachliche Defizite als blinde Flecken im System. Dazu gehören Loyalitätskonflikte gegenüber früheren Kolleginnen und Kollegen, politische Altlasten, eine zu starke Bindung an bestehende Strategien oder ein fehlender Blick von außen. Im schlechtesten Fall entsteht kein echter Neuanfang, sondern ein gut abgestimmtes „Weiter so“ mit kleineren Anpassungen.

Für ein Unternehmen kann diese Symbolik gefährlich sein, denn eine interne Besetzung sendet nach außen und innen ein Signal. Es kann heißen: Wir setzen auf Kontinuität, Vertrauen und Umsetzung. Es kann aber auch bedeuten: Wir wollen uns nicht wirklich verändern.

In solchen Situationen kann der Blick von außen wertvoll sein. Externe Führungspersönlichkeiten haben nicht automatisch die bessere Antwort, aber häufig andere Vergleichsmaßstäbe: Erfahrungen aus anderen Branchen, neue Geschäftslogiken, alternative Führungsmodelle oder die Bereitschaft, ein Top-Team neu zusammenzustellen. Gerade wenn ein Unternehmen nicht nur besser umsetzen, sondern grundlegend anders denken muss, kann diese Distanz entscheidend sein.

„Kennt das Unternehmen“ reicht nicht mehr aus

Unternehmenskenntnis ist wertvoll, aber sie beschreibt vor allem, wie ein System bisher funktioniert hat. CEO-Nachfolge muss jedoch beantworten, wer die Organisation in ihre nächste Phase führen kann. Deshalb reicht „kennt das Unternehmen“ als Auswahlkriterium nicht aus. Boards, Beiräte und CHROs sollten prüfen, ob eine interne Führungsperson unter veränderten Marktbedingungen einen Kurs neu ausrichten kann. Dazu gehören strategische Anpassungsfähigkeit, kommunikative Autorität, Konfliktfähigkeit, Technologieoffenheit und die Bereitschaft, eigene Fehlentscheidungen einzugestehen und zu korrigieren.

Denn CEO-Nachfolge wird heute stark von externen Faktoren geprägt: technologische Umbrüche, neue Wettbewerbslogiken, geopolitische Unsicherheit, veränderte Eigentümererwartungen oder neue Anforderungen an Geschwindigkeit und Resilienz. Wer nur das bestehende System versteht, versteht noch nicht automatisch die Kräfte, die dieses System verändern.

Ebenso wichtig ist Selbstreflexion. Eine interne Person muss nah genug am System sein, um Wirkung zu entfalten, aber unabhängig genug, um es kritisch zu hinterfragen. Genau an dieser Trennlinie entscheidet sich, ob aus Stallgeruch ein Vorteil wird oder Betriebsblindheit entsteht.

Diagnostik statt Bauchgefühl

Gerade bei interner CEO-Nachfolge ist die Versuchung groß, sich auf Reputation, bisherige Performance oder persönliche Bekanntheit zu verlassen. Das ist verständlich, aber riskant. Wer lange sichtbar war, ist nicht automatisch transformationsfähig. Anschlussfähigkeit im System darf nicht mit Veränderungsfähigkeit verwechselt werden.

In internen Nachfolgeprozessen zeigt sich häufig ein Muster: Wer lange im Unternehmen ist, kann Unterstützung schnell über bestehende Netzwerke organisieren. Das ist legitim und oft sogar notwendig. Problematisch wird es, wenn diese Anschlussfähigkeit als Beleg für Transformationsfähigkeit gelesen wird. Zustimmung im System zeigt noch nicht, ob jemand dieses auch verändern kann.

Professionelle Diagnostik kann helfen, diese Unterscheidung sauberer zu treffen. Sie ersetzt nicht das Urteil des Boards, aber sie macht zentrale Fragen prüfbarer: Wie belastbar ist die Person unter Druck? Wie geht sie mit Widerstand um? Kann sie strategisch unabhängig denken? Wie kommuniziert sie unbequeme Entscheidungen? Wie stark ist ihre Fähigkeit, ein Führungsteam neu auszurichten?

Drei Board-Fragen vor der internen CEO-Nachfolge

Vor einer internen CEO-Nachfolge sollten Entscheidergremien nicht nur auf Erfahrung, Reputation oder interne Bekanntheit schauen. Entscheidend sind drei Fragen:

  1. Ist das Geschäftsmodell zukunftsfähig – und welche Fähigkeiten braucht die nächste Phase?
  2. Kann die Person nicht nur die richtigen Antworten geben, sondern auch die richtigen Fragen stellen?
  3. Verändert die Beförderung das interne Machtgefüge so, dass Führung leichter oder schwieriger wird?

    Diese Fragen sind unbequemer als diejenige nach Unternehmenskenntnis. Aber sie führen näher an die eigentliche Aufgabe: die Person zu finden, die das Unternehmen nicht nur versteht, sondern weiterentwickeln kann.

    Nicht Herkunft entscheidet, sondern Veränderungsfähigkeit

    Interne CEO-Nachfolge ist weder automatisch die sichere Wahl noch automatisch ein Risiko. Sie ist dann stark, wenn Systemwissen mit Veränderungsfähigkeit zusammenkommt. Sie wird riskant, wenn Nähe zum Unternehmen kritische Distanz ersetzt. Für Boards und CHROs bedeutet das: Die beste Nachfolgeentscheidung beginnt nicht mit der Frage, wer die Organisation am längsten kennt. Sie beginnt mit der Frage, wer sie unter neuen Bedingungen führen, herausfordern und in die Umsetzung bringen kann.

    Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein CEO aus dem Unternehmen kommt. Entscheidend ist, ob diese Person nah genug am System ist, um Wirkung zu entfalten – und unabhängig genug, um es kritisch zu verändern.

    Porträtfoto von Stefan Diemer

    Stefan Diemer

    ist Partner bei DHR Global in München und verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Executive Search. Sein Schwerpunkt liegt auf der Besetzung von Führungs- und Schlüsselpositionen für mittelständische, inhabergeführte Unternehmen ebenso wie für Konzerne, Boards und Private-Equity-nahe Organisationen. Diemer studierte Psychologie und Informatik mit Fokus auf Organisationspsychologie und Diagnostik an der Universität des Saarlandes.